Kurzgeschichte: Frau K. mit C.

Ich möchte vorstellen: Frau K. mit C.:
Unzufrieden mit ihrem Vornamen betont sie bei jeder unpassenden Gelegenheit – denn passende gibt es nicht – dass ihr Vater sich bei der Namensgebung durchsetzte und sie somit auf den Namen K. getauft wurde. Sie empfand und empfindet den Namen als zu gewöhnlich für ein Mädchen. In einem Anfall von Kreativität benannte sie sich in Catja mit C.! um. Ein Charakterwechsel oder ähnliches ging damit nicht einher.
Als Russlanddeutscher bedeutete ihrem Vater der Name K. sehr viel. Es war der Beginn der 70er Jahre und sie konnte sich glücklich schätzen nicht auf Nicole oder Claudia getauft worden zu sein. Oder gar Olga, dem Favoriten ihrer Mutter. Heutzutage verbindet man damit eher agressive, wütende Holstein-Rinder.
Sie stellt die fleischgewordene Snickers Werbung: „Du bist nicht Du, wenn Du hungrig bist“ dar. Ihr Gebahren ist kein Mummpitz, sondern ein Zustand, der auf ihr Umfeld irritierend wirkt. Würde es helfen, wenn sie sich täglich ein Snickers impfen würde? Nein, diese Idee ist zu aberwitzig.
Da sie nicht nur kluge Menschen, Hunde, um die Ecke denken, Wechsel, sondern auch Spritzen ängstigen, würde sie sich es vermutlich eher nicht trauen. Obwohl – anschließend würde sie den größten Applaus einfordern.

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Loise Kennedy: Red

Klappentext:
»Man kann Menschen nicht retten, das haben wir beide gelernt.«

Es sind die 1980er-Jahre, Róisín ist 15, in ihrem kleinen irischen Städtchen gilt sie als Außenseiterin. Sie und ihre Ma leben in einem bescheidenen, nasskalten Haus – still ist es geworden, seit ihr Vater sie verlassen hat. Róisín fühlt sich zu Red hingezogen, als sie ihn zum ersten Mal trifft. Seine Cargo-Jacke, die er über den Schulblazer gezogen hat, seine ungewöhnlich förmliche, sarkastische Art zu sprechen, die vielen Anspielungen auf Bücher und Musik. Er ist anders auf die Weise, wie sie selbst auch anders ist. 
Als ihre Bindung tiefer wird, verflechten sich ihre beiden Leben immer stärker. Red und Róisín gehören zu jener Auswanderungswelle in das Vereinigte Königreich, die aus einem Irland aufbricht, das ihnen wenig zu bieten scheint. Während Róisín versucht, anzukommen und sich ein eigenes Leben aufzubauen, gerät Red in den Strudel eines selbstzerstörerischen Abstiegs. 
Louise Kennedy erzählt in ihrem lang erwarteten zweiten Roman eine kraftvolle Geschichte von der Unmöglichkeit, andere Menschen zu retten, und der zerstörerischen Macht unausgesprochener Wahrheiten. Mit eindringlicher Präzision und emotionaler Wucht entwirft sie das Porträt einer Frau, die zwischen zwei Ländern, zwei Zeiten und ihren eigenen Dämonen gefangen ist – und die verstehen muss, dass manche Verluste nie zu verwinden sind.
 

Das Cover (englischsprachige Ausgabe „Stations) fesselt auf den ersten Blick. Theoretisch schlicht gehalten, lässt es sich interpretieren, dass die Kulleraugen der jungen Frau und ihre Körperhaltung sehr viel verraten, das oben nur teilweise abgedruckte Gesicht (Red?) zeigt kaum etwas. Außer einem gestreiften Mohairpulli. Wie im Buch.

Bereits nach den ersten Seiten sog mich dieser Roman in den Bann. Die Charaktere – von Red, Róisín (abgekürzt Ro) bis zu ihrer Mutter,Vater. Lebensgefährten des Vaters, Stiefschwester – sind so lebendig geschrieben, dass man sie nach Buchende nicht loslassen möchte. Mich begleiteten sie noch einige Tage, nachdem ich das Buch zuklappte.
Ich war traurig, dass das Buch nach 375 Seiten beendet war, entfernte den Schutzumschlag in der kindischen Hoffnung, dass sich darin noch viele Seiten verbergen würden. Zwar fühlte ich mich emotional, ich korrigiere, literarisch erfüllt, doch gleichzeitig war ich wütend, dass ich Red nicht bekam.

