Kurzgeschichte: Frau K. mit C.

Ich möchte vorstellen: Frau K. mit C.:
Unzufrieden mit ihrem Vornamen betont sie bei jeder unpassenden Gelegenheit – denn passende gibt es nicht – dass ihr Vater sich bei der Namensgebung durchsetzte und sie somit auf den Namen K. getauft wurde. Sie empfand und empfindet den Namen als zu gewöhnlich für ein Mädchen. In einem Anfall von Kreativität benannte sie sich in Catja mit C.! um. Ein Charakterwechsel oder ähnliches ging damit nicht einher.
Als Russlanddeutscher bedeutete ihrem Vater der Name K. sehr viel. Es war der Beginn der 70er Jahre und sie konnte sich glücklich schätzen nicht auf Nicole oder Claudia getauft worden zu sein. Oder gar Olga, dem Favoriten ihrer Mutter. Heutzutage verbindet man damit eher agressive, wütende Holstein-Rinder.
Sie stellt die fleischgewordene Snickers Werbung: „Du bist nicht Du, wenn Du hungrig bist“ dar. Ihr Gebahren ist kein Mummpitz, sondern ein Zustand, der auf ihr Umfeld irritierend wirkt. Würde es helfen, wenn sie sich täglich ein Snickers impfen würde? Nein, diese Idee ist zu aberwitzig.
Da sie nicht nur kluge Menschen, Hunde, um die Ecke denken, Wechsel, sondern auch Spritzen ängstigen, würde sie sich es vermutlich eher nicht trauen. Obwohl – anschließend würde sie den größten Applaus einfordern.


Pünktlichkeit ist auch nicht ihr Ding. Verspätungen von einer Viertelstunde sind bei Verabredungen das Minimum. Die Ausreden sind vielfältig. Entweder fallen Rolltreppen aus und lange Umwege müssen in Kauf genommen werden, um eine zu finden, die sie ans Ziel bringt. Oder es „dauerte im Ca­fé mal wieder etwas länger.“
Tja, wie soll man es sagen? Mit der Ruhe der Besucher kann es schnell vorbei sein, wenn sie sich unaufgefordert in Gespräche einbringt. „Ich bin Frau K. mit C.“ Und schwupps, reißt sie die Unterhaltung an sich. Verbessert die zuvor stattfindende Unterhaltung. So geschieht es nicht selten, dass sie sich in ihre Argumentation hineinsteigert:
Die Stimme schwillt an, der Hals ebenfalls. Der Kopf wird heftigst geschüttelt, so dass ihr die Quasten im Ausschnitt ihrer neuen Bluse von KIK um die Ohren fliegen.
Wie können 160,5 cm nur so laut werden?

Da sie aus Prinzip nicht kocht, sind die Restaurant- und Ca­fébesuche nicht selten und manch Besucher verlässt diese Lokalitäten verdrießlich.
Ja, dieses Gefühl, wann genug genug ist, geht Frau K. mit C. vollkommen ab. Auf 160,5 cm verteilen sich eine Menge Eigenschaften, von denen viele Menschen nicht über eine einzige verfügen. Grenzen? Die gibt es für sie nur im Diercke Weltatlas. Im zwischenmenschlichen Bereich überschreitet sie eine jede.
Bereits nach wenigen Minuten einer Konversation kapert sie diese, unterbricht und zerpflückt sie besserwisserisch mit der bereits erwähnten anschwellenden Stimme. Entzieht man sich – oh je, wie kann man das wagen – zeigen die Signaltöne am Smartphone in kurzen Abständen einhergehende WhatsApp Nachrichten. Der einseitige Dialog wird weitergeführt. Niemand verschickt so schnell Weblinks und führt Dialoge einseitig weiter.
Daher: Frau K. mit C. niemals persönliche Kontaktdaten übermitteln. Hier gehen Selbstschutz und mentale Gesundheit vor!
Und durchschaut man sie erst auf den ersten oder zweiten Blick sollte diese schnellstmöglich nachgeholt werden in Form von löschen/blockieren.
Allerdings muss man damit rechnen, dass man als Folge dessen zum aktuellen Feindbild erhoben wird. Frau K.mit C. benötigt immer ein Feindbild.
Nebenbei wird grundsätzlich immer über abwesende Personen gelästert.
Ist das nicht eher ein Gehabe von 11-jährigen Mädchen auf dem Schulhof, die sich in der Pubertät befinden?
Nein, nein, kommt jetzt nicht mit der Ausrede, das könnte an fehlenden Hormonen liegen.
Hier ist es eher ein jahrzehntelang gelebter Charakterzug. Dreht man ihr Rücken zu, geht es los.
Kaum steigen die Außentemperaturen, fliegen die Schweißtropfen nur so durch die Gegend. Sehr zum Leidwesen ihrer Begleitung. Kinder werden von öffentlichen Trinkbrunnen verscheucht, um Oberkörper, Ausschnitt und Kopf zu kühlen. Manchmal ignoriert sie die Beschimpfungen oder die Fassungslosigkeit, manchmal hält die alte weiße Frau einen lauten Monolog über ihre, vermeintlich durch den Klimawandel verursachten Beschwerden. Wenn ihr, ihrem Empfinden nach, jemand ganz blöde kommt, folgt ein Referat über den Klimawandel.
Stolz ist Miss Kontroletti darauf Dinge an sich zu reißen, die bereits durch engagierte Mitmenschen erledigt werden. Bücherschränke? Der tägliche Rundgang nach der Arbeit führt an diesen vorbei und wird neu sortiert. Diesen zu reinigen liegt ihr eher nicht. Oh, ein Buch ist dabei, welches nicht ihren optischen Anforderungen entspricht? Ab in den nächsten öffentlichen Mülleimer damit.
Sie ist beratungsresistent, wenn sie darauf hingewiesen wird es einzustellen.
Oh, im Eisca­fé sitzen Kundinnen nur mit einem Eis im Hörnchen am Tisch – schwupps rennt (also was sie rennen nennt, es entspricht nur einem laaangsamen gehen) sie zu ihnen, belehrt sie laut und lange und fühlt sich als unbezahlte Aushilfe des Gastronomen.

Tja, wie mit Frau K. mit C. umgehen?
Die Füße in die Hand nehmen und rennen erweist sich als guter Plan.

Schreibübung zu den acht Wörtern: Verspätung, Applaus, wütend, hungrig, trauen, impfen, aberwitzig, Mummpitz
(bewusst umgangssprachlich)

 

Foto: privat

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