9. Mai

9. Mai
Kein runder Geburtstag für Dich.
Kein Muttertag für Dich.
Viele Grüße nach….
ja wohin?
Einem Ort, an dem es Dir besser geht?
Einem Ort, an dem Dich nichts mehr an vor dem 9. Juli erinnert?

Du fehlst.
Auf Deine Dir spezielle Art und Weise.

Deine Tochter

10 Dinge

Liegt es an dem bald anstehendem Geburtstag oder der besinnlichen Stimmung, in der ich mich gerade befinde? Einige Gedanken gehen mir durch den Kopf und führen dazu diese Aufzählung zu schreiben. Nein, keine Einkaufsliste oder eine Liste über Bücher, die ich noch lesen möchte. Es ist viel einfacher.
„10 Dinge, die ich noch machen möchte, bevor ich 55 bin:“

Erstens:
Ich möchte ein halbes Jahr in Irland in einem gemütlichen Cottage am Meer leben. Dem schwülen Sommer hier entfliehen, mir Sonnenbrände bei Spaziergängen am Meer einfangen und mein „Erlebniswohnen am Fuße der Schwäbischen Alb“ beenden. Mit den Locals im Pub am Kamin sitzen, dem knistern der Flammen zuhören und den Geruch nach Torf genießen. Scones mit jam werde ich in meinen Tagesablauf einbinden. Und der Muse weise ich durch den Bauerngarten den Weg ins Cottage.

Zweitens:
Jedes Jahr möchte ich an einer gemütlichen Lesung teilnehmen oder eine eigene organisieren. Um sich im persönlichen Miteinander auszutauschen und sich kennenzulernen: Wer schreibt denn da? Wer liest denn da?

Drittens:
Einmal möchte ich mich trauen auf einem Rammstein Konzert in der ersten Reihe zu stehen. Mitsingen bis ich heiser bin und am nächsten Tag meine Ohren suchen.

Viertens:
Ich möchte eine Granny Square Decke häkeln. Meine eigene Oma Erinnerung produzieren.

Fünftens:
Täglich mindestens eine Seite schreiben. Warum wohl?

Sechstens:
Euch durch meine Zeilen zum Lachen und Weinen bringen. Euch amüsieren und nachdenklich machen.

Siebtens:
Einen Schreibwettbewerb gewinnen. Einfach so.

Achtens:
Meine Kurzgeschichten in einem eigenen Band veröffentlicht sehen. Das Exemplar anstarren, das Notizbuch in die Hand nehmen und weiterschreiben.

Neuntens:
Den Blick auf die Besonderheiten im Alltag nicht verlieren, denn ohne sie würde es die zehnminütigen „Read what I see“ Kolumnen nicht geben.

Zehntens:
Mit einem Glas Rotwein in der Hand einen Abend vor dem Kamin mit Philipp Poisel – oder doch Denis Scheck- nö Philipp Poisel verquatschen.

November 2014

Die Vergangenheit ruht.
Die Geister, die ich rief –
sie erscheinen nur gelegentlich.
Erscheinen noch in den unmöglichsten Momenten.
Ich lasse mich nicht beirren,
ich lasse mich nicht verwirren.

Ich lasse los,
ich schiesse in den Wind.
Ich begehre auf.
Ich kämpfe nieder.
Ich bekämpfe.

Ich siege.
In kleinen Schritten.
In sehr kleinen Schritten.

 

 

„Read what I see“ oder besser „Read what I cook“: Der Kochkurs

Der Kursleiter, der sehr viel Wert auf die Schreibweise „Bistrot“ legte eröffnete den Kochkurs „Pariser Bistrot Küche“. Entstanden sei diese Bezeichnung für einen Teil der französischen Küche während des zweiten Weltkriegs. Paris wurde durch Russen, die ihre Bestellung stets mit: „Bistrot, bistrot“ aufgaben, besetzt. Auf Russisch bedeutet es angeblich schnell. Den Wahrheitsgehalt habe ich nicht per google gegengeprüft.
8 Teilnehmer plus Kursleiter – eine überschaubare Teilnehmeranzahl für die große Küche. Mein Blick fiel auf die 12 Flaschen Wein. Aha, korrespondierenden Wein wird es also in reichlicher Menge geben. (Später stellte ich fest, dass ich als einzige mit dem Auto angereist war). Während der Vorstellungsrunde schaute ich mir die bereit gestellten Lebensmittel an. Die Qualität war wirklich gut.
Kicher, kicher, kicher. Wie es bei solchen Kursen manchmal ist, wenn die Hausfrauen abends los gelassen werden, erfüllte sich mein Vorurteil schnell. Der Worte wurden wenig genutzt, das Gekichere ersetzte sie. Die erste Weinfalsche wurde gekippt, bevor der erste Kochtopf heraus gesucht wurde; beim Kursleiter verbal eingeschleimt, wenn man bereits an einem Kurs teilgenommen hatte.
Herrlich für meine niederen Instinkte namens: „Ich liebe es zu beobachten…..“
Laut Kochplan sollte folgende gekocht werden:
Soupe courte a`la provencale, Provenzalische Suppe
Tatin dèchalotes, Tarte mit Schalotten
Tatin de Tomates, Tarte mit Tomaten
Quenelles de poisson, sabayon de safran, Fischklößchen mit Safran Zabaione
Souris dàgneau aux lentilles, kleine Lammhäxle mit schwarzen Linsen (grüne waren ausverkauft)
Magret de canard a`lórange, Ente Orange mit Orangensauce
Bourdelots normands, In Blätterteig gebackener Apfel
Sacristains, Blätterteigstangen mit Mandeln
Mousse au chocolat
Kürbispüree
Pommes Macaire

