„Read what I see“ oder besser „Read what I cook“: Der Kochkurs

Der Kursleiter, der sehr viel Wert auf die Schreibweise „Bistrot“ legte eröffnete den Kochkurs „Pariser Bistrot Küche“. Entstanden sei diese Bezeichnung für einen Teil der französischen Küche während des zweiten Weltkriegs. Paris wurde durch Russen, die ihre Bestellung stets mit: „Bistrot, bistrot“ aufgaben, besetzt. Auf Russisch bedeutet es angeblich schnell. Den Wahrheitsgehalt habe ich nicht per google gegengeprüft.
8 Teilnehmer plus Kursleiter – eine überschaubare Teilnehmeranzahl für die große Küche. Mein Blick fiel auf die 12 Flaschen Wein. Aha, korrespondierenden Wein wird es also in reichlicher Menge geben. (Später stellte ich fest, dass ich als einzige mit dem Auto angereist war). Während der Vorstellungsrunde schaute ich mir die bereit gestellten Lebensmittel an. Die Qualität war wirklich gut.
Kicher, kicher, kicher. Wie es bei solchen Kursen manchmal ist, wenn die Hausfrauen abends los gelassen werden erfüllte sich mein Vorurteil schnell. Der Worte wurden wenig genutzt, das Gekichere ersetzte sie. Die erste Weinfalsche wurde gekippt, bevor der erste Kochtopf heraus gesucht wurde; beim Kursleiter verbal eingeschleimt, wenn man bereits an einem Kurs teilgenommen hatte.
Herrlich für meine niederen Instinkte namens: „Ich liebe es zu beobachten…..“
Laut Kochplan sollte folgende gekocht werden:
Soupe courte a`la provencale, Provenzalische Suppe
Tatin dèchalotes, Tarte mit Schalotten
Tatin de Tomates, Tarte mit Tomaten
Quenelles de poisson, sabayon de safran, Fischklößchen mit Safran Zabaione
Souris dàgneau aux lentilles, kleine Lammhäxle mit schwarzen Linsen (grüne waren ausverkauft)
Magret de canard a`lórange, Ente Orange mit Orangensauce
Bourdelots normands, In Blätterteig gebackener Apfel
Sacristains, Blätterteigstangen mit Mandeln
Mousse au chocolat
Kürbispüree
Pommes Macaire

Diese Gerichte wurden nicht nur auf dem Kochplan gelesen nein, sie wurden auch alle gekocht. Später wurden sie auch alle probiert, bzw. reichlich davon gegessen. Weiterlesen

„Read what I see“: Der Anblick von viel Frau aus der Sicht von Leo

Leo ist ein kleiner blonder Junge im Alter von 3 Jahren. Ein kleiner Charmebolzen, der mich immer an eine Astrid Lindgren Figur erinnert, die noch nicht geschrieben wurde.
Ohne seine Polizeimütze habe ich ihn kaum gesehen, kaum mit schlechter Laune erlebt. Wenn ihm etwas auf dem Herzen liegt, dann stellt er Fragen. Wenn ihm etwas nicht gefällt, dann sagt er es. Wenn er vor mir steht, ausführlich und sehr ausdrücklich erzählt, dass er Polizist werden möchte, dann glaube ich es ihm
auf ’s Wort. Wobei ich die leichte Vermutung habe, dass vielleicht auch der Beruf des Feuerwehrmannes ins Spiel kommen könnte.
Leo hat mir gegenüber keinerlei Hemmungen, mich Löcher in den Bauch zu fragen. Der folgende Auszug gibt einen Überblick darüber, wie groß diese Löcher sein können.
Als ich das erste Mal bei seiner Familie  war, wurde ich erst einmal in Augenschein genommen. Dann sah ich, wie es in seinem Kopf arbeitete und schon stellte er mir, sehr charmant, seine Fragen. Vollkommen aus dem Zusammenhang heraus:
Leo: „Frau Sabine, wann kommt Dein Baby?“
Sabine dreht sich um, verkneift sich das Lachen:
„Leo, das ist kein Baby, das ist mein dicker Bauch.“
Leo: „Nicht schlimm, mein Papa hat auch einen dicken Bauch.“
Leo: „Frau Sabine, wo sind Deine Kinder?“
„Leo, ich habe keine Kinder.“
Leo: „Keine Kinder. Gibt es nicht.“
Leo: „Und wo ist Dein Mann? Im Auto?“
„Ich habe keinen Mann.“