Red und Ro leben als Außenseiter im Irland der 80er Jahre. Ros Vater hat die Familie verlassen, die Mutter lebt nun alleinerziehend mit ihrer Tochter in einem nassen kleinen Haus.
Red stammt hingegen aus einer eher reichen Familie. Beide sind kluge Köpfe und freunden sich an. Zum Schluß lebt Red mehr im Haus von Ro und ihrer Mutter. Von ihr bekommt er zu Weihnachten u.a. einen selbstgestrickten, gestreiften Mohairpullover.
Red muss Irland verlassen, geht nach London und seine Wege verlieren sich erst einmal. Hält Ro zu Beginn noch Briefkontakt zu ihm, so ändert es sich.
Bei einem Besuch in London, läuft Ro Red wieder über den Weg und sie verbringt eine Zeit mit ihm und anderen in einem besetzten Haus.
Witzig und sarkastisch erzählt Louise Kennedy die Geschichte von Red, Ro und ihren Mitmenschen. Wobei der Humor vorrangig durch Äußerungen von Ro ins Blaue trifft, die sarkastisch und häufig wütend durch ihre Welt geht.
Die Geschichte von Red und Ro und den anderen Charakteren ist eine Geschichte über Beziehungen, Drogen, Trauma, Alkohol, häuslicher Gewalt, von „was wäre wenn“, „warum habe ich nicht“ und vor allem den Dingen, die gesagt wurden. Oder auch nicht gesagt wurden. Über das Leben, gelebte Leben und das Leben, welches gelebt hätte werden können.

Louise Kennedy schaffte es meisterhaft den Handlungsbogen (auf den ersten Blick zum Ende hin nicht vollständig) von Irland der 80er Jahre, zu London und zurück bis in die Gegenwart zu spannen. Konsequenterweise endet dieser so, wie er endet. Leider. Erneut erzeugt sie Bilder in meinem Kopf. Die Kälte im besetzten Haus fühle ich, die Kellerasseln sehe ich, den kochenden Flötenkessel höre ich, die Stufen zur Küche spüre ich unter meinen Sohlen. Die Beschreibung der zugedröhnten Boys – alles spüre, rieche und sehe ich. Reds Schmerz ist für mich als Leserin beinahe körperlich spürbar.
Düster, humorvoll, liebevoll beschreibt sie die Beziehungen und Menschen. Den Verlust und die Liebe.

Literarisch absolut hochwertig!

Ich wünsche „Red“ die Aufmerksamkeit und Erfolg wie in England und Irland. Möge Louise Kennedy noch viele weitere Romane schreiben.

Die Danksagung am Ende lässt mich Freude empfinden, dass dieser Roman geschrieben wurde.

Ich möchte nicht schließen, ohne die dringende Empfehlung zu geben ihren Debütroman „Übertretung“ ebenfalls zu lesen. Ihr Band mit Kurzgeschichten „Das Ende der Welt ist eine Sackgasse“ ist ebenso wunderbar zu lesen und ein schönes Geschenk.

BuchClub – nun gibt es ihn bereits ein Jahr :-)

Der klassische BuchClub versank über die Jahre in der Versenkung. Verband auch ich damit steife, englische Damen, die sich bei einer Tasse Tee, den kleinen Finger abgespreizt, mit wohl akzentuierten Worten über Literaturklassiker austauschten, so wollte ich es anders machen.
In Baden-Württemberg sammelte ich über sieben Jahre Erfahrung, in dem ich regelmäßig bei der Stadtbibliothek Bücher vorstellte, die im Anschluss ausgeliehen werden konnten. Die TeilnehmerInnen konnten die Vorstellungen auf meinem Blog nachlesen.