Diese Gerichte waren nicht nur auf dem Kochplan zu lesen. Nein, sie wurden auch alle gekocht. Später wurden alle reichlich probiert, bzw. reichlich davon gegessen.
Wo war ich stehen geblieben? Alle schlugen sich darum, Mitglied in der Gruppe zu sein, die die Ente zubereiten sollte. O.K., es war „nur“ Entenbrust, doch irgendwie wollte jeder die Ente massakrieren.
Die Teams wurden aus jeweils 2 Personen zusammengestellt. Meine Kochnachbarin war eine Frau namens xxxxx. Den Namen habe ich vergessen. Nicht vergessen konnte ich, dass sie niemals zuvor im Leben Zabaione geschlagen hat. Im Gegensatz zu mir. Diese Erfahrung wird sie sicherlich nicht so schnell vergessen oder gar wiederholen. Doch dazu später mehr.
Daheim habe ich als Arbeitsfläche in meiner Küche nur meine Spüle zur Verfügung. Das schränkt den Spaß am Kochen teilweise etwas ein. Umso mehr genoss ich die großen Arbeitsflächen in dieser Küche oder Zutaten und Töpfe mit einem Handgriff in der Nähe zu haben.
Wir legten mit der provenzalischen Suppe los. Lammfleisch, gepökeltes Schweinefleisch, Zwiebeln, Knoblauch, sehr viel frische Kräuter, gehackte Tomaten, Lammbrühe und Gewürze ergaben nach 1,5 Stunden eine tolle Suppe. Wenige Minuten vor Kochende wurden ein paar kleine Makkaroni beigefügt. Serviert wurde die Suppe mit etwas geriebenem Parmesan.
Was soll ich sagen? Der Topf wurde leer gegessen und ich werde sie in den nächsten Wochen nachkochen. Der Geschmack des Lamms tritt zugunsten des gepökelten Schweinefleisches zurück und ergibt eine sehr aromatische Mischung.
Weiter ging es mit den Fischklößen. 400 g Rotbarsch wurden von Gräten befreit, in kleine Stücke geschnitten und püriert. Eiweiß und etwas Sahne dazugeben und mit Salz, Pfeffer, Muskat und Cayennepfeffer abschmecken. Für 30 Minuten in den Kühlschrank geben. In unserem Fall stand die Schüssel neben der Mousse, von der wir nicht naschten, auch wenn es schwer fiel.
Ein Topf wurde mit Salzwasser aufgesetzt und die Fischklößchen abgestochen. In einem gebutterten Topf auf den Boden gesetzt und mit dem nicht mehr sprudelnd kochendem Salzwasser übergossen.
Gar ziehen lassen.
In der Zwischenzeit gab ich mir vor, mich nicht über die Kochnachbarin aufzuregen. Es gibt solche und solche Leute beim Kochen. Besserwisserinnen, wie in diesem Fall und „ich nutze jeden Topf, jede Messer die es gibt. Spülen können andere.“
Hach, mein kleiner Moment der Genugtuung sollte noch kommen. Nein, nicht dadurch, dass sie sich einen Wolf spülen würde. Nein, viel subtiler … Wer hat schon einige Zabaiones hergestellt? Ich.
Wer noch nie? Genau, die Koch-Utensilien-Verschwenderin.
„Soll ich vielleicht die Zutaten mischen und Du machst dann die Sauce? Der Kursleiter erklärt Dir, wie angeboten, die weitere Vorgehensweise anschließend in aller Ruhe.“
„Tolle Idee, so lerne ich es endlich.“ (Sie schaut überhaupt nicht dezent auf den riesigen Spülberg)
„O.K. wenn ich es schaffe, beginne ich schon einmal mit dem Abwasch.“
Schwups wurden Fischfond, Weißwein, Eigelb, Safran, Sahne, Tomatenmark, Salz und Cayennepfeffer vermischt, während das Wasser für das Wasserbad erwärmte.
„Kursleiter xxx, kannst Du mir bitte erklären, wie ich die Zabaione machen muss?“
Kursleiter kommt, erklärt ihr wie sie am besten rührt/schlägt und ich drehe mich um. Beginne innerlich grinsend mit dem Abwasch. Eine Zabaione lässt sich nicht in einer Minute schlagen.
Zwischenstand nach 5 Minuten:
Abwasch ist erledigt, abgetrocknet noch nicht.
Kochnachbarin schnauft leicht bei gleichzeitig gerötetem Gesicht.
Zwischenstand nach 7 Minuten:
Die Lautstärke beim schnaufen erhöht sich deutlich, die Armbewegungen sind deutlich langsamer.
Kochgeschirr ist abgetrocknet.
Zwischenstand nach 10 Minuten:
Mit hochrotem Kopf wird nach Verstärkung zum Rühren gerufen. Vergeblich.
Ich rolle Blätterteig in 4 Stücke aus, steche 4 Äpfel aus, fülle sie mit Vanillezucker, Calvados und Zucker. Stelle diese auf die Vierecke, schlage den Teig um und pinsele den Teig mit Eigelb ein.
Zwischenstand nach 15 Minuten:
Die Zabaione wird nicht dickflüssig, fluffig. Der Versuch wird aufgegeben.
Egal, es wird mit dem gemeinsamen Essen begonnen und ich frage mich, ob meine Kochnachbarin beim nächsten Kurs lieber spült, statt irgendwelche Zutaten aufzuschlagen?
Die Fischklößchen wurden mit der Safran Zabaione und etwas Baguette serviert. Sie schmeckten lecker. Ich fühlte mich wie nach meinem ersten Zahnarztbesuch: Fischklößchen zu machen tut gar nicht weh. Ist mit wenig Aufwand herzustellen, gut vorzubereiten und schmeckt einfach nur lecker.
Anschließend gab es die Tarte mit Tomaten. Da ich kein so großer Freund von Tartes bin, fand ich sie OK, aber nicht so berauschend. Geschmacklich wirklich gut, aber halt nicht so mein Fall.
Gefolgt wurde diese Tarte von einer Zwiebeltarte, die ein wenig daneben ging. Ein krümeliger Teighaufen aus Dinkelmehl war bedeckt mit karamellisierten Schalotten. Der Teig zuvor war ebenfalls von wenig Erfolg gekrönt, so dass dieser Versuch aus Zeitgründen herhalten musste. Wer Krümel mit zu dick karamelisierten Schalotten mag, der wird auf seine Kosten gekommen sein.
