BuchClub – nun gibt es ihn bereits ein Jahr 🙂

Der klassische BuchClub versank über die Jahre in der Versenkung. Verband auch ich damit steife, englische Damen, die sich bei einer Tasse Tee, den kleinen Finger abgespreizt, mit wohl akzentuierten Worten über Literaturklassiker austauschten, so wollte ich es anders machen.
In Baden-Württemberg sammelte ich über sieben Jahre Erfahrung, in dem ich regelmäßig bei der Stadtbibliothek Bücher vorstellte, die im Anschluss ausgeliehen werden konnten. Die TeilnehmerInnen konnten die Vorstellungen auf meinem Blog nachlesen.

Mit dem Umzug ins Ruhrgebiet nahm die Idee Fahrt auf und mit „Die Kulturküche“ fand sich ein geeigneter Ort.
Am 28. September 2025 fand das erste Treffen von „Lesezeichen – BuchClub Herne – Das Original“ statt. Wir feiern in wenigen Tagen 1-jähriges.
Im ca. 6 Wochen-Rhythmus treffen wir uns mit maximal 10 TeilnehmerInnen. Teilen Gedanken wie, was sind unsere Lieblingsstellen, wie gefällt uns die Sprache, nimmt der/die Autor*in uns gefühlsmäßig mit?
Aus drei Vorschlägen, dem Genre Romane und Biographien, stimmen wir ab und lesen das Buch bis zum nächsten Treffen. Da ich regelmäßig Rezensionsexemplare erhalte, die man nicht unbedingt auf den ersten Blick in Buchhandlungen sieht, finden diese gelegentlich auch den Weg auf die Vorschlagsliste.
Doch geht es nicht nur um das Buch an sich. Ich recherchiere über Autor und Werk, so dass der Austausch noch etwas abgerundet wird.
Im Gegensatz zu anderen BuchClubs können auch TeilnehmerInnen kommen, die Lesetipps erhalten, einfach einen Kaffee trinken möchten und die Gesellschaft von an Büchern interessierten Menschen genießen möchten.

Interesse an der Teilnahme? Dann melde dich.
Anmeldung: sabine@schreiben-von-innen.de

Sven Regener: Frankie und Freddie

Klappentext:
Zwei Brüder, Frankie und Freddie Lehmann. Eine verlorene Tasche. Schnee. Und das Hin und Her der Himmelsmacht.
Frankie und Freddie Lehmann, zwei Brüder aus Bremen, in Westberlin, im Jahr 1980. Während der eine seit Wochen damit beschäftigt ist, in Kreuzberg Fuß zu fassen, will der andere weiterziehen nach New York, musste aber erst einmal am Kudamm im Probandenhotel wohnen und als Versuchskaninchen für Antidepressiva herhalten. Jetzt, einen Tag vor Heiligabend, hat er Angst vor Menschen, kann nicht mehr U-Bahn fahren und verliert eine wichtige Tasche.
Sven Regener schickt die beiden auf eine Odyssee durch eine Stadt zwischen den Welten, einen Ort von Spaß und Kälte, Trotz und Anarchie, Resignation und Überlebenswillen. Ein Roman über Brüder, Aufbrüche und plötzliche Liebe – klug, poetisch, warmherzig und sehr, sehr lustig.