Leo ist irritiert. „Frau Sabine, aber wenigstens Hühner hast Du?“
„Nein, Leo, ich habe keine Hühner. Ich habe keinen Garten dafür.“
Leo: „Frau Sabine, keine Hühner? Egal, Du darfst trotzdem wiederkommen.“
Drehte sich um, knallte seine Hacken wie ein Soldat vor seinem Oberst zusammen und wackelte mit der viel zu großen Mütze auf dem Kopf von dannen.
Und hinterließ eine sehr amüsierte Sabine.

Beim nächsten Besuch war Leo inzwischen 4 Jahre alt. Die Polizeimütze ist immer noch viel zu groß und ich erstaune ihn wegen meiner Körperfülle immer noch?
Leo erzählte ganz stolz von seinem schwarzen Huhn. Dieses Mal war ich ein wenig vorgewarnt und es hätte mich eher enttäuscht, wenn ich mein Fett nicht abbekommen hätte. Schneller als ich denken konnte, ging sein Gedankenkarussell wieder los.
Leo:“ Mein Huhn Valentina ist bald so dick wie Du Frau Sabine.“
„Leo, man sagt den Menschen aber nicht ins Gesicht, dass sie dick sind. Dann sind die traurig.“
Leo: „Aber Frau Sabine, ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der einen so großen Bauch und Popo hat wie Du.“
„Leo, das solltest Du mir so nicht sagen. Ich lache darüber, aber es gibt Menschen, die sind dann traurig, wenn man ihnen sagt, dass sie dick sind.“
Leo: „Aber Frau Sabine, Du bist doch dick!“
„Leo, ich habe eine Freundin, die hat noch einen dickeren Popo als ich. Die wäre ganz traurig, wenn Du ihr sagst, dass sie dick ist“
Leo: „Einen größeren Popo als Du Frau Sabine? DAS gibt es wirklich nicht. Aber Du hast nicht einen so großen Busen wie meine Oma. Der ist nämlich riesig.“
Damit schien das Thema vorerst erledigt.

Er hörte Musik, malte, und erklärt, dass er das Kinderzimmer neben dem Bad bekommen hat, da er nachts manchmal ganz schnell auf die Toilette muss. Mit dem kurzen Weg passiert ihm nicht so schnell ein Malheur.
„Leo, das kann doch mal passieren. Der Sohn von meinem Bruder hat im Kindergarten manchmal in die Hose gemacht. Dann haben ihn die anderen Kinder Hosenscheißer genannt.“
Leo: „Frau Sabine, das ist aber ganz, ganz gemein!“
„Ja Leo und wenn Du zu Menschen sagst, dass sie dick sind, ist das auch gemein.“
„Oh Frau Sabine, ja das ist richtig gemein.“ Und schüttelt seinen blonden Lausbubenkopf dazu…..
Dreht sich um und hat etwas gelernt?

Auf die Fortsetzung unseres nächsten Dialoges bin ich sehr gespannt.

Zum Abschied bekam ich ein selbst gemaltes Bild von ihm. Für ihn stelle ich irgendwie ein Phänomen dar. Er kennt Frauen mit dickem Bauch nur, wenn sie schwanger sind. Eine Frau ohne Mann ist für ihn ebenfalls unbekannt. Nun repräsentiere ich einige Bereiche dar, die ihm unbekannt sind: Dick, kein Mann und man beachte: Keine Hühner.
Um ehrlich zu sein: Seine offene Fragestellungen ohne dabei  Hemmungen zu haben, seine Verwunderungen anzusprechen, amüsieren mich. Mir machen sie Spaß. Nein, sie verletzen mich nicht und erinnern mich daran, wie meine Außenwirkung sein kann. Ja, viel Frau wird von den Menschen sicherlich verschieden wahrgenommen. Und von vielen Männern gemocht.