Es gab eine kleine Verschnaufspause. Wir schmissen den Backofen an, puhlten uns das Karamell aus den Zähnen, schauten den anderen Köchen über die Schulter, genossen den Duftmischmasch in der Küche, genossen ein Schluck Wein.
Weiter ging es mit den kleinen Lammhaxen auf schwarzen Linsen und Kürbispüree. Was soll ich sagen? Das Fleisch war butterzart, die Linsen ein Gedicht und das Püree lecker. Die Menge war sehr reichlich bemessen und wir hatten unsere Teller nicht wenig gefüllt.
Irgendwie schienen wir alle vergessen zu haben, dass noch ein Hauptgang (die Ente) und drei Desserts folgten.
4 Lammhäxle wurden mit Salz und Pfeffer gewürzt und in Öl angebraten. Später wurden Knoblauchzehen, Zwiebel, Thymian, Rosmarin, 1/8l Lammfond, 1/8l Rotwein dazu gegeben. Deckel drauf und 1,25 Std. kochen lassen.
In Öl Suppengemüse anschwitzen, schwarze Linsen und Lorbeerblätter zugeben. Mit Fond/Rotwein aufgießen und aufkochen. 1 Std. köcheln lassen.
Die Lammhäxle mit ihrem Fond zu den Linsen geben. Umrühren und für 30-45 Minuten in den Ofen stellen.
Boh, wenn solch Gericht auf dem Tisch steht gibt es nur eine einzige Gefahr: Dass man zu viel isst, weil es so bombig schmeckt.
Ein Teil der Kursteilnehmer kämpfte mit ihren Hosenknöpfen und wünschte sich bereits jetzt ein Verdauungsschnäpschen.
Weiter ging es mit der Ente Orange. Also Entenbrust Orange. Hierzu schreibe ich nichts zur Zubereitung, reiche diese notfalls nach.
Das Highlight bei dem Gericht war die separat gekochte Sauce. Eine „Angebersauce“, eine „Baby ich mache Dich schwach Sauce“, eine „damit befriedige ich auch die Schwiegermutter Sauce.“ Welches Superlativ hatte ich noch nicht in Gebrauch? Toll, super lecker, hammer lecker, bombig lecker? Ich sage nur: Turbo lecker.
Honig wird mit dem Orangensaft aufgekocht, reduziert. Die Streifen von der Orangenschale im Saft verrühren, dann den Essig zugeben, reduzieren. Rotwein dazu, reduzieren. Geflügelfond dazu, reduzieren. Es sollen etwas 0,3l Sauce übrig bleiben.
Mit den Gewürzen abschmecken.
Zur Entenbrust gab es die besagte Sauce in kleiner Menge und Pommes Macaire. Letztere mag ich seit den 80er Jahren nicht mehr, passten aber gut zu dem Gericht. Wie soll ich sagen? Die „Ich bin aber satt“ Rufe wurden lauter. Um sich zu bewegen, wurde eine allgemeine Spülrunde eingeläutet. Weiter ging es der Mousse au chocolat. In diesem Rezept wird die Hälfte der Sahne durch Butter ersetzt. Die Mousse ist in der Konsistenz fester, schmeckte auch nicht mehr so süß. Wir nahmen jeder einen kleinen Löffel. Die Hosenknöpfe sollten schließlich dran bleiben.
Wo blieb eigentlich der Rest der fast vollen Schüssel?
Es folgten die Blätterteigstangen mit Mandeln, die gar nicht blätterten und bei weitem nicht so süß schmeckten, wie man im Vorfeld geglaubt hatte. Lecker.
Blätterteig wurde ausgerollt, mit Eigelb bepinselt und der Inhalt einer Vanilleschotte darauf verteilt. Puderzucker mit gemahlenen Mandeln vermischen und bis auf 3 EL darauf verteilen, ebenso 2/3 der gehobelten Mandeln. Einmal zusammenschlagen, Streifen von ca. 2cm Dicke schneiden, radeln. Jedes Teil drehen und auf Blech setzen. Mit dem restlichen Ei bepinseln und den restlichen Zucker und Mandeln darüber streuen.
Zum Schluss, kurz bevor die Hosenknöpfe abfielen, gab es die in Blätterteig gebackenen Äpfel mit einem Glas Calvados. Auch diese schmeckten lecker, waren aber nichts Besonderes. Wir waren halt an dem Abend zu sehr verwöhnt worden.
Es begann die Plauderrunde, die den Kursleiter anhimmelnde Gesprächsrunde (man will ja schließlich wieder am nächsten Kurs teilnehmen können) und die „Ich will jetzt gar nicht mehr nach Hause“ Gesprächsrunde. Ich weiß nicht, ob man aus meinen Worten nachvollziehen kann, dass ich mich an dem Abend teilweise köstlich amüsiert habe. Zum einen habe ich etwas gelernt, Angst vor Fischklößchen verloren, Schadenfreude gegenüber meiner Kochnachbarin gehabt (tja, hatte ich wirklich ein wenig) und den meisten Spaß an den Beobachtungen meiner Mitstreiterinnen gehabt.
Doch beinahe hätte ich einen wichtigen Punkt vergessen. Ich kann nicht schließen, ohne auf das Thema „Tupper“ einzugehen.
Ja, so ist es mit den Schwaben. Wenn in der Kursbeschreibung steht, „Tupperschalen mitbringen“, so wird dieser Aufforderung brav gefolgt. Sie werden nicht nur in große Einkaufstaschen mitgebracht, nein sie werden auch gefüllt mit heim genommen. Der noch reichlich gefüllte Topf mit Resten wird unter dem Vorwand: „Ich gehe schon mal den Topf spülen“ außer Reichweite des Esstisches gebracht, an dem die “Konkurrenz“ sitzt. Anschließend wird sich auf den Küchenboden gehockt, durch die Küchenzeilen von Blicken der anderen Teilnehmer geschützt der Inhalt des Topf heimlich in die Tupperschale(n) umgefüllt und leer der Kochkollegin präsentiert.
Ich verstehe die Welt nicht mehr.
So erging es auch den Lammhaxen mit schwarzen Linsen und Kürbispüree, die noch locker für eine 6-köpfige Familie, die Cortison einnehmen und dementsprechenden Heißhunger haben, gereicht hätten. Sie wurden schnell von einer Teilnehmerin in eine riesige Tupperschale verfrachtet und in der Ecke gebunkert.
Interpretation:

