Torsten Woywod: Mathilde und Marie
Klappentext:
Warmherzig und entschleunigend – ein Roman, der einfach nur guttut
In Redu, einem kleinen Bücherdorf inmitten der belgischen Ardennen, wird die Zeit als Freund und nicht als Gegner empfunden: Umgeben von ausgedehnten Wäldern, rauschenden Flüssen und steilen Anhöhen gibt es hier lediglich einen Fernseher, während das Internet nur zwischen 19 und 20 Uhr verfügbar ist. Dass der Kirchturm windschief in den Himmel ragt und man sein baldiges Herabstürzen befürchten muss, stört die 390 Einwohner ebenso wenig wie die gehörig aus dem Takt geratene Turmuhr. Als dann jedoch die junge Französin Marie ins Dorf kommt und der Frühling Einzug hält, wird nicht nur die Natur zu neuem Leben erweckt. Selbst die mürrische Mathilde kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen …
„Heile Welt in den belgischen Ardennen“
Einmal ist das schönste Buch zu Ende und obwohl ich es mir gut eingeteilt habe, sind die letzten Seiten gelesen.
Das Cover zeigt ein Dorf und ist dezent gehalten, während der Einband das kräftige orange des Titels wiedergibt. Mir gefällt es.
In „Marie und Mathilde“ wird aus der Perspektive mehrerer Menschen, der Isländerin Jónína, Marie und Mathilde ihre Geschichte im Bücherdorf Redu erzählt.
Marie verlässt Paris fluchtartig ohne konkretes Ziel und trifft im Zug auf die Isländerin Jónína, die mit der Frage „Was wiegt so schwer in Deiner Seele?“ bei dieser die Tränen zum Fließen bringt. Die Geschichte dahinter wird noch nicht erzählt.
Jónína nimmt Marie, nicht ohne Hintergedanken, mit ins Dorf Redu, in dem die Zeiten anders ticken. So gibt es einen Fernseher und der Internetzugang ist nur zwischen 19 Uhr und 20 Uhr verfügbar. Dinge, an die Marie sich schnell gewöhnt.
Die Natur, die Menschen und die Bücher bestimmen den Umgang im Ort miteinander. So wird Marie zu Beginn von der älteren, verwitweten Mathilde beobachtet, doch bald kommen sich die beiden näher und freunden sich an. Mit dem beginnenden Frühling findet sich Marie ins Dorfleben und der Buchhandlung ein, in der sie Jónína vertritt.
Das Zitat von Elif Shafak: „Bücher verändern uns, Bücher retten uns.“ findet ebenfalls Erwähnung. Weiterlesen
Eine alternative Weihnachtsgeschichte: Eine besondere Gabe
Ein lautes „Muah, muah“ ertönte und schon war der knapp 64 Millionen Jahre dauernde Winterschlaf des Saurusfleischimus am 24. Dezember beendet.
Seine blaugrünen Äuglein öffneten sich langsam. Verwundert rieb er sich den letzten Schlaf mit einem Flügel aus den Augen, schaute sich kurz um und stolzierte langsam Richtung Höhlenausgang.
Der Blick über das darunter liegendes Tal zeigte ihm viel stacheliges grün. Waren das Kiefern? Eine seiner Lieblingsspeisen. Leider sah er zwischen dem ganzen Grünzeug nicht einen Genossen. Wo waren sie? Hatte er, wie häufig, zu laut geschnarcht und sie gingen auswärts auf Futtersuche?
Mit einem kleinen Schritt sprang er herunter, nichtsahnend, dass prompt in Oberstdorf ein kleines Erdbeben mit 2,9 Magnitude auf der Richterskala gemessen wurde.
Nach knapp 64 Millionen Jahren ohne Sonnenlicht schimmerte seine Haut pergamentfarben und war im leichten Nebel kaum noch auszumachen.
Sein Magen knurrte erbärmlich. Er ahnte nicht, dass ihn dieses Gefühl bis zum Lebensende begleiten würde. Auch Bruno, ein Taenie Solium, erwachte aus seinem langen Winterschlaf und setzte die unheilvolle Symbiose mit Saurusfleischimus fort.Er probierte ein paar Kiefern, die er vor seinem Winterschlaf immer zum Frühstück aß. „Nie mit leerem Magen die Welt erkunden“, predigte seine Mutter.Da er sich um seine empfindliche Darmwand sorgte, die durch Nadeln verletzt werden könnte, unterbrach er seine Mahlzeit.
