Robert Seethaler: Ein ganzes Leben
Klappentext:
Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen. Eine einfache und tief bewegende Geschichte.
Nachdem ich das Buch über die Jahre immer mal wieder gelesen habe, war es an der Zeit meine Eindrücke neu schriftlich festzuhalten. Die Faszination des Buches hat über die Zeit nicht nachgelassen.
Direkt von der ersten Seite an war ich von der Geschichte und dem Buch gefangen. Es beginnt mit einer recht harten Episode, in der erzählt wird, wie Andreas Egger den kranken Ziegenhirten Hörnerhannes ins Tal trägt, dieser ihm von der Trage hüpft, in den Schnee rennt, um dem Tod von der Schippe zu springen und nicht mehr gesehen wird.
Mit dem nächsten Kapitel wird die Lebensgeschichte des Außenseiters Andreas Eggeres chronologisch erzählt, der nach dem Tod seiner Mutter als kleiner Junge auf den Hof seines Onkels in ein Bergdorf gebracht wird.
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Trude Teige: Wir sehen uns wieder am Meer
Klappentext:
Und dann werden wir tanzen: Drei mutige Frauen, die durch unverbrüchliche Freundschaft überleben
2024: Juni Bjerke erhält einen Anruf. Erst jetzt erfährt sie vom Schicksal der geliebten Freundinnen ihrer Großmutter Tekla.
1944: Norwegen ist von den Deutschen besetzt. Die junge Krankenschwester Birgit begegnet der 16-jährigen Nadia, die aus der Ukraine zur Zwangsarbeit in der Fischfabrik verschleppt wurde. Als Birgit sich dem Widerstand anschließt und Nadia einen Kollaborateur trifft, geraten sie in höchste Gefahr. Ihre Geheimnisse teilen sie nur mit dem ‚Deutschenmädchen‘ Tekla. Weit über den Krieg hinaus müssen die Freundinnen Entscheidungen fällen, die noch das Leben ihrer Kinder und Enkel prägen werden.
Was uns bis heute prägt: Von Menschlichkeit in schweren Zeiten und dem Aufbau einer neuen Zukunft – der große neue Roman der norwegischen Erfolgsautorin.
„Erzählen ist wichtig. Um selbst leben zu können, müssen wir wissen, was unsere Familien erlebt haben. Die Kriegserlebnisse von Frauen sind dabei genauso dramatisch wie die der Männer. Die Historiker haben die Frauen im Stich gelassen. Was ich suche, ist das, was verschwiegen wurde.“ Trude Teige
Eine junge Widerstandskämpferin, eine Zwangsarbeiterin und ein »Deutschenmädchen« werden zu Schicksalsfreundinnen.
In „Wir sehen uns wieder am Meer“ gibt es ein kurzes Wiedersehen mit Tekla, deren Geschichte in „Als Großmutter im Regen tanzte“ erzählt wurde. (Sehr empfehlenswert)
Dieses Mal wird auf 400 Seiten die Geschichte ihrer Freundin Birgit, beginnend im Jahr 1944, erzählt. Birgit arbeitet im besetzten Norwegen als Krankenschwester. Hier lernt sie die 16-jährige Zwangsarbeiterin Nadja aus der Ukraine kennen und ist entsetzt über die Zustände im Lager, die von Hunger, Krankheit und vielen Kindern geprägt sind. Diese wiederum trifft sich später mit dem Wächter Walter und wird schwanger.
Im Laufe der Handlung freunden sich die beiden an, Birgit schließt sich dem Widerstand an und verliebt sich in einen russischen Kriegsgefangenen Sascha, der mehr tot als lebendig aus dem Kriegslager flüchtete und auf dem Dachboden des Krankenhauses gepflegt wird. Von dort wird er später nach Schweden fliehen.
Anhand dieser Hauptfiguren wird die Geschichte der Besetzung Norwegens und der Zeit danach erzählt. Die Geschichte der sowjetischen ZwangsarbeiterInnen und der Kriegsgefangenen, die im hohen Verhältnis zur Einwohnerzahl Norwegens standen.
Birgits Geschichte endet nicht mit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Auch danach wird sie als Dolmetscherin eingesetzt.
In den letzten Kriegstagen noch von den Deutschen gefoltert, erleidet sie in lebenslanges Trauma.
Sie nimmt einen Job als Spionin in Moskau an, in der Hoffnung ihre Liebe Sascha wiederzufinden. Als Sekretärin arbeitet sie in der Botschaft. Später geht es wieder zurück nach Norwegen, wo sie Spionagevorwürfen ausgesetzt wird. Der Kontakt zu Nadja und ihrem Kind bleibt über die Jahre bestehen.
Ob Sascha und Birgit zusammenfinden können verrate ich nicht, da damit zu viel verraten werden könnte.
„Wir sehen uns wieder am Meer“ ist Band 3 der Großmutter Trilogie und kann als Buch für sich gelesen werden. Unbewusst habe ich es immer wieder „Als Großmutter im Regen tanzte“ verglichen, so sehr ich es auch versuchte zu vermeiden.