Mit dem Umzug ins Ruhrgebiet nahm die Idee Fahrt auf und mit „Die Kulturküche“ fand sich ein geeigneter Ort.
Am 28. September 2025 fand das erste Treffen von „Lesezeichen – BuchClub Herne – Das Original“ statt. Wir feiern in wenigen Tagen 1-jähriges.
Im ca. 6 Wochen-Rhythmus treffen wir uns mit maximal 10 TeilnehmerInnen. Teilen Gedanken wie, was sind unsere Lieblingsstellen, wie gefällt uns die Sprache, nimmt der/die Autor*in uns gefühlsmäßig mit?
Aus drei Vorschlägen, dem Genre Romane und Biographien, stimmen wir ab und lesen das Buch bis zum nächsten Treffen. Da ich regelmäßig Rezensionsexemplare erhalte, die man nicht unbedingt auf den ersten Blick in Buchhandlungen sieht, finden diese gelegentlich auch den Weg auf die Vorschlagsliste.
Doch geht es nicht nur um das Buch an sich. Ich recherchiere über Autor und Werk, so dass der Austausch noch etwas abgerundet wird.
Im Gegensatz zu anderen BuchClubs können auch TeilnehmerInnen kommen, die Lesetipps erhalten, einfach einen Kaffee trinken möchten und die Gesellschaft von an Büchern interessierten Menschen genießen möchten.

Interesse an der Teilnahme? Dann melde dich.
Anmeldung: sabine@schreiben-von-innen.de

Sven Regener: Frankie und Freddie

Klappentext:
Zwei Brüder, Frankie und Freddie Lehmann. Eine verlorene Tasche. Schnee. Und das Hin und Her der Himmelsmacht.
Frankie und Freddie Lehmann, zwei Brüder aus Bremen, in Westberlin, im Jahr 1980. Während der eine seit Wochen damit beschäftigt ist, in Kreuzberg Fuß zu fassen, will der andere weiterziehen nach New York, musste aber erst einmal am Kudamm im Probandenhotel wohnen und als Versuchskaninchen für Antidepressiva herhalten. Jetzt, einen Tag vor Heiligabend, hat er Angst vor Menschen, kann nicht mehr U-Bahn fahren und verliert eine wichtige Tasche.
Sven Regener schickt die beiden auf eine Odyssee durch eine Stadt zwischen den Welten, einen Ort von Spaß und Kälte, Trotz und Anarchie, Resignation und Überlebenswillen. Ein Roman über Brüder, Aufbrüche und plötzliche Liebe – klug, poetisch, warmherzig und sehr, sehr lustig.

Beim Lesen habe ich mich königlich amüsiert. Jungfräulich ließ ich mich auf „Freddie und Frankie“ ein, da ich bisher kein Buch von Sven Regener gelesen habe.
Einen Tag vor Heiligabend in Berlin des Jahres 1980 beginnt die Handlung um die beiden Lehmannbrüder. Freddie wird nach Weihnachten nach New York ziehen. Um den Aufenthalt zu finanzieren, nahm er in einem Probandenhotel an einer Studie für Antidepressiva teil. Frankie wohnt seit einigen Wochen in dessen Berliner WG und fasst dort allmählich Fuß. Mit Anlaufschwierigkeiten holt er bei starkem Schneefall seinen Bruder in dem Probandenhotel ab und bemerkt nicht nur dort Veränderungen an seinem älteren Bruder. „Freddie, der Bruder aus dem Ruder.“
Kurz darauf fällt Freddie seine vergessene Tasche unter der Matratze mit den Unterlagen, wie Reisepass, ein. Dort befindet sie sich nicht mehr und nun beginnt die Suche in Berlin. Gepaart mit der Frage, wo und wie die Weihnachtsfeiertage zu verbringen sind.
Mit humorigen Beschreibungen von Berlin und skurrilen Momenten nahm mich Sven Regener schnell auf die Lesereise, die eine Reise durch Berlin auf der Suche nach der verlorenen Tasche ist. In die teilweise langen Sätze und vielen Dialoge fand ich mich schnell ein. Letztere beweisen gute Beobachtungen und sind meist von Wärme geprägt.
Die Hauptcharaktere mit ihren Spitznamen und liebevollen Zeichnungen mochte ich von Beginn an. Wie kann man die WG-Bewohner nicht ins Herz schließen? Inkl. dem „Malen nach Zahlen Nachbarn Marco?“ Sven Regener schafft es grandios schräge Typen zu erschaffen, ohne sie zu bewerten, abzuwerten oder ins Lächerliche abdriften zu lassen. Im Gegenteil: Olli z.B., mit dem Tankstellentick, seinem Overall mit vielen Shell Patches, an einer ARAL-Tanke herumlungernd ist ein Kleinod für die Geschichte.
Nicht minder mochte ich die Beschreibung des IKEA-Musterzimmers und Freddies Betrachtungen über Berlin. Freddie, der eigentlich Manfred heißt, in der Heimat Mannie genannt wird, was Franke mehrmals erwähnen muss.
Ich mag den verwendeten Humor und lachte einige Male laut mit.
Kommt der Bruder wieder ins Ruder? Wird die Tasche gefunden? Wo und wie feiern sie Weihnachten?
Auf alles gibt es eine Antwort.
Vermutlich kann man dieses Buch nur mögen oder überhaupt nicht mögen. Es gibt kein dazwischen. Eindeutig gehöre ich nun zur ersten Fraktion und werde mich in nächster Zeit in die Geschichten um die Lehmannbrüder einlesen. Die 288 Seiten waren für mich Lesevergnügen pur.