  • Der Schwabe bunkert, was er bekommen kann?
  • Die Schwäbin hat keine Lust zu kochen und füttert ihren Ehemann viele Tage damit?
  • Die Schwäbin nimmt die Tupperschale mit in die Firma, um in der Mittagspause angeben zu können. „Schaut ´mal liebe Kollegen, was ich Euch tolles in meiner schlaflosen Nacht nur für Euch gekocht habe.“

Mensch, ich hätte beinahe meine Seele verkauft, um von diesen Linsen erneut einen Löffel naschen zu können.

Und wo ist die Schüssel mit der Mousse geblieben???

 

Foto: Pixabay.com

Umtopfen

Ich muss sortieren.
Meinen Garten im Kopf aufräumen.
Die Schlingpflanzen entwirren,
die jungen Triebe finden,
sie pflegen,
mich von den vertrockneten Trieben trennen.
Kürzen.
Trennen.
Abschneiden.
Pflegen.
Nicht entsorgen.
Umtopfen.

Einen kleinen Ableger schenke ich Dir.

 

Foto: ich

 

Juli 2020

Juli 2020
Jetzt stehe ich hier und kann Dich auf dieser Trauerfeier nicht gehen lassen, ohne Dir noch einige Worte auf den Weg zu geben. (Sorry, ich kann einfach nicht anders.)

Du weißt, die Vorstellung von einem Himmel oder einer Hölle, des Mannes im weißen Gewand und mit weißem Rauschebart überzeugten mich nie. Aus irgendwelchen Gründen glaube ich ja fest an die Wiedergeburt.
So absurd die Vorstellung eines Himmels für mich ist, so kann ich mir gut vorstellen, dass Du neben Deinem Bruder Manni auf einer Wolke sitzt, die Beine baumeln lässt und Dich dort wohlfühlst – wo immer diese Wolke auch sein mag. Manni hat eine Thermoskanne mit starkem Kaffee zwischen Euch stehen, nimmt einen kräftigen Zug von seiner Zigarette und sagt. „Hey, Petra, schaue hinunter. Dort unten: Das ist heute DEIN Tag!“
Von hinten kommt Dein Vater in kleinen Schritten und flucht, dass er Euch erst jetzt gefunden hat. Tante Hilde nimmt heute eine Auszeit von der Wolke.

Denke ich darüber nach, kommen mir bereits die Tränen. Ich versuche tapfer zu sein, damit Du meine Worte verstehen kannst und sie nicht erahnen musst.

Welche Spuren kann ein Mensch auf der Erde oder dem Universum hinterlassen?  Du hast Deine Spuren hinterlassen. Fünf Kinder und sechs Enkel würde es ohne Dich nicht geben. Mich würde es nicht geben.

Während ich über die Worte für Deinen Abschied nachdachte, fiel mein Blick auf die Einladungskarte zu Deinem 60. Geburtstag. Du hattest eine große Feier geplant und dann kam der Nierenkrebs dazwischen. Wir hatten für Dich eine Reise nach Irland gebucht, dem Land in dem Du zweimal Urlaub gemacht hast, als ich dort wohnte. Du wolltest so gerne noch einmal dorthin reisen.
Die große Feier und die Reise fielen aus und konnten nie wieder nachgeholt werden.
Ab dann gab es immer wieder kritische gesundheitliche Situationen in Deinem Leben.

Ich weiß nicht mehr genau, wie oft Du dem Tod von der Schüppe gesprungen bist. Auch, weil Deine Patientenverfügung missachtet wurden. Du kamst immer wieder hoch. Du hast dem Tod immer ein Schnippchen geschlagen, warst schneller. Wie im Juli vor zwei Jahren, als auch mit Mimis Hilfe, Dein Leben gerettet wurde.
Nun haben wir wieder Juli, dieses Mal bist Du nicht von der Schüppe gesprungen. Jetzt hast Du einen Weg gefunden, Deinen Weg zu gehen, ohne dass Dir noch einmal jemand in Form von Krankenhaus, Notarzt o.ä. dazwischen pfuscht.
Du hast einen stillen Weg genommen, der für Dich hoffentlich friedlich war. Und ist.

Montag telefonierten wir noch und am Donnerstag gab es Dich plötzlich nicht mehr. Das Wort „plötzlich“ hat für mich nun eine ganz andere Dimension bekommen.
Apropos Weg: Während ich das Wort ausspreche, denke ich an den Weg in Oberstdorf, der am Bach entlangführte. Diesen Spaziergang am Bach entlang mochten Didi und Du so gerne. Er gehörte zu Euren Urlauben in Oberstdorf dazu. Gelegentlich besuchte ich Euch dort.
Erinnerst Du Dich, als ich bei einem Spaziergang am Bach entlang. die nicht eingelaufenen roten Schuhe trug und mir böse Blasen lief? Wenn wir uns später daran erinnerten lachten wir meist, da ich mir nach dem Spaziergang humpelnd im Schuhgeschäft die erstbesten Schuhe, die hinten offen waren, kaufte. Oder an den Eisstand mit dem leckeren Eis? Und an den feschen Jungbauern in der Milchbar? Erst im Mai schauten wir uns noch Erinnerungsstücke aus Oberstdorf an.
Ich verbrachte einige Urlaube mit Dir und Didi im Allgäu. Gemeinsame Erinnerungen, die weiter bestehen bleiben. Die Kaffeepausen im schlichten Museumscafé in Wangen, der Rundweg am Waldsee in Lindenberg. Lindau, den Bodensee und viele andere Orte erlebten wir gemeinsam.