Die historischen Begebenheiten sind gut beschrieben und wieder habe ich etwas dazugelernt. Doch leider kam mir Birgit als Charakter nicht nahe. Trotz allem, was ihr widerfahren ist, berührte sie mich nicht. Das fand ich schade. Lag es daran, dass ich häufig da Gefühl hatte eine Geschichte vor mir zu haben, die „herunter erzählt wird“?
Zum Schluss gibt es ein Wiedersehen mit Thekla, Nadja und Birgit in Theklas Haus. Somit findet Thekla noch Eingang ins Buch. Ihre Erwähnungen zuvor waren überschaubar.
Wer sich mit der Geschichte des besetzten Norwegens, der dortigen sowjetischen Kriegsgefangenen und den Zwangsarbeiten auseinandersetzen möchte, kommt hier auf seine Kosten. Wer eine interessante berufliche Laufbahn einer norwegischen Krankenschwester mit russischen Sprachkenntnissen lesen möchte, wird ebenfalls auf seine Kosten kommen. Mir reichte es irgendwie leider nicht, so dass ich nur 3 Sterne von 5 Sternen vergebe.
Yuko Kuhn: Onigiri
Klappentext:
Eine deutsch-japanische Familiengeschichte, wie man sie noch nicht gelesen hat. »Zum Heulen schön.« (Doris Dörrie)
Als Aki erfährt, dass ihre Großmutter gestorben ist, bucht sie zwei Flüge. Ein letztes Mal will sie ihre Mutter zu ihrer Familie in Japan bringen, auch wenn sie weiß, wie riskant es ist, einen dementen Menschen aus der gewohnten Umgebung zu reißen. Und wirklich hat sie Keiko noch nie so verloren erlebt wie in der ersten Nacht im Hotel. Doch dann sitzen sie beim Essen im alten Elternhaus, und plötzlich spricht sie, die so still geworden ist, fröhlich und klar für sich selbst. Erst auf dieser Reise erkennt Aki in ihrer Mutter die mutige und lebenshungrige Frau, die sie einmal war, bevor sich in Deutschland diese große, für Aki so bedrohliche Müdigkeit über sie legte. Mit sanfter Klarheit lässt Yuko Kuhn die faszinierende Geschichte einer deutsch-japanischen Familie entstehen, die zwischen den Kulturen verloren geht und sich neu findet.
Den Klappentext interpretierte ich, dass die letzte Reise nach Japan einer Tochter mit ihrer dementen Mutter im Mittelpunkt steht. Dem ist nicht so. In diesem Roman geht es um Migration und die Geschichte einer deutsch-japanischen Familie, sowie eine Mutter-Tochter Geschichte über mehrere Generationen.
Die Tochter Aki fliegt nach dem Tod der Großmutter mit ihrer Mutter Keiko nach Japan. Es ist klar, dass dies für die demente Mutter die letzte Reise nach Japan sein wird. Statt im Hotel übernachten sie im Haus des Onkels. Hier findet Aki viele Briefe, die ihre Mutter über einige Jahrzehnte an ihre eigene Mutter schrieb. Dabei wird ihr bewusst, dass Keikos Leben nicht immer aus der lähmenden Müdigkeit bestand, sondern sich eine mutige Frau in den 70er Jahren nach Deutschland aufmachte. Die Kraft hierzu bekam sie auch von ihrer eigenen Mutter.
Diese Beschreibung ist ein Teil der Erzählung über ihre Mutter und die Familie, die aus ihrem Bruder Kento und ihrem psychisch kranken Vater aus reichem Hause besteht, der sich nie vor die eigene Ehefrau gestellt hat, die in den Augen seiner Mutter nur ungenügend für den Sohn und die reiche Familie war. Der Vater verlässt nach einem Suizidversuch die Familie, so dass Keiko ihre Kinder Aki und Kento alleine aufzieht, die aber auch in die Welt der reichen Großeltern eintauchen.
Die deutsche und japanische Kultur wird gut beschrieben und als nicht mit der japanischen Kultur Vertraute konnte ich einiges lernen.
In vielen kurzen Kapiteln und ebenfalls häufig kurzen Sätzen wird diese Geschichte erzählt, die sich über verschiedene Erzählebenen und viele kleine Erinnerungen erstreckt. Häufig ist nicht sofort ersichtlich, auf welcher Zeitebene gerade erzählt wird.
Zu Beginn des Buches dachte ich, „welches Kleinod“, „die Seiten muss ich mir einteilen“. (Das Buch umfasst nur 208 Seiten)
Dieses Gefühl ließ recht schnell nach. Die Aneinanderreihung von erzählten Momenten las sich für mich teilweise wie Auszüge aus einem Schulaufsatz. Auf mich wirkte es so, als hätte sich Yuko Kuhn in Kaffeepausen daran gesetzt etwas über ihre Familie zu erzählen. Im Grunde genommen hätte ich nach jedem Kapitel stoppen können und irgendwann weiterlesen können. Da die zeitliche Einordnung oft fehlte, wäre dies nicht schwierig gewesen. Die Familiengeschichte ist interessant und Demenz wird einem näher gebracht. Doch mit dem Stilmittel der kurzen Sätze, der kurzen Kapitel, der distanzierten Erzählweise und den Erinnerungssplittern kam ich immer schlechter zurecht.







