Kurzgeschichte: Frau K. mit C.
Ich möchte vorstellen: Frau K. mit C.:
Unzufrieden mit ihrem Vornamen betont sie bei jeder unpassenden Gelegenheit – denn passende gibt es nicht – dass ihr Vater sich bei der Namensgebung durchsetzte und sie somit auf den Namen K. getauft wurde. Sie empfand und empfindet den Namen als zu gewöhnlich für ein Mädchen. In einem Anfall von Kreativität benannte sie sich in Catja mit C.! um. Ein Charakterwechsel oder ähnliches ging damit nicht einher.
Als Russlanddeutscher bedeutete ihrem Vater der Name K. sehr viel. Es war der Beginn der 70er Jahre und sie konnte sich glücklich schätzen nicht auf Nicole oder Claudia getauft worden zu sein. Oder gar Olga, dem Favoriten ihrer Mutter. Heutzutage verbindet man damit eher agressive, wütende Holstein-Rinder.
Sie stellt die fleischgewordene Snickers Werbung: „Du bist nicht Du, wenn Du hungrig bist“ dar. Ihr Gebahren ist kein Mummpitz, sondern ein Zustand, der auf ihr Umfeld irritierend wirkt. Würde es helfen, wenn sie sich täglich ein Snickers impfen würde? Nein, diese Idee ist zu aberwitzig.
Da sie nicht nur kluge Menschen, Hunde, um die Ecke denken, Wechsel, sondern auch Spritzen ängstigen, würde sie sich es vermutlich eher nicht trauen. Obwohl – anschließend würde sie den größten Applaus einfordern.
Loise Kennedy: Red
Klappentext:
»Man kann Menschen nicht retten, das haben wir beide gelernt.«
Es sind die 1980er-Jahre, Róisín ist 15, in ihrem kleinen irischen Städtchen gilt sie als Außenseiterin. Sie und ihre Ma leben in einem bescheidenen, nasskalten Haus – still ist es geworden, seit ihr Vater sie verlassen hat. Róisín fühlt sich zu Red hingezogen, als sie ihn zum ersten Mal trifft. Seine Cargo-Jacke, die er über den Schulblazer gezogen hat, seine ungewöhnlich förmliche, sarkastische Art zu sprechen, die vielen Anspielungen auf Bücher und Musik. Er ist anders auf die Weise, wie sie selbst auch anders ist.
Als ihre Bindung tiefer wird, verflechten sich ihre beiden Leben immer stärker. Red und Róisín gehören zu jener Auswanderungswelle in das Vereinigte Königreich, die aus einem Irland aufbricht, das ihnen wenig zu bieten scheint. Während Róisín versucht, anzukommen und sich ein eigenes Leben aufzubauen, gerät Red in den Strudel eines selbstzerstörerischen Abstiegs.
Louise Kennedy erzählt in ihrem lang erwarteten zweiten Roman eine kraftvolle Geschichte von der Unmöglichkeit, andere Menschen zu retten, und der zerstörerischen Macht unausgesprochener Wahrheiten. Mit eindringlicher Präzision und emotionaler Wucht entwirft sie das Porträt einer Frau, die zwischen zwei Ländern, zwei Zeiten und ihren eigenen Dämonen gefangen ist – und die verstehen muss, dass manche Verluste nie zu verwinden sind.
Das Cover (englischsprachige Ausgabe „Stations) fesselt auf den ersten Blick. Theoretisch schlicht gehalten, lässt es sich interpretieren, dass die Kulleraugen der jungen Frau und ihre Körperhaltung sehr viel verraten, das oben nur teilweise abgedruckte Gesicht (Red?) zeigt kaum etwas. Außer einem gestreiften Mohairpulli. Wie im Buch.
Bereits nach den ersten Seiten sog mich dieser Roman in den Bann. Die Charaktere – von Red, Róisín (abgekürzt Ro) bis zu ihrer Mutter,Vater. Lebensgefährten des Vaters, Stiefschwester – sind so lebendig geschrieben, dass man sie nach Buchende nicht loslassen möchte. Mich begleiteten sie noch einige Tage, nachdem ich das Buch zuklappte.
Ich war traurig, dass das Buch nach 375 Seiten beendet war, entfernte den Schutzumschlag in der kindischen Hoffnung, dass sich darin noch viele Seiten verbergen würden. Zwar fühlte ich mich emotional, ich korrigiere, literarisch erfüllt, doch gleichzeitig war ich wütend, dass ich Red nicht bekam.
Red und Ro leben als Außenseiter im Irland der 80er Jahre. Ros Vater hat die Familie verlassen, die Mutter lebt nun alleinerziehend mit ihrer Tochter in einem nassen kleinen Haus.