Mama, wenn ich an Dich denke, sehe ich nicht nur die letzten 9 Jahre, in denen Dich seit dem Nierenkrebs häufig Krankheit und Phantomschmerzen dominierten.
Du warst rst so viiiiel mehr:
Die die jüngsten Enkel abgöttisch liebte
Die ein großes Haus nicht nur in Schuss hielt und dieses später räumte. Am Wochenende des Umzugs lud ich Dich nach Hamburg ins Hotel Atlantik ein, damit Du am eigentlichen Akt des Umzugs nicht anwesend sein musstest. Wir logierten im schicken Hotel. Auch hier lachten wir später über gemeinsame Erinnerungen. Wie ich erst im anderen, falschen schicken Hotel einchecken wollte und mich kaum davon abbringen ließ, dass ich die Hotelnamen verwechselt hatte und somit an der falschen Rezeption stand.
Die großzügig war
Du konntest tanzen und Dich führen lassen. 1.2.3. tschatschatscha klappte bei Dir wunderbar
Die damals so viel Spaß mit ihren Strickweibern hatte
Die eine Überlebenskämpferin war
Die ihren Dickkopf und auch Egoismus durcchzusetzen wusste
Die Spaß an der Arbeit mit Gästen in der Gastronomie u.ä. hatte
Die ihren Didi betüdelte solange sie es konnte
Die es genoss in einer „Hells Angels“ Kneipe eine Cola zu trinken und irgendwie hoffte, dass jetzt auch etwas passieren würde 🙂

Im März und Mai sahen wir uns noch und nichts deutete auf den 9. Juli hin. Nichts. Heute bin ich froh, Dich diese insgesamt viereinhalb Wochen noch gesehen und erlebt zu haben.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie Du, auf dem Weg in die Stadt, mit Deinem Elektro Rolli den Bürgersteig verließt, auf die Straße fuhrst, an deren Straßenrand sehr viele Autos parkten und entgegen der Fahrtrichtung mit geradem Rücken Gas gabst. Autos, die um die Kurve kamen, mussten bremsen. Scharf bremsen. Auf mein ängstliches Geschrei reagiertest Du nicht. Was würde ich drum geben, Dir noch einmal ein „Bist Du narrisch, passe auf“, hinterherrufen zu können.
Gerade sehe ich Dich wieder auf Deiner Wolke. Mit Deinem Ellenbogen schubst Du Manni an und sagst. „Das habe ich Dir doch gerade erzählt. Gleich fällt der Satz, sie ist emotional überfordert.“ 
Diese Anspielung beziehen sich auf die Momente als ich Dich Mama, im März und im Mai, nach dem Umsetzen aus dem E-Rolli in den anderen Rollstuhl in die Wohnung schob. Du hielst Dich, mit dem Gesicht zu mir, an den Rändern fest und schautest mich mit Deinen großen, braunen Kulleraugen unter den dichten Wimpern von unten an. In dem Moment bestandst Du für mich nur aus diesen großen Augen und dem Griff. Darauf vertrauen zu müssen, dass ich Dich vorsichtig in die Wohnung schob. Währenddessen sahst Du so klein und so verwundbar aus.  Ich unterdrückte meine Tränen und antwortete auf Deine Frage, dass ich gerade „emotional überfordert bin“. „Das musst Du doch nicht.“ Und tätscheltest meine Hand. Doch, Du wirktest so furchtbar verletzlich.
Mama, wir beide hatten sicherlich eine spezielle Beziehung. Dies ändert nichts daran, dass ich Dich jetzt schon vermisse.

Wer weiß, wann und wie wir uns wiedersehen? Oder spüren?
Danke Mama, dass es Dich
Gab
Gibt
Und weiter gibt

 

Nachtrag: Januar 2021:
Die Trauer ist weiterhin da. Anders. Folgend zitiere ich den Satz eines Enkelkinds: „Oma Petra kommt wieder. Dann hat sie auch wieder Beine.“
Wie ich zuvor schrieb: „Und weitergibt“

Zum Teufel mit Weihnachten

So stand er nun in voller Pracht und schaute auf die Menge herab. Mit seinen knapp zwei Metern, die an allen Stellen durchtrainiert waren und einen wohldefinierten Körper zeigten, malte er sich Chancen für einen Platz auf dem Siegertreppchen aus.
Hans, der neben ihm positioniert wurde, war mit seinen ein Meter siebzig, und den teilweise kahlen Stellen, keine Konkurrenz für ihn. Oder Fritz
den Traummaßen, der beim Interview seine geistige Beschränktheit bewies, welche dem Moderator währenddessen ein Zucken um die Mundwinkel bescherte. Sven wiederum meisterte sein Interview sehr gut, da er hier seine Eloquenz und Cleverness unter Beweis stellen konnte.
Der pummelige Andreas überzeugte ebenfalls den Moderator und das Publikum, vor allem das weibliche. Sein starkes lispeln wirkte herzallerliebst auf die Zuschauer, seine Kleinmädchenstimme weckte bei manch einem Burschen den Beschützerinstinkt. Der smarte Sven witterte einen starken Konkurrenten in ihm.
Bernd, der von seinen Mitbewerbern nur „W.W.“, die Abkürzung für wabbelnder Wackelpeter, genannt wurde, würde sicherlich nicht auf eines der Siegertreppchen kommen.
Emil, Kevin und Marcel saßen mit Hans in einem Boot. Mit jeweils ein Meter sechzig waren sie zu klein, um zu gewinnen. Zukünftige Werbepartner würden auf ihnen zu wenig Fläche zur Verfügung haben, die sie schmücken könnten.

Ein kleiner, dicker Junge aus dem Publikum schaute ihn intensiv an. Seine stämmigen Beine lugten aus der Lederkniebundhose hervor. Seine Pausbacken waren ein knappes Pfund zu viel für einen 10-jährigen Bub. Eine Ähnlichkeit zu Franz Josef Strauß ließ sich nicht verleugnen. Genauso wenig verleugnen wie das Wissen, das in diesem Tal gerne miteinander und untereinander in den Familien – ja was schon – geschah. Offene Geheimnisse, die nicht einmal die BILD Zeitung mehr interessierten.
„Meins, meins, Opa“ rief er in Richtung seines Opas.
Der Opa schaute ihn an und nickte mit dem Kopf. „Pssssst.“
Dieser Junge war ein Kind zum Kneifen. Zumindest hätte seine Mutter ihn so bezeichnet.