„Read what I see“: Sommermomente

Mit viel Glück hatte ich auf der Terrasse einen Platz unter einem Schirm ergattert. Es ist früh am Morgen, doch die Sonne brennt bereits unbarmherzig und heizt die Stadt in kürzester Zeit auf. Das heiße Wetter beherrscht die Gesprächsthemen im Freundeskreis sowie in den Medien. Vergessen werden die Tage im Juni, die meist weit unterhalb der 30 Grad Marke lagen. Wahrgenommen werden die aktuellen heißen Tage oberhalb dieser Grenze.
Mein Latte Macchiato schmeckt mir trotz der Hitze. Abwechselnd trinke ich einen Schluck davon, gefolgt von einem Schluck Eiswasser, während ich in einem Buch lese. Eine Wespe verirrt sich in meinem Latte und träge beobachte ich, wie sie sich aus dem Glas heraus hangelt, um im nächsten Moment wieder darin zu versinken. Mit dem Strohhalm könnte ich an ihr vorbei einen Schluck trinken. Doch befürchte ich sie ungewollt mit aufzusaugen und von ihr gestochen zu werden. Gerne verzichte ich auf diese Erfahrung.
Durch ein Gespräch lasse ich mich ablenken. Eine Frau unterhält sich mit ihrem Freund. Ihre schlanken Beine stecken in recht kurzen Hosen. Ihr scheint es sehr warm zu sein. Mit einem Fächer fächelt sie sich Luft zu, während ihr Freund ihr etwas Schweiß aus dem Gesicht wischt. Auch ihre Arme sind mit einem Schweißfilm bedeckt. Als sie aufsteht, höre ich erst ein schmatzendes Geräusch, dem ein lautes folgt. Anscheinend haben auch ihre Beine geschwitzt, denn ihr Po und die Beine klebten beim Aufstehen am Stuhl fest, der mit lautem Gepolter zu Boden fällt. Es scheint, als schaut das ganze Café gerade in diesem Moment von Büchern, Zeitungen und aus Gesprächen auf. Auf ihren Po und auf ihre Beine, die tiefe Druckspuren des Stuhls auf sich tragen.
In meiner langen Leinenhose fühle ich mich recht luftig bekleidet und vor solch einem Malheur geschützt.
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Tanja Kokoska: Guten Morgen, schönes Wetter heute