Noch ahnte er nicht, dass Bruno diese bereits vor vielen Jahren durchlöchert hatte.
Mit wenigen Schritten erreichte er eine ihm unbekannte große Stadt und fand sich vor einem Gebäude mit einer hohen, gläsernen Kuppel wieder. Einmal die Zunge heraustrecken und er könnte sie Ruckzuck einspeicheln.
Dass die Menschen für diese Strecke einen Tag benötigen würden, wenn sie sich auf eine teure Servicegesellschaft namens Deutsche Bundesbahn verließen und in die für den Dinosaurier winzigen, blechernen Dinger einsteigen würden, war ihm nicht bekannt.
Der Saurusfleischimus hingegen konnte in dieser Zeit etliche Kontinente erkunden.
Die kleinen Tiere sah er zum ersten Mal. Sie erinnerten ihn an stehende, angemalte Würmer mit Stecknadeln als Kopf, deren Bezeichnung Mensch ihm ebenfalls nicht geläufig war.
Er näherte sich der Kuppel mit einem Tippelschritt, vor der eine komplette Fraktion für neue Fotos posierte und auf den Fotografen wartete. Mit Namensschildern waren sie, im Gegensatz zu den Menschen rechts von ihnen, nicht ausgestattet. „Sahn“, „Perz“, „Kotzbrindt“, „Krötschmer“, „Ich bin keine Weinkönigin -Löckner“ und „Lobby_Leiche“ konnte Saurusfleischimus dort lesen. Anscheinend hatte seine sehr gute Sehkraft im Winterschlaf nicht gelitten.
Sein Magen knurrte.
Sein Maul öffnete sich.
Der Platz war nun leer.
Den Abschluss dieser Vorspeise bildete die aus der Besenkammer herauseilende, in den Aufzug springende, auf die Besucherterrasse rennende, bebrillte Rollkragenträgerin. Genau die, die ihre Gegner in Rededuellen gerne mit dem Satz: „Ich bin deine Mutter.“ aus dem Konzept brachte, bzw. in ein Horrorszenario katapultierte. Horror trägt nicht ausschließlich Camp David Kleidung.
Besonders hatten ihm die Anzug- und Brillenträger geschmeckt. Im Gegensatz zu Kiefernadeln hatte er an den Brillen etwas zu beißen. Ein Kontrastprogramm zum bisherigen grünen Allerlei.
Rülpsend verließ er die Stadt und spazierte ein wenig umher.
Bruno verhinderte ein Sättigungsgefühl, so dass er sich wie ein Kranker auf Cortison fühlte.
Vier Schritte nach rechts und er befand sich in Ungarn. Einmal die Zunge raus und sein Magen füllte sich. Porbán und Konsorten befanden sich nicht mehr dort, wo sie sich zuvor aufhielten. Ähnlich schnell geschah es mit der braunen Spezies in Schweden, Holland, Polen, Österreich, Frankreich und Italien.
In Russland verschluckte er sich fast, als er den mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd reitenden alten Mann hinunterwürgte. In seinem Hinterteil hatten sich zwei Menschen verschlungen, die er erst vorsichtig entwirren musste. „Sahra Sagenknecht“ und „Rabio De Rasi“ las er auf ihren bräunlichen Namensschildern.
Ihm fehlte der Brillen- und Anzuggeschmack.
Unterwegs ereilte ihn eine plötzliche Dünnpfiffattacke, die als saurer Regen über ganz Polen niederging und nicht dem Klimawandel geschuldet war.
Nach einer kurzen Rast gelüstete es ihm nach einem kleinen Marsch. Was heißt Marsch? Nicht einmal 100 kleine Schritte weiter, und ein bisschen fliegen, befand er sich in einer Stadt, die auf dem Boden mit kleinen Blechteilen beinahe verstopft war. Seine weitsichtige Mutter hätte ihm vielleicht erzählen können, dass es sich um Panzer handeln würde.
