Sven Regener: Frankie und Freddie

Klappentext:
Zwei Brüder, Frankie und Freddie Lehmann. Eine verlorene Tasche. Schnee. Und das Hin und Her der Himmelsmacht.
Frankie und Freddie Lehmann, zwei Brüder aus Bremen, in Westberlin, im Jahr 1980. Während der eine seit Wochen damit beschäftigt ist, in Kreuzberg Fuß zu fassen, will der andere weiterziehen nach New York, musste aber erst einmal am Kudamm im Probandenhotel wohnen und als Versuchskaninchen für Antidepressiva herhalten. Jetzt, einen Tag vor Heiligabend, hat er Angst vor Menschen, kann nicht mehr U-Bahn fahren und verliert eine wichtige Tasche.
Sven Regener schickt die beiden auf eine Odyssee durch eine Stadt zwischen den Welten, einen Ort von Spaß und Kälte, Trotz und Anarchie, Resignation und Überlebenswillen. Ein Roman über Brüder, Aufbrüche und plötzliche Liebe – klug, poetisch, warmherzig und sehr, sehr lustig.

Beim Lesen habe ich mich königlich amüsiert. Jungfräulich ließ ich mich auf „Freddie und Frankie“ ein, da ich bisher kein Buch von Sven Regener gelesen habe.
Einen Tag vor Heiligabend in Berlin des Jahres 1980 beginnt die Handlung um die beiden Lehmannbrüder. Freddie wird nach Weihnachten nach New York ziehen. Um den Aufenthalt zu finanzieren, nahm er in einem Probandenhotel an einer Studie für Antidepressiva teil. Frankie wohnt seit einigen Wochen in dessen Berliner WG und fasst dort allmählich Fuß. Mit Anlaufschwierigkeiten holt er bei starkem Schneefall seinen Bruder in dem Probandenhotel ab und bemerkt nicht nur dort Veränderungen an seinem älteren Bruder. „Freddie, der Bruder aus dem Ruder.“
Kurz darauf fällt Freddie seine vergessene Tasche unter der Matratze mit den Unterlagen, wie Reisepass, ein. Dort befindet sie sich nicht mehr und nun beginnt die Suche in Berlin. Gepaart mit der Frage, wo und wie die Weihnachtsfeiertage zu verbringen sind.
Mit humorigen Beschreibungen von Berlin und skurrilen Momenten nahm mich Sven Regener schnell auf die Lesereise, die eine Reise durch Berlin auf der Suche nach der verlorenen Tasche ist. In die teilweise langen Sätze und vielen Dialoge fand ich mich schnell ein. Letztere beweisen gute Beobachtungen und sind meist von Wärme geprägt.
Die Hauptcharaktere mit ihren Spitznamen und liebevollen Zeichnungen mochte ich von Beginn an. Wie kann man die WG-Bewohner nicht ins Herz schließen? Inkl. dem „Malen nach Zahlen Nachbarn Marco?“ Sven Regener schafft es grandios schräge Typen zu erschaffen, ohne sie zu bewerten, abzuwerten oder ins Lächerliche abdriften zu lassen. Im Gegenteil: Olli z.B., mit dem Tankstellentick, seinem Overall mit vielen Shell Patches, an einer ARAL-Tanke herumlungernd ist ein Kleinod für die Geschichte.
Nicht minder mochte ich die Beschreibung des IKEA-Musterzimmers und Freddies Betrachtungen über Berlin. Freddie, der eigentlich Manfred heißt, in der Heimat Mannie genannt wird, was Franke mehrmals erwähnen muss.
Ich mag den verwendeten Humor und lachte einige Male laut mit.
Kommt der Bruder wieder ins Ruder? Wird die Tasche gefunden? Wo und wie feiern sie Weihnachten?
Auf alles gibt es eine Antwort.
Vermutlich kann man dieses Buch nur mögen oder überhaupt nicht mögen. Es gibt kein dazwischen. Eindeutig gehöre ich nun zur ersten Fraktion und werde mich in nächster Zeit in die Geschichten um die Lehmannbrüder einlesen. Die 288 Seiten waren für mich Lesevergnügen pur.