Sven, der nicht umsonst der smarte Sven genannt wurde, schaute wütend zurück. Er zog die Nadelbehandlung der Kneifbehandlung vor. Der Betroffene hatte länger etwas davon. Und Sven ebenfalls. Langsam, Stück für Stück, würde er die Nadeln in die Waden stecken. Leider war der Kontakt zum Publikum verboten und führte zur sofortigen Disqualifikation.
Manchmal überkamen ihn böse Gedanken. Bevorzugt in der stressigen Advents- und Weihnachtszeit, wenn viele Menschen kurz vor´m durchdrehen waren.
Um sich abzulenken, schaute er zu Ludmilla hinüber, die mit ihren Traummassen den Miss Wettbewerb gewonnen hatte. Ihre rote Schärpe aus Seide betonte ihre Kurven nur noch mehr. In Höhe der ersten Reihe stand sie kerzengerade mittig im Gang.
Er wackelte mit seinen unteren Extremitäten und hatte die Worte seiner Ex im Ohr: „Was wackelst Du denn immer da unten rum? Willst Du wieder eine andere anmachen?“
Ja, die schöne Ludmilla benebelte seinen Verstand gehörig.

Erneut hörte er den Jungen wieder „Meins, meins“ sagen und dieses Mal auf Ludmilla zeigen. Mensch, konnte der Bengel nicht einmal in ganzen Sätzen sprechen!
Der Opa stand auf. Mit der Geldbörse in der Hand ging er Richtung Kasse.
Erschrocken schaute sich Sven nach Ludmilla um, die in seine Richtung nickte.
Den Satz: „Der Gewinner der Mr. Tannenbaum Wahl 2019 ist der smarte Sven“ hörte er kaum noch. Als ihm daraufhin die goldfarbene Schärpe angelegt wurde, lief er los. Der ersehnte Wahlsieg interessierte ihn nicht mehr. Behände sprang er von der Bühne, schnappte sich Ludmilla, verknotete ihrer beider Schärpen und verließ mit wehenden Ästen und Ludmilla auf den Ästen den Veranstaltungsort. Nicht umsonst wurde er zusätzlich auch der schnelle Sven genannt.

Zum Teufel mit Weihnachten! Er würde heute Nacht und an vielen weiteren Nächten, mit Ludmilla für Nachwuchs für den nächsten Kinderwettbewerb sorgen.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten

 

Drei Männer im Schnee

Gegenseitig Arm in Arm untergehakt, heimkommend von einer Veranstaltung, liefen sie in ihren Nikolauskostümen zum Professor heim. Der kein Wässerchen trübende Professor Jörg, der hagere Björn und der immer mürrisch wirkende, seine Tränensäcke nicht verstecken könnende, Alexander. Ihr Nikolauskostüm kaschierte ihre wahre Natur. Ihre faszinierende Sprachgewandtheit, führte dazu, dass zu viele Menschen an ihren Lippen hingen.
Zuvor hatten sie am Nikolauszug teilgenommen und bei dem sich anschließenden Nikolausfeuer sprach der Björn einige Worte, die schnell in eine lange Rede überging. Die Buhrufe störten ihn nicht, er konzentrierte sich auf die vielen Zuschauer, die ihm laut und teilweise gröhlend, zustimmten.
Das Nikolausfeuer war erloschen und frierend liefen sie zum Haus des Professors. Der Halbmond leuchtete ihnen, neben der einzig funktionierenden Straßenlaterne, den Weg über die Neckarbrücke.
Recht verfroren und berauscht von ihrer Rede kamen sie an. Sie fühlten sich in ihren Nikolauskostümen und der sich daran befindlichen Rute so wohl, dass sie sich nicht umzogen.
Alexander ließ sich plumpsend in den dicken Ohrensessel fallen, der Björn bevorzugte den harten Strohstuhl. Jörg holte eine Flasche Asbach Uralt aus dem Schrank und schenkte jedem großzügig ein. Aufwärmen von innen war nun angesagt. Den guten Jenssen Arcana Cognac hatte er bereits zuvor gut versteckt. Es wäre ein Sakrileg gewesen ihn an diese Banausen auszuschenken.
Während er zwischen ihnen auf einem Sitzpuff aus Pelz Platz nahm (ja, der Professor hielt seinen Hintern gerne warm), schenkte er eine Runde nach der anderen aus.
Um 20 Uhr schien es, dass der Björn nicht nur von innen gut aufgewärmt war. Sein Kopf glühte ebenfalls. Das war sicherlich keinem Hormonschub geschuldet.
Wer die Idee zum „Rückwärts den Kamin hochklettern“ Wettbewerb hatte, ließ sich im Nachhinein nicht mehr feststellen.
Björn legte seine Rute ab und kaum verschwand er in der offenen Kaminstelle, so wurde er auch nicht mehr gesehen. Beinahe stießen Jörg und Alexander mit ihren Köpfen zusammen, als sie den Schacht hochblickten. Da, da waren tatsächlich die dunklen Schuhsohlen von unten zu sehen. Der Björn konnte also nicht nur gut reden, sondern auch gut klettern. Lernt man so etwas als Lehrer auf dem Gymnasium? Oder auf einer Klassenfahrt? Der Gedanke war kaum zu Ende gedacht, da kam er, nur leicht verschmutzt, unten wieder an.
Grinste siegessicher.
Der Alex, der Alex: Der wollte sich wirklich weigern. „Ich habe Rücken.“ „Ich habe Höhenangst.“
Es half alles nichts. Der Gastgeber bestand darauf, dass auch er am Wettbewerb teilnahm. Eine Runde Asbach Uralt, eine weitere Runde davon und mit Hilfe vom Björn verschwand auch er im Schacht, in dem es recht still wurde. Plötzlich wurde laut geflucht und in Sekundenschnelle war der Alex wieder unten. Insgesamt langsamer als der Björn, dafür mit einem angeknickten Fuß versehen.
Ein weiterer Asbach sollte den Schmerz lindern.
Jörg machte kein Aufheben um den Kamineinstieg. Ein großer Asbach auf Ex und schwupps verschwand er singend im Kamin. Unten am Kaminschacht glaubten Jörg und Björn ein schiefes „What shall we do with a drunken sailor“ zu hören oder war es ein schiefes „Hoch auf dem gelben Wagen?“
Nach gefühlten 10 Minuten erschien er unbeschadet. Glücklich lächelnd hatte er oben auf dem Dach den Mond und die Nachbarn angesungen.
Björn wurde einstimmig zum Sieger des „Rückwärts den Kamin hochklettern“ Wettbewerb ausgerufen. Dokumentiert wurde es mit einigen Selfies, die sofort an die Alice geschickt wurden. Sie wünschten ihr einen schönen Nikolausabend.
Die erste Flasche war schon lange geleert, die zweite nicht weit davon entfernt. Im angetrunkenen Kopf wollten sie Strippoker spielen. Den Björn begeisterte die Idee, der Alexander war strikt dagegen. Wollte er seinen Rettungsring nicht zeigen oder gab es andere Dinge zu verstecken? Hatte er vielleicht Haare auf den Rücken?
Stattdessen spielten sie Flaschendrehen. Drei Männer können dabei in dieser kleinen Runde viel Spaß haben. Die Frage: „Bist Du schon einmal ohne Slip aus dem Haus gegangen?“ wurde noch wahrheitsgemäß beantwortet. Bei der Frage: „Kannst Du Dir vorstellen mit Maske in einem Porno mitzuspielen?“ wurde das Spiel beendet.
Zu viel Alkoholgenuss macht meist hungrig. So erging es am Nikolausabend auch den dreien. Die Mägen knurrten, die Köpfe glühten, die Koordination der Beine war anders als am frühen Morgen oder noch am Nikolausfeuer.
Also wollten sie in der Altstadt beim Udo Snack eine große, leckere Currywurst Pommes essen. Mit viel Mayo.
Sie nahmen den gleichen Weg wie vom Nikolausfeuer. Dieses Mal in die andere Richtung.
Tja, wenn die letzte Straßenlaterne nicht defekt gewesen wäre, der Halbmond nicht hinter einer großen Wolke verdeckt gewesen wäre, hätten sie das große Loch in der Holzbrücke gesehen und wären nicht in den Neckar geplumpst.
Rettungsringe gab es keine, die eigenen, an den Bäuchen vorhandenen, halfen ihnen auch nicht.
An Sylvester fand man sie am Stauwehr. Arm in Arm, aufgebläht auf dem Rücken schwimmend, die Ruten im Gitter verhakt. Manch einer schwor: Sie schauten selig in die untergehende Sonne.
Oder waren es die Gaffer, die selig schauten?