Seine Augen nahmen dort einen Orange Monkey wahr, der vor vielen, vielen Menschen stand und „My lovely ICE Guys, the best Guys of he world“ brüllte, bevor seine Worte in unverständliches, lallendes Gebrabbel übergingen.
Applaus und tosendes Gebrüll aus tausenden Kehlen war das Echo.
Alle diese Menschen trugen, mit Ausnahme des Orange Monkeys, Uniformen, Springerstiefel und Helme.
Saurusfleischimusse sind Vegetarier. Daher sind Tiere, einschließlich Affen, für unseren Saurusfleischimus tabu.
Irritiert nahm er zur Kenntnis, dass es anscheinend Anzug tragende Affen gab. Der Lallende hier trug gar eine rote Mütze mit dem Aufdruck „MAGA“ dazu.
Sein Speichel begann zu fließen: Anzüge schmeckten doch so gut.
Affen waren tabu.
Affen waren tabu.
Affen waren tabu.
Beim näheren Hinsehen irritierte Saurusfleischimus etwas. Orangefarbene Spuren liefen im Nacken des Menschen herunter. Ein gefärbter Mensch, der vorgab ein Affe zu sein?Saurusfleischimus verstand den Möchtegern-Affen nicht und mochte keinen weiteren Gedanken an ihn verschwinden.
Sein Magen knurrte schon wieder.
Schnappi, schnapp. Der Orange Monkey stand nicht mehr dort, wo er stand.
Beinahe verschluckte er sich an diesem, da das merkwürdige Lallen kein Ende zu nehmen schien. Aus seinem Hals schallte es, ähnlich einem Dinosaurier auf Lachgas, heraus. Einmal kräftig geräuspert und das Geräusch des Lachgases verschwand.
Weiterhin hungrig und etwas verärgert darüber, dass sich ein Mensch beinahe überzeugend als Affe ausgegeben hatte, besah er sich die Uniformierten genauer. Seine Intuition überzeugte ihn, dass Uniformen ähnlich gut wie Anzüge schmecken würden und sicherlich Gewürze ersetzen könnten.
Bevor sich sein Bauchgefühl irren konnte, füllte er diesen. Karma richtete es.
Gierig verschlang er alle ICE- Typen, die sich aus sämtlichen Ecken des Landes heute in dieser Stadt hatten einfinden müssen. Eine plötzliche Müdigkeit überkam ihn, die ihn daran hinderte fest zuzubeißen, so dass die ICE-ler erst einmal in ganzer Pracht komplett in seinem Magen festhingen. Wie lange würden sie dort die Luft anhalten können? Vermutlich lange.
Mit prall gefülltem Bauch und etwas Kopfweh machte er sich auf den Rückweg in seine Höhle. „Wie soll ich heute noch mein Tagespensum von 10.000 Schritten erreichen?“, dachte sich Saurusfleischimus.
Angeschlagen erreichte er sein Tal. Mit Blick auf die Kiefern begann er zu verdauen und ließ erschöpft den Schiss seines Lebens los, welcher wundersamerweise einen in Beton gemeißelten „Behave Guide“ mit dem Untertitel „Nie wieder braun und nie wieder Kapitalismus“ ergab.
Völlig entkräftet ging er in die Höhle und legte sich in die hinterste Ecke. Fernab von Licht und den Menschen.
Hätte nur ein Teil der heutigen Speisen Albendazol oder Praziquantel beinhaltet, hätte der durch Bruno verursachte Gehirnschaden verhindert werden können. Saurusfleischimus hätte nach seinem nächsten Winterschlaf, ja was gemacht?
Stattdessen schlief er ein und wachte nie wieder auf.
Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht: Familie Mann in Sanary
Klappentext:
Im glühend heißen Sommer 1933 spitzt sich die politische Lage in Europa zu – und die der Familie Mann: Thomas und Katia Mann und ihre sechs Kinder sind nach abenteuerlichen Fluchten im Juni in dem verträumten Hafenort Sanary am französischen Mittelmeer gestrandet. Und jetzt wissen sie alle weder vor noch zurück.