„Read what I see“: Sommermomente

Mit viel Glück hatte ich auf der Terrasse einen Platz unter einem Schirm ergattert. Es ist früh am Morgen, doch die Sonne brennt bereits unbarmherzig und heizt die Stadt in kürzester Zeit auf. Das heiße Wetter beherrscht die Gesprächsthemen im Freundeskreis sowie in den Medien. Vergessen werden die Tage im Juni, die meist weit unterhalb der 30 Grad Marke lagen. Wahrgenommen werden die aktuellen heißen Tage oberhalb dieser Grenze.
Mein Latte Macchiato schmeckt mir trotz der Hitze. Abwechselnd trinke ich einen Schluck davon, gefolgt von einem Schluck Eiswasser, während ich in einem Buch lese. Eine Wespe verirrt sich in meinem Latte und träge beobachte ich, wie sie sich aus dem Glas heraus hangelt, um im nächsten Moment wieder darin zu versinken. Mit dem Strohhalm könnte ich an ihr vorbei einen Schluck trinken. Doch befürchte ich sie ungewollt mit aufzusaugen und von ihr gestochen zu werden. Gerne verzichte ich auf diese Erfahrung.
Durch ein Gespräch lasse ich mich ablenken. Eine Frau unterhält sich mit ihrem Freund. Ihre schlanken Beine stecken in recht kurzen Hosen. Ihr scheint es sehr warm zu sein. Mit einem Fächer fächelt sie sich Luft zu, während ihr Freund ihr etwas Schweiß aus dem Gesicht wischt. Auch ihre Arme sind mit einem Schweißfilm bedeckt. Als sie aufsteht, höre ich erst ein schmatzendes Geräusch, dem ein lautes folgt. Anscheinend haben auch ihre Beine geschwitzt, denn ihr Po und die Beine klebten beim Aufstehen am Stuhl fest, der mit lautem Gepolter zu Boden fällt. Es scheint, als schaut das ganze Café gerade in diesem Moment von Büchern, Zeitungen und aus Gesprächen auf. Auf ihren Po und auf ihre Beine, die tiefe Druckspuren des Stuhls auf sich tragen.
In meiner langen Leinenhose fühle ich mich recht luftig bekleidet und vor solch einem Malheur geschützt.
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Tanja Kokoska: Guten Morgen, schönes Wetter heute

Klappentext:
Dieses Buch lässt Sie wieder an das Gute im Menschen glauben

Diesmal ist es etwas anderes. Darauf hofft Ina jedes Mal, wenn sie sich verliebt. Doch es geht immer schief. Sie arbeitet in einem Tattoo-Studio und wohnt mit ihrem Sohn Henry in der Siedlung »Am Kastanienbaum«, irgendwo mitten in einer großen Stadt. Dort gibt es noch mehr Menschen wie Ina, 1.583 genauer gesagt.
Ein anrührender Roman über das Alleinsein – und wie nah das Miteinander doch ist
Sie leben nah beisammen und bleiben doch allein. Da ist Herr Bello, der am liebsten im Faltenrock tanzt. Samy, der davon träumt, eine Ente zu streicheln. Und Frau Arslan, die Gedichte in Pralinenschachteln versteckt. Sie alle eint die Sehnsucht nach Glück und Verbundenheit.
»Wenn Sie dieses Buch beendet haben, wird Ihre Welt eine bessere sein. Ich verspreche es!« Florian Valerius @literarischernerd
Eines Tages macht Baggerfahrer Paco eine schicksalhafte Entdeckung: Eine Weltkriegsbombe liegt unter der Erde. Darauf geschieht in der Siedlung etwas Wundersames. Die Menschen kommen einander näher, als es möglich schien. Und Ina begegnet dem Mann, mit dem es etwas anderes ist.
Ein Gesellschaftsroman voller Wärme und zartem Humor über Freundschaft, Familie und Nachbarschaft
>Guten Morgen< gesagt. Und damit hätte er an diesem Tag viel früher als sonst gesprochen. Es wäre eine flüchtige Begegnung gewesen, nichts Außergewöhnliches, nur ein kleiner Moment, der das Alleinsein überdeckt hätte.«