 

Foto:pixabay.com

Lotti Huber: Diese Zitrone hat noch viel Saft

Klappentext:
Lotti Huber, am 16. Oktober 1912 als Tochter großbürgerlicher jüdischer Eltern in Kiel geboren, wollte immer zur Bühne, zum Theater. Aber die Nazis schickten sie ins KZ. Sie wurde freigekauft, ging nach Palästina und Ägypten, tanzte in Nachtklubs, heiratete einen englischen Offizier, ging dann nach Zypern, wo sie ein Restaurant eröffnete, nach 1945 mit ihrem zweiten Mann nach London und Anfang der 60er Jahre nach Berlin. Sie gab Englischunterricht, übersetzte Trivialliteratur, eröffnete eine Tanzschule, arbeitete als Filmstatistin, lernte Rosa von Praunheim kennen und wurde mit 75 Jahren zum Star. Lotti Huber starb am 31. Mai 1998 in Berlin.

Bevor ich auf das Buch eingehe möchte ich kurz beschreiben, warum ich es mir damals kaufte.
Zu Beginn der 90er Jahre erlebte ich Lotti Huber in vielen Talkshows. Dabei fand ich sie faszinierend. Diese kleine Person – mit dem Haardutt, mindestens einem dicken Ring an den Fingern, nicht zierlich, in Walla-Walla-Gewändern gekleidet – war mit ihrer exaltierten Art, ihrer Redensweise eine Bereicherung.
Daraufhin holte ich mir 1991 ihr Buch (damals bereits in der 5. Auflage) und las es mit Begeisterung. Auf einer ihrer Veranstaltungen ließ ich es mir signieren und nehme es alle Jahre wieder in die Hand, um es zu lesen. Wie momentan auch.
Apropos Veranstaltung: Während der Weihnachtszeit saß sie in einer Veranstaltung neben einem Tannenbaum an einem Tisch, las aus ihrem Buch, performte und war in ihrem Element. Aus irgendeinem Grund fiel der Tannenbaum um, die leuchtende Deko fiel auf sie und es sah aus, als würde über ihrem Kopf für einen kurzen Moment ein Heiligenschein leuchten. Ich habe noch Fotos davon.
Unvergesslich bleibt mir ihr lispelndes „Liebchen, was darf ich Dir denn in Dein Buch schreiben?“.
Dieses Buch verlieh ich später und bekam es erst 5 Jahre später zurück. Alle Einwohnermeldeämter klapperte ich damals ab, um den Umzug/Mitzug des Buches nachzuvollziehen und um es wieder in meinen Händen zu halten. Doch nun zum Buch:  “Diese Zitrone hat noch viel Saft”, stammt aus der Beschreibung über Rosa von Praunheim, von dem es hieß, er würde seine Schauspieler wie eine Zitrone auspressen. Auf ihn traf sie als sie bereits fast 70 Jahre alt war.
Kannte man sie nur aus den Medien, kam leicht der Verdacht auf, sie wäre eine oberflächliche Ulknudel. Oh nein. Ihr Leben war von Schicksalsschlägen geprägt, über die sie eher hinweg ging. Den Kampf, den Schmerz dahinter schneidet sie eher oberflächlich an.
Damals besaß ihre Familie in Kiel ein Warenhaus, sie wuchs recht betucht auf. Widmete sich anschließend ihrer Karriere als Ausdruckstänzerin. Wegen Rassenschande kam sie ins KZ, wurde freigekauft (ihr Freund erschossen) und kam über Jerusalem nach Zypern, wo sie eine Bar eröffnerte und sehr sehr bekannt war. Aufgrund der politischen Situation ging sie von dort nach London, später nach Berlin, wo sie nach dem Tod ihres Mannes, mit fast 70 Jahren verschiedene Jobs (Promoterin, Statistin, Übersetzerin von Liebesschnulzen) annahm, um finanziell zurecht zu kommen.
Mit um die 70 Jahre entdeckte wurde sie von Rosa von Praunheim entdeckt und ihre schauspielerische Karriere nahm ihren Lauf. Eine Karriere, von der ihre Mutter immer träumte.
Dies sind ihre wichtigsten Lebensstationen, die nicht ruhig waren. Die Einbrüche werden humorvoll, lakonisch beschrieben. Wie schreibt sie: „Es geht auch anders, aber so geht es auch.“
Und genauso hat sie gelebt: Ohne dabei zu verbittern, zu hadern, den Lebensmut zu verlieren.
Die Beschreibung ihres Lebens hätte viele Seiten mehr füllen können. Die knapp 150 Seiten sind mir zu wenig. In dem Buch „Jede Zeit ist meine Zeit“ (1991), welches im Interviewstil geschrieben ist, erfährt man einiges mehr über sie.
Leider wurde sie mir im Laufe der Zeit zu omnipräsent. Irgendwann kam ich in die Phase: Lotti Huber…. Ach nee, nicht schon wieder und schaltete im Programm weiter. Oder las Berichte über sie nicht mehr.