Klappentext:
Dieses Buch lässt Sie wieder an das Gute im Menschen glauben

Diesmal ist es etwas anderes. Darauf hofft Ina jedes Mal, wenn sie sich verliebt. Doch es geht immer schief. Sie arbeitet in einem Tattoo-Studio und wohnt mit ihrem Sohn Henry in der Siedlung »Am Kastanienbaum«, irgendwo mitten in einer großen Stadt. Dort gibt es noch mehr Menschen wie Ina, 1.583 genauer gesagt.
Ein anrührender Roman über das Alleinsein – und wie nah das Miteinander doch ist
Sie leben nah beisammen und bleiben doch allein. Da ist Herr Bello, der am liebsten im Faltenrock tanzt. Samy, der davon träumt, eine Ente zu streicheln. Und Frau Arslan, die Gedichte in Pralinenschachteln versteckt. Sie alle eint die Sehnsucht nach Glück und Verbundenheit.
»Wenn Sie dieses Buch beendet haben, wird Ihre Welt eine bessere sein. Ich verspreche es!« Florian Valerius @literarischernerd
Eines Tages macht Baggerfahrer Paco eine schicksalhafte Entdeckung: Eine Weltkriegsbombe liegt unter der Erde. Darauf geschieht in der Siedlung etwas Wundersames. Die Menschen kommen einander näher, als es möglich schien. Und Ina begegnet dem Mann, mit dem es etwas anderes ist.
Ein Gesellschaftsroman voller Wärme und zartem Humor über Freundschaft, Familie und Nachbarschaft
>Guten Morgen< gesagt. Und damit hätte er an diesem Tag viel früher als sonst gesprochen. Es wäre eine flüchtige Begegnung gewesen, nichts Außergewöhnliches, nur ein kleiner Moment, der das Alleinsein überdeckt hätte.«


An diesem Cover kommt man nicht vorbei! Die bunten Farben lassen  erst auf dem zweiten Blick erkennen, dass sich dahinter Wohnungen in einem großen Hochhaus verbergen und könnte suggerieren, dass es sich hier um Eitel Sonnenschein handelt?
Der Roman beginnt einer sehr kurzen Beschreibung der Siedlung, mit der Hauptfigur Ina, die sich auf den Weg zum Zahnarzt macht und dem Gedanken, „wäre Ina nur fünf Minuten eher aus dem Haus gekommen…..“ Nein, es folgt keine schlimme Szene à la, „Was wäre, wenn“, sondern die Beschreibung, wie Ina einige andere Bewohner der Siedlung Am Kastanienbaum, die 1.583 Menschen umfasst, hätte wahrnehmen können. Ein guter Einstieg, um die wichtigsten Akteure vorzustellen und das gemeinsame Thema des Alleinseins. Frau Kaiser, die vergesslich wird, Herr Bello, der gerne Frauenkleider trägt. Daneben gibt es Frau Aslan, die gerne Gedichte in Verpackungen in Produkte ihres Lebensmittelgeschäfts legt oder Sammy aus Sri Lanka, der eine Gaststätte betreibt und noch Wünsche hat. Ina ist alleinerziehende Mutter eines 17-jährigen Sohnes, die die Wohnung ihrer Eltern ausräumen muss und am Existenzminimum lebt. Der Vater ihres Sohnes ist ihr nicht bekannt.
Nicht zu vergessen, der Baggerfahrer Paco, der eine Bombe aus dem 2. Weltkrieg entdeckt. Als Folge dessen muss die Siedlung evakuiert werden und die Bewohner kommen sich näher.
Auch die Ausbeutung junger, illegaler Asiatinnen in einem Nagelstudio findet den Weg in die Geschichte.
Dies ist die Ausgangssituation, die die Grundlage für diesen Roman bildet.

Auf 348 Seiten erzählt Tanja Kokoska in ihrem Debütroman sehr feinfühlig über die Menschen in der Siedlung. Mit detailliertem Blick beschreibt sie diese so, dass sie mir ans Herz wuchsen. Dabei wertet sie nicht. Ihre Träume, Wünsche, Verlust, Einsamkeit finden Eingang und werden durch detaillierte Betrachtungen miteinander verwoben.
Schnell wird man mit den Protagonisten warm und möchte immer mehr über sie lesen.
Kleinigkeiten und Zufälle sind die Basis für diese feinsinnige Erzählung. Eine Erzählung, die man unendlich lange lesen möchte und die zum Sommer passt.Durch die Evakuierung miteinander verbunden, ergibt sich aus dem Alleine sein ein Zusammenhalt und das Miteinander verändert sich zum Positiven. Doch nicht nur das, sondern auch die eigene Entwicklung ändert sich.Die Botschaft genauer hinzuschauen, zu akzeptieren, zu tolerieren webt sich wie ein roter Faden durch den Roman.