An diesem Cover kommt man nicht vorbei! Die bunten Farben lassen  erst auf dem zweiten Blick erkennen, dass sich dahinter Wohnungen in einem großen Hochhaus verbergen und könnte suggerieren, dass es sich hier um Eitel Sonnenschein handelt?
Der Roman beginnt einer sehr kurzen Beschreibung der Siedlung, mit der Hauptfigur Ina, die sich auf den Weg zum Zahnarzt macht und dem Gedanken, „wäre Ina nur fünf Minuten eher aus dem Haus gekommen…..“ Nein, es folgt keine schlimme Szene à la, „Was wäre, wenn“, sondern die Beschreibung, wie Ina einige andere Bewohner der Siedlung Am Kastanienbaum, die 1.583 Menschen umfasst, hätte wahrnehmen können. Ein guter Einstieg, um die wichtigsten Akteure vorzustellen und das gemeinsame Thema des Alleinseins. Frau Kaiser, die vergesslich wird, Herr Bello, der gerne Frauenkleider trägt. Daneben gibt es Frau Aslan, die gerne Gedichte in Verpackungen in Produkte ihres Lebensmittelgeschäfts legt oder Sammy aus Sri Lanka, der eine Gaststätte betreibt und noch Wünsche hat. Ina ist alleinerziehende Mutter eines 17-jährigen Sohnes, die die Wohnung ihrer Eltern ausräumen muss und am Existenzminimum lebt. Der Vater ihres Sohnes ist ihr nicht bekannt.
Nicht zu vergessen, der Baggerfahrer Paco, der eine Bombe aus dem 2. Weltkrieg entdeckt. Als Folge dessen muss die Siedlung evakuiert werden und die Bewohner kommen sich näher.
Auch die Ausbeutung junger, illegaler Asiatinnen in einem Nagelstudio findet den Weg in die Geschichte.
Dies ist die Ausgangssituation, die die Grundlage für diesen Roman bildet.

Auf 348 Seiten erzählt Tanja Kokoska in ihrem Debütroman sehr feinfühlig über die Menschen in der Siedlung. Mit detailliertem Blick beschreibt sie diese so, dass sie mir ans Herz wuchsen. Dabei wertet sie nicht. Ihre Träume, Wünsche, Verlust, Einsamkeit finden Eingang und werden durch detaillierte Betrachtungen miteinander verwoben.
Schnell wird man mit den Protagonisten warm und möchte immer mehr über sie lesen.
Kleinigkeiten und Zufälle sind die Basis für diese feinsinnige Erzählung. Eine Erzählung, die man unendlich lange lesen möchte und die zum Sommer passt.Durch die Evakuierung miteinander verbunden, ergibt sich aus dem Alleine sein ein Zusammenhalt und das Miteinander verändert sich zum Positiven. Doch nicht nur das, sondern auch die eigene Entwicklung ändert sich.Die Botschaft genauer hinzuschauen, zu akzeptieren, zu tolerieren webt sich wie ein roter Faden durch den Roman.

Darf ein Happy End fehlen? Falls nein, wie und für wen gestaltet es sich? Für Alle?

Der Roman wird sicherlich nicht für die Shortlist zum Deutschen Buchpreis nominiert werden. Doch auf der Shortlist meiner Feel Good Romane in 2026 steht „Guten Morgen, schönes Wetter heute“ unbestritten.

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