Zwischenzeitlich finde ich dies schade, denn sie hatte viel zu sagen.

 
 

Es kann nicht immer Butter sein

32 Cent kostet 1kg Mehl, das Päckchen Zucker liegt bei 69 Cent. 99 Cent sind übrig. Würde es für einen kleinen Guglhupf reichen?
Es war reiner Zufall, dass sie auf ihrem täglichen Morgenspaziergang die 8 Pfandflaschen gefunden hatte. Nie verließ sie ohne ihren alten, lädierten Trolley die Wohnung. Die langen Gummihandschuhe, die sie beim Pfandsammeln überzog, ließen sich darin gut verbergen. Eine Pfandbeute ebenfalls.
Ihr Arzt hatte ihr schon Monate zuvor Krankengymnastik für die Hüftarthrose verschrieben. Die Zuzahlungen hierzu konnte sie sich nicht leisten. Also nahm sie seinen Rat an und schmierte ihre Knochen durch tägliche Morgenspaziergänge, wann immer sie sich ohne zu große Schmerzen bewegen konnte.
99 Cent:
Zu wenig für 250g Butter. In einen Guglhupf gehörte Butter. Nein, es ging nicht. Sie benötigte, wenn sie sich dieses Jahr einen Kuchen außer der Reihe gönnen wollte, noch Eier. Zu gerne würde sie welche von glücklichen Hühnern kaufen. Es ging nicht.
Zaudernd stand sie weiterhin vor dem Kühlregal.
Ein Pfund Pflanzenmargarine: Dafür würde es reichen.
Zwei lose Eier dazu, die sie mit etwas Milch strecken würde: Ja, so würde es gehen. Vanillinzucker würde ihr ein Nachbar borgen müssen, ein kleiner, alter Rest Backpulver würde schon genügen. Wenn sie den Guglhupf gut aufbewahren würde und einige Scheiben in dem kleinen Gefrierfach einfrieren würde, hätte sie im Januar auch noch etwas von dem Kuchen.
Sie konnte sich kaum noch daran erinnern, wann es begonnen hatte. Als ihr Mann noch lebte konnten sie, trotz seiner kleinen Rente, Lebensmittel kaufen wenn sie sie benötigten. Auch gab es regelmäßig sonntags einen Braten oder zu Weihnachten eine kleine Nordmanntanne. Kleidung und Schuhe konnten erneuert werden. Einmal im Jahr gingen sie ins Theater. Selten ins Kino.
Vor 5 Jahren verstarb er an seiner Staublunge, die ihn seit dem 30. Lebensjahr plagte und dazu führte, dass er bereits mit 41 Jahren in Rente gehen musste.
Der Übergang zu der jetzigen Situation kam schleichend. Die Miete stieg stark von Jahr zu Jahr an. Die Heizkosten ebenfalls. Ihre jungen Nachbarn, die vor einigen Jahren als Studenten nebenan eingezogen waren, sprachen von „Gentrifizierung“. Was immer es bedeuten mochte, es hörte sich nicht gut an.
Sie packte die Einkäufe in ihren Trolley und lief langsam nach Hause zu ihrer kalten Wohnung. Nicht nur Lebensmittel waren in der letzten Zeit knapp gewesen, auch an der Heizung sparte sie. Die Kosten konnte sie kaum noch aufbringen. So heizte sie meist nur die Küche ein wenig, zog sich dicke Pullover an und ließ häufig das Licht aus. Radio konnte sie auch im Dunklen hören. An kalten Tagen schaltete sie gelegentlich den Kühlschrank aus und lagerte die wenigen Lebensmittel auf dem kalten Balkon.
Heiligabend:
In der kleinen Küche duftete es nach Kuchen. Der Guglhupf stand auf einer schönen Kuchenplatte, der Tisch war mit einer Spitzendecke gedeckt und die Heizung hatte sie zur Feier des Tages für einige Stunden weit aufgedreht. So saß sie in einem Kleid, welches ihr Mann ihr vor vielen Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte, auf der Eckbank in der Küche. Die Nachbarn borgten ihr gestern nicht nur ein Päckchen Vanillinzucker, sondern legten noch ein paar frische Tannenzweige und eine dicke rote Stumpfkerze dazu. Nun roch es in der Küche nach Weihnachten und Kuchen. Heimelig.
Im Radio lauschte sie, wie in jedem Jahr, dem Weihnachtsoratorium von Bach. Es würde ein langer Abend werden, den sie sehr genießen würde.
Bei „Ehre sei Dir, Gott gesungen“ legte sie den noch geschlossenen Brief der Hausverwaltung, der gestern per Einwurfeinschreiben in ihrem Briefkasten lag, unter die Tischdecke.