Darf ein Happy End fehlen? Falls nein, wie und für wen gestaltet es sich? Für Alle?

Der Roman wird sicherlich nicht für die Shortlist zum Deutschen Buchpreis nominiert werden. Doch auf der Shortlist meiner Feel Good Romane in 2026 steht „Guten Morgen, schönes Wetter heute“ unbestritten.

Kolumne: Ich bin nicht schwarz und weiß – ich bin bunt

Irgendwo in den Untiefen des www fand ich ein Interview mit Elton John, in dem er sagt: „Ich bin nicht schwarz und weiß, ich bin bunt.“

Was bin ich?
Ausgewaschenes rosa?
Durchsichtig?
Farblich verdrecktem Plastik ähnelnd?
Nach dem ersten morgendlichen Kaffee eine Wiener Melange?
Grauer Asphalt mit Rissen und Löchern, wie ein Gehweg über den seit den 50er Jahren täglich, stündlich, minütlich Menschenmassen flanieren?
Rot? Weinrot? Strahlend rot?
Schwarz in den düsteren Momenten voller Selbstzweifel?
Blau, wenn die Lipödeme ungewollt Flecken produzieren?

Grelle, goldfarbene Lichtblitze, wenn die Schmerzen sich den Weg durch den Körper bahnen?
Dominieren meine Synapsen meine farbliche Wahrnehmung? Oder gar mein Gehirn als Gesamtpaket? Vielleicht meine Seele?

Ich bin ein Kaleidoskop an Farben. Manch einer sieht eine Farbe im Vordergrund, manch einer viel mehr.

Kolumne: Rituale aus der Kindheit

Immer wieder führe ich Gespräche mit Freunden und Bekannten, in denen wir uns an unsere Kindheit erinnern. Wir erinnern uns an Dinge, die es heute nicht mehr käuflich zu erwerben gibt und an Dinge, an die wir uns als Kinder selbstverständlich herangewagt haben. Irgendwann sprachen wir auch über Rituale und schnell fiel folgendes auf: Ein jeder lächelte, schaute verträumt und brachte Bezeichnungen wie „Lassie“, „Wetten, dass“, „ZDF-Sommerprogramm“ oder „Nüsse für Aschenbrödel“ ins Spiel.
Ja, wir Erwachsenen aus den 60er Geburtenjahrgängen verbinden Rituale in der Kindheit oft mit Fernsehen. Wer kann sich heute noch vorstellen, dass das Anschauen einer Fernsehsendung ein kleines Familienevent war? Dass es nicht ein Rund-um-die-Uhr Fernsehprogramm gab? Ja, dass es sogar ein Standbild gab oder nur ein Rauschen nach der letzten ausgestrahlten Sendung? Nein, ich bin keine 100 Jahre alt, sondern „erst etwas über“ Jahre.
Mit Freundinnen wurde in der Vorweihnachtszeit „Drei Nüsse für Aschenbrödel“  geschaut und an Walnüssen geknabbert, während auf das Happy End gewartet wurde. Zu dem Zeitpunkt wurden tschechische Filme von uns geliebt. Sie verfügten über eine Detailtreue, wunderbare Musik und über schöne Kostüme. Sie waren irgendwie anders und dadurch umso schöner.
Auch dieses Jahr werde ich mir den Film anschauen. Eingemummelt auf dem Sofa sitzen, mit einem Becher Tee in der Hand und Strickzeug dazu. Und nichts, so gar nichts, darf mich in dieser Zeit stören. Wie viele Menschen werden sich den Film anschauen, an ihre Kindheit denken, vielleicht einige Dialoge mitsprechen können und trotzdem neue Details im Film erkennen?
Mit der Familie wurde die „Hitparade“ geschaut. Der Ablauf dort war meist gleich: Dieter Thomas Heck sprach schnell und hektisch ins Mikrofon, insbesondere am Ende der Sendung.
Manchmal wurde ich enttäuscht, dass ich Howard Carpendale nicht erneut sehen konnte, da er mit seinem aktuellen Lied bereits dreimal aufgetreten war. Wurde dort nicht mehrmals eine Frau im Publikum angesprochen, die bei jeder Sendung der „Hitparade“ im Publikum war?
Stets schrieb ich die Autogrammadressen mit. Manchmal wurden sie mir von meiner Mutter oder meinem Vater diktiert. Ich konnte sei meist nicht so schnell alleine mitscheiben. Mein Büchlein war gefüllt mit Autogrammadressen verschiedenster Künstler. Nicht eines habe ich mir bestellt, doch das Mitschreiben gehörte dazu. Genauso wie die Hebebühne, die die Künstler (meist die auf Nr.1 Platzierten) in die Höhe hob. Nicht zu vergessen die Windmaschine, die einige Male das lange Haar der verschiedensten Sängerinnen durch die Luft wirbelte. Weiterlesen