Ein Ort, eine Familie, drei Monate bei dreißig Grad – »Wenn die Sonne untergeht« ist eine große Familienaufstellung: Kaum im unsicheren südfranzösischen Exil angekommen, will Thomas Mann eigentlich sofort wieder zurück in seine edle Münchner Villa. Sein Bruder Heinrich hingegen genießt die Freiheit des Südens. Dazwischen die sechs Kinder von Thomas und Katia: Der eine, Michael, spielt Tag und Nacht Geige, der zweite, Klaus, gründet eine Exil-Zeitschrift, die dritte, Elisabeth, badet und genießt die Zeit ohne Schule. Erika, die älteste, führt Regie und schmuggelt den Besitz der Manns aus München über die Grenze, Golo holt das Geld von den Konten und versorgt den vergessenen Hund. Und Monika? Sie bleibt einfach am Strand von Sanary liegen.
Florian Illies erzählt von der Trauer um den Verlust der Heimat und des Besitzes, der Angst vor den Plünderungen der Nazis, von Trotz und Leidenschaft. Von Wehmut und vom Überlebenswillen, obwohl die alte Welt einzustürzen droht. Und er erzählt von der großen Zerreißprobe zwischen Klaus und Erika und ihrem Vater Thomas.
»Ich glaube«, sagte Marcel Reich-Ranicki, »dass es in Deutschland im 20. Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie gegeben hat als die Manns.« In Sanary ist diese außergewöhnliche Familie in einem absoluten Ausnahmezustand – alle werden das erste Mal gezwungen, sich zu bekennen. Zueinander. Zu Deutschland. Oder auch, so traurig es ist: Dagegen.
Ursprünglich zu einer Vortagsreihe aufgebrochen, strandete Thomas Mann mit seiner Familie in Sanary. Dem Ort, in dem sich weitere bekannte deutsche Exilanten aufhalten.
Ein kleiner Satz, der unvollständig wiedergegeben wurde, bzw. aus dem Zusammenhang gerissen wurde, führte dazu, dass der Nobelpreisträger Thomas Mann in Nazi Deutschland nicht mehr willkommen ist.
Mit der Familie verbringt er den heißen Sommer in Sanary und glaubt weiterhin an die Rückkehr in seine Münchener Villa. Oder tritt so auf, dass es möglich zu sein scheint.
Das Buch liest sich wie eine Mischung aus Sachbuch und Roman. Florian Illies beherrscht es perfekt die Geschichten und Anekdoten so lebendig zu beschreiben, als hätte er sie selbst erlebt oder hätte in der Ecke heimlich zugeschaut. In Verbindung mit seinem süffisantem, manchmal spöttischen Stil, macht es Spaß Dinge über die Familie Mann zu lesen, ohne ein Kenner dieser sein zu müssen. Die eingeflochtenen Tagebucheinträge lassen den Roman in diesen Teilen sehr authentisch wirken.
Nicht nur einzelne Handlungen (Stichwort: Golo Mann und die Diplomatenpost), sondern auch die die Familienmitglieder werden sehr detailliert beschrieben. Die Beziehungen der sechs Kinder untereinander und zu ihrem Vater, die um seine Gunst und Anerkennung buhlen, sowie Thomas Mann und Katja.
Muss man ein Kenner der Familie Mann sein, um in das Buch zu finden? Eher nicht. Durch viele zitierte Tagebucheinträge erfährt man einiges über diese Familie und ihr Konstrukt und den Patriarchen. Ein gelungenes, unterhaltsames Familienporträt mit dem die Stimmung aus 1933 gut wiedergegeben wird. Letzteres gelingt auch durch die Schilderungen der anderen deutschen Sommergäste.
Die Kapitel sind in Monate unterteilt, beginnend mit Februar und endend mit September 1933. (bis auf „Danach)
Im Kapitel „Danach“ am Ende des Romans wird beschrieben, wie es der Familie Mann und weiteren Protagonisten erging. Die Villa Lazare, Sanary und Haustiere finden auch Erwähnung.
Ein Stammbaum der Familie Mann und eine Übersicht der Sommergäste in Sanary ist ebenfalls beigefügt.
Das Buch wirkt durch den blauen Einband und das Lesezeichen in Verbindung mit dem schönen Cover hochwertig.