Red stammt hingegen aus einer eher reichen Familie. Beide sind kluge Köpfe und freunden sich an. Zum Schluß lebt Red mehr im Haus von Ro und ihrer Mutter. Von ihr bekommt er zu Weihnachten u.a. einen selbstgestrickten, gestreiften Mohairpullover.
Red muss Irland verlassen, geht nach London und seine Wege verlieren sich erst einmal. Hält Ro zu Beginn noch Briefkontakt zu ihm, so ändert es sich.
Bei einem Besuch in London, läuft Ro Red wieder über den Weg und sie verbringt eine Zeit mit ihm und anderen in einem besetzten Haus.
Witzig und sarkastisch erzählt Louise Kennedy die Geschichte von Red, Ro und ihren Mitmenschen. Wobei der Humor vorrangig durch Äußerungen von Ro ins Blaue trifft, die sarkastisch und häufig wütend durch ihre Welt geht.
Die Geschichte von Red und Ro und den anderen Charakteren ist eine Geschichte über Beziehungen, Drogen, Trauma, Alkohol, häuslicher Gewalt, von „was wäre wenn“, „warum habe ich nicht“ und vor allem den Dingen, die gesagt wurden. Oder auch nicht gesagt wurden. Über das Leben, gelebte Leben und das Leben, welches gelebt hätte werden können.
Louise Kennedy schaffte es meisterhaft den Handlungsbogen (auf den ersten Blick zum Ende hin nicht vollständig) von Irland der 80er Jahre, zu London und zurück bis in die Gegenwart zu spannen. Konsequenterweise endet dieser so, wie er endet. Leider. Erneut erzeugt sie Bilder in meinem Kopf. Die Kälte im besetzten Haus fühle ich, die Kellerasseln sehe ich, den kochenden Flötenkessel höre ich, die Stufen zur Küche spüre ich unter meinen Sohlen. Die Beschreibung der zugedröhnten Boys – alles spüre, rieche und sehe ich. Reds Schmerz ist für mich als Leserin beinahe körperlich spürbar.
Düster, humorvoll, liebevoll beschreibt sie die Beziehungen und Menschen. Den Verlust und die Liebe.
Literarisch absolut hochwertig!
Ich wünsche „Red“ die Aufmerksamkeit und Erfolg wie in England und Irland. Möge Louise Kennedy noch viele weitere Romane schreiben.
Die Danksagung am Ende lässt mich Freude empfinden, dass dieser Roman geschrieben wurde.
Ich möchte nicht schließen, ohne die dringende Empfehlung zu geben ihren Debütroman „Übertretung“ ebenfalls zu lesen. Ihr Band mit Kurzgeschichten „Das Ende der Welt ist eine Sackgasse“ ist ebenso wunderbar zu lesen und ein schönes Geschenk.
BuchClub – nun gibt es ihn bereits ein Jahr 🙂
Der klassische BuchClub versank über die Jahre in der Versenkung. Verband auch ich damit steife, englische Damen, die sich bei einer Tasse Tee, den kleinen Finger abgespreizt, mit wohl akzentuierten Worten über Literaturklassiker austauschten, so wollte ich es anders machen.
In Baden-Württemberg sammelte ich über sieben Jahre Erfahrung, in dem ich regelmäßig bei der Stadtbibliothek Bücher vorstellte, die im Anschluss ausgeliehen werden konnten. Die TeilnehmerInnen konnten die Vorstellungen auf meinem Blog nachlesen.
Mit dem Umzug ins Ruhrgebiet nahm die Idee Fahrt auf und mit „Die Kulturküche“ fand sich ein geeigneter Ort.
Am 28. September 2025 fand das erste Treffen von „Lesezeichen – BuchClub Herne – Das Original“ statt. Wir feiern in wenigen Tagen 1-jähriges.
Im ca. 6 Wochen-Rhythmus treffen wir uns mit maximal 10 TeilnehmerInnen. Teilen Gedanken wie, was sind unsere Lieblingsstellen, wie gefällt uns die Sprache, nimmt der/die Autor*in uns gefühlsmäßig mit?
Aus drei Vorschlägen, dem Genre Romane und Biographien, stimmen wir ab und lesen das Buch bis zum nächsten Treffen. Da ich regelmäßig Rezensionsexemplare erhalte, die man nicht unbedingt auf den ersten Blick in Buchhandlungen sieht, finden diese gelegentlich auch den Weg auf die Vorschlagsliste.
Doch geht es nicht nur um das Buch an sich. Ich recherchiere über Autor und Werk, so dass der Austausch noch etwas abgerundet wird.
Im Gegensatz zu anderen BuchClubs können auch TeilnehmerInnen kommen, die Lesetipps erhalten, einfach einen Kaffee trinken möchten und die Gesellschaft von an Büchern interessierten Menschen genießen möchten.
Interesse an der Teilnahme? Dann melde dich.
Anmeldung: sabine@schreiben-von-innen.de