Thorsten Woywod: Mathilde und Marie

Klappentext:
Warmherzig und entschleunigend – ein Roman, der einfach nur guttut
In Redu, einem kleinen Bücherdorf inmitten der belgischen Ardennen, wird die Zeit als Freund und nicht als Gegner empfunden: Umgeben von ausgedehnten Wäldern, rauschenden Flüssen und steilen Anhöhen gibt es hier lediglich einen Fernseher, während das Internet nur zwischen 19 und 20 Uhr verfügbar ist. Dass der Kirchturm windschief in den Himmel ragt und man sein baldiges Herabstürzen befürchten muss, stört die 390 Einwohner ebenso wenig wie die gehörig aus dem Takt geratene Turmuhr. Als dann jedoch die junge Französin Marie ins Dorf kommt und der Frühling Einzug hält, wird nicht nur die Natur zu neuem Leben erweckt. Selbst die mürrische Mathilde kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen …

„Heile Welt in den belgischen Ardennen“
Einmal ist das schönste Buch zu Ende und obwohl ich es mir gut eingeteilt habe, sind die letzten Seiten gelesen.
Das Cover zeigt ein Dorf und ist dezent gehalten, während der Einband das kräftige orange des Titels wiedergibt. Mir gefällt es.
In „Marie und Mathilde“ wird aus der Perspektive mehrerer Menschen, der Isländerin Jónína, Marie und Mathilde ihre Geschichte im Bücherdorf Redu erzählt.
Marie verlässt Paris fluchtartig ohne konkretes Ziel und trifft im Zug auf die Isländerin Jónína, die mit der Frage „Was wiegt so schwer in Deiner Seele?“ bei dieser die Tränen zum Fließen bringt. Die Geschichte dahinter wird noch nicht erzählt.
Jónína nimmt Marie, nicht ohne Hintergedanken, mit ins Dorf Redu, in dem die Zeiten anders ticken. So gibt es einen Fernseher und der Internetzugang ist nur zwischen 19 Uhr und 20 Uhr verfügbar. Dinge, an die Marie sich schnell gewöhnt.
Die Natur, die Menschen und die Bücher bestimmen den Umgang im Ort miteinander. So wird Marie zu Beginn von der älteren, verwitweten Mathilde beobachtet, doch bald kommen sich die beiden näher und freunden sich an. Mit dem beginnenden Frühling findet sich Marie ins Dorfleben und der Buchhandlung ein, in der sie Jónína vertritt.
Das Zitat von Elif Shafak: „Bücher verändern uns, Bücher retten uns.“ findet ebenfalls Erwähnung. Weiterlesen

Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht: Familie Mann in Sanary

Klappentext:
Im glühend heißen Sommer 1933 spitzt sich die politische Lage in Europa zu – und die der Familie Mann: Thomas und Katia Mann und ihre sechs Kinder sind nach abenteuerlichen Fluchten im Juni in dem verträumten Hafenort Sanary am französischen Mittelmeer gestrandet. Und jetzt wissen sie alle weder vor noch zurück.
Ein Ort, eine Familie, drei Monate bei dreißig Grad – »Wenn die Sonne untergeht« ist eine große Familienaufstellung: Kaum im unsicheren südfranzösischen Exil angekommen, will Thomas Mann eigentlich sofort wieder zurück in seine edle Münchner Villa. Sein Bruder Heinrich hingegen genießt die Freiheit des Südens. Dazwischen die sechs Kinder von Thomas und Katia: Der eine, Michael, spielt Tag und Nacht Geige, der zweite, Klaus, gründet eine Exil-Zeitschrift, die dritte, Elisabeth, badet und genießt die Zeit ohne Schule. Erika, die älteste, führt Regie und schmuggelt den Besitz der Manns aus München über die Grenze, Golo holt das Geld von den Konten und versorgt den vergessenen Hund. Und Monika? Sie bleibt einfach am Strand von Sanary liegen.
Florian Illies erzählt von der Trauer um den Verlust der Heimat und des Besitzes, der Angst vor den Plünderungen der Nazis, von Trotz und Leidenschaft. Von Wehmut und vom Überlebenswillen, obwohl die alte Welt einzustürzen droht. Und er erzählt von der großen Zerreißprobe zwischen Klaus und Erika und ihrem Vater Thomas.
»Ich glaube«, sagte Marcel Reich-Ranicki, »dass es in Deutschland im 20. Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie gegeben hat als die Manns.« In Sanary ist diese außergewöhnliche Familie in einem absoluten Ausnahmezustand – alle werden das erste Mal gezwungen, sich zu bekennen. Zueinander. Zu Deutschland. Oder auch, so traurig es ist: Dagegen.

Ursprünglich zu einer Vortagsreihe aufgebrochen, strandete Thomas Mann mit seiner Familie in Sanary. Dem Ort, in dem sich weitere bekannte deutsche Exilanten aufhalten.
Ein kleiner Satz, der unvollständig wiedergegeben wurde, bzw. aus dem Zusammenhang gerissen wurde, führte dazu, dass der Nobelpreisträger Thomas Mann in Nazi Deutschland nicht mehr willkommen ist.
Mit der Familie verbringt er den heißen Sommer in Sanary und glaubt weiterhin an die Rückkehr in seine Münchener Villa. Oder tritt so auf, dass es möglich zu sein scheint.
Das Buch liest sich wie eine Mischung aus Sachbuch und Roman. Florian Illies beherrscht es perfekt die Geschichten und Anekdoten so lebendig zu beschreiben, als hätte er sie selbst erlebt oder hätte in der Ecke heimlich zugeschaut. In Verbindung mit seinem süffisantem, manchmal spöttischen Stil, macht es Spaß Dinge über die Familie Mann zu lesen, ohne ein Kenner dieser sein zu müssen. Die eingeflochtenen Tagebucheinträge lassen den Roman in diesen Teilen sehr authentisch wirken.

Nicht nur einzelne Handlungen (Stichwort: Golo Mann und die Diplomatenpost), sondern auch die die Familienmitglieder werden sehr detailliert beschrieben. Die Beziehungen der sechs Kinder untereinander und zu ihrem Vater, die um seine Gunst und Anerkennung buhlen, sowie Thomas Mann und Katja.

Muss man ein Kenner der Familie Mann sein, um in das Buch zu finden? Eher nicht. Durch viele zitierte Tagebucheinträge erfährt man einiges über diese Familie und ihr Konstrukt und den Patriarchen. Ein gelungenes, unterhaltsames Familienporträt mit dem die Stimmung aus 1933 gut wiedergegeben wird. Letzteres gelingt auch durch die Schilderungen der anderen deutschen Sommergäste.
Die Kapitel sind in Monate unterteilt, beginnend mit Februar und endend mit September 1933. (bis auf „Danach)
Im Kapitel „Danach“ am Ende des Romans wird beschrieben, wie es der Familie Mann und weiteren Protagonisten erging. Die Villa Lazare, Sanary und Haustiere finden auch Erwähnung.
Ein Stammbaum der Familie Mann und eine Übersicht der Sommergäste in Sanary ist ebenfalls beigefügt.
Das Buch wirkt durch den blauen Einband und das Lesezeichen in Verbindung mit dem schönen Cover hochwertig.