Beim Lesen habe ich mich königlich amüsiert. Jungfräulich ließ ich mich auf „Freddie und Frankie“ ein, da ich bisher kein Buch von Sven Regener gelesen habe.
Einen Tag vor Heiligabend in Berlin des Jahres 1980 beginnt die Handlung um die beiden Lehmannbrüder. Freddie wird nach Weihnachten nach New York ziehen. Um den Aufenthalt zu finanzieren, nahm er in einem Probandenhotel an einer Studie für Antidepressiva teil. Frankie wohnt seit einigen Wochen in dessen Berliner WG und fasst dort allmählich Fuß. Mit Anlaufschwierigkeiten holt er bei starkem Schneefall seinen Bruder in dem Probandenhotel ab und bemerkt nicht nur dort Veränderungen an seinem älteren Bruder. „Freddie, der Bruder aus dem Ruder.“
Kurz darauf fällt Freddie seine vergessene Tasche unter der Matratze mit den Unterlagen, wie Reisepass, ein. Dort befindet sie sich nicht mehr und nun beginnt die Suche in Berlin. Gepaart mit der Frage, wo und wie die Weihnachtsfeiertage zu verbringen sind.
Mit humorigen Beschreibungen von Berlin und skurrilen Momenten nahm mich Sven Regener schnell auf die Lesereise, die eine Reise durch Berlin auf der Suche nach der verlorenen Tasche ist. In die teilweise langen Sätze und vielen Dialoge fand ich mich schnell ein. Letztere beweisen gute Beobachtungen und sind meist von Wärme geprägt.
Die Hauptcharaktere mit ihren Spitznamen und liebevollen Zeichnungen mochte ich von Beginn an. Wie kann man die WG-Bewohner nicht ins Herz schließen? Inkl. dem „Malen nach Zahlen Nachbarn Marco?“ Sven Regener schafft es grandios schräge Typen zu erschaffen, ohne sie zu bewerten, abzuwerten oder ins Lächerliche abdriften zu lassen. Im Gegenteil: Olli z.B., mit dem Tankstellentick, seinem Overall mit vielen Shell Patches, an einer ARAL-Tanke herumlungernd ist ein Kleinod für die Geschichte.
Nicht minder mochte ich die Beschreibung des IKEA-Musterzimmers und Freddies Betrachtungen über Berlin. Freddie, der eigentlich Manfred heißt, in der Heimat Mannie genannt wird, was Franke mehrmals erwähnen muss.
Ich mag den verwendeten Humor und lachte einige Male laut mit.
Kommt der Bruder wieder ins Ruder? Wird die Tasche gefunden? Wo und wie feiern sie Weihnachten?
Auf alles gibt es eine Antwort.
Vermutlich kann man dieses Buch nur mögen oder überhaupt nicht mögen. Es gibt kein dazwischen. Eindeutig gehöre ich nun zur ersten Fraktion und werde mich in nächster Zeit in die Geschichten um die Lehmannbrüder einlesen. Die 288 Seiten waren für mich Lesevergnügen pur.

„Read what I see“: Sommermomente

Mit viel Glück hatte ich auf der Terrasse einen Platz unter einem Schirm ergattert. Es ist früh am Morgen, doch die Sonne brennt bereits unbarmherzig und heizt die Stadt in kürzester Zeit auf. Das heiße Wetter beherrscht die Gesprächsthemen im Freundeskreis sowie in den Medien. Vergessen werden die Tage im Juni, die meist weit unterhalb der 30 Grad Marke lagen. Wahrgenommen werden die aktuellen heißen Tage oberhalb dieser Grenze.
Mein Latte Macchiato schmeckt mir trotz der Hitze. Abwechselnd trinke ich einen Schluck davon, gefolgt von einem Schluck Eiswasser, während ich in einem Buch lese. Eine Wespe verirrt sich in meinem Latte und träge beobachte ich, wie sie sich aus dem Glas heraus hangelt, um im nächsten Moment wieder darin zu versinken. Mit dem Strohhalm könnte ich an ihr vorbei einen Schluck trinken. Doch befürchte ich sie ungewollt mit aufzusaugen und von ihr gestochen zu werden. Gerne verzichte ich auf diese Erfahrung.
Durch ein Gespräch lasse ich mich ablenken. Eine Frau unterhält sich mit ihrem Freund. Ihre schlanken Beine stecken in recht kurzen Hosen. Ihr scheint es sehr warm zu sein. Mit einem Fächer fächelt sie sich Luft zu, während ihr Freund ihr etwas Schweiß aus dem Gesicht wischt. Auch ihre Arme sind mit einem Schweißfilm bedeckt. Als sie aufsteht, höre ich erst ein schmatzendes Geräusch, dem ein lautes folgt. Anscheinend haben auch ihre Beine geschwitzt, denn ihr Po und die Beine klebten beim Aufstehen am Stuhl fest, der mit lautem Gepolter zu Boden fällt. Es scheint, als schaut das ganze Café gerade in diesem Moment von Büchern, Zeitungen und aus Gesprächen auf. Auf ihren Po und auf ihre Beine, die tiefe Druckspuren des Stuhls auf sich tragen.
In meiner langen Leinenhose fühle ich mich recht luftig bekleidet und vor solch einem Malheur geschützt.
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