„Read what I see“: Der alte Bonbonladen

Von weitem sah ich das alte Blechschild an einer Stange über dem Schaufenster hängen: Feinkostgeschäft. Mit langsamen Schritten näherte ich mich, um dort ein paar „Leckerlis“ zu kaufen. Gedacht hatte ich an ausländische, in Öl eingelegte Spezialitäten. Als ich vor dem Geschäft stand, musste ich schmunzeln. Es war ein alter „Bonbonladen“. Hier würde ich eher süße Dinge finden. Im linken Schaufenster befand sich ein alter Kaffeeverkaufsautomat, der mit seinen Einschüben einem Zigarettenautomaten ähnelte. Umgeben war er von verschiedenen 500g Kaffeepackungen hochwertiger Hersteller. Nachdem sich mein Blick von diesem Schaufenster löste, wanderte er nach rechts. Das im Schaufenster platzierte Fahrrad nahm ich nur halb war. Mein Augenmerk wurde auf mehrere Tabletts gerichtet, die mit Fruchtgummi Fröschen, Brause Bären, Brause Stäben, Saftigen Schokoladenfrüchten, Englischem Weingummi, Lakritzstaffetten bestückt waren und vielen weiteren Süßigkeiten, die sich in alten Metalldosen befanden und drumherum platziert waren. Erinnerungen an den alten Dorf- Tante- Emma- Laden wurden wach. Die alte Besitzerin hatte noch vor den Supermärkten erkannt, dass die Kinder von heute die Kunden von morgen sind und die kleinen Süßwaren direkt neben der Kasse aufgestellt. Brausebrocken, dünne runde Brausebonbons, Gummiteufelchen, Braustetüten und vieles mehr lockten, wenn die Mutter ihren Einkauf bezahlen wollte. Oder es lockte die Kinder, wenn sie Biene Maja oder Heidi Sammelbilder für ihr Album kaufen wollten. Oft gab es die Qual der Wahl: Das Sammelalbum oder den Bauch füllen? Zu oft gewann der Bauch. Vor allem, wenn gelegentlich Mohrendatschbrötchen im Sortiment waren.
Ich blendete meine Erinnerung mit einem Lächeln aus und betrat den Laden. Hinter einer breiten, runden Verkaufstheke standen drei Verkäuferinnen in weißen, langen, gestärkten Kitteln. Mitten im Raum stand eine große Etagere, die mit vielen verschiedenen Bonbons zum Einheitspreis gefüllt war. Kleine Bonbons, und große, in buntem Papier eingepackt. An Haken hingen Papiertüten in verschiedenen Größen. Da ich nicht widerstehen konnte, nahm ich mir eine Tüte und füllte sie mit einer Handvoll der verschiedensten Sorten.
Links am Eingang befanden sich Regale mit Einlegefächern, die jedem Schleckermäulchem und in Kindheitserinnerungen Badenden automatisch ein Lächeln oder ein dickes Grinsen ins Gesicht zauberten.

Zuerst sah ich die Sahne Toffee Bonbons. Süße, in Papier mit Kuhaufdruck eingewickelte, Karamellbonbons. Als Kinder nannten wir sie nur „Kuhbonbons“. Noch heute konnte ich mich an den Geschmack des Karamells erinnern, den ich immer als zu penetrant empfand und sich wie eine Kaugummischicht auf die Backenzähne legte.
Im Fach darunter lagen Brombeeren. Mit kleinen Kügelchen ummantelt, die beim langsamen Lutschen gerne am Gaumen festklebten und sich nur durch Zungenakrobatik entfernen ließen.
In weiteren Fächern lagen kleine Löffelbiskuits, Pfefferminzbrocken und Magenbrot. Was lachte mein Herz als ich mit Pfefferminz gefüllte Creme Hütchen und saure Zungen entdeckte. Weitere paradiesische Erinnerungen durchströmten mein Hirn als ich mich umschaute, wobei die Schleckmuscheln mich, im Gegensatz zu früher, an diesem Tag nicht in Versuchung führten. Irgendwie hoffte ich in einem Fach die kleinen silbrigen Lakritzfischchen zu sehen, die, mit Plomben in Kontakt kommend, gerne einen kleinen Stromschlag durch die Mundhöhle schickten.

Ich schaute mich weiterhin um und kam mit den Mitarbeiterinnen ins Gespräch. Irgendwann erzählte die Ältere von ihnen: „Ja, wir hatten auch ein Geschäft in Tübingen. Auf der Neuen Straße. Das ist gar nicht so lange her. Bis 1960.“
Bis 1960.
Gar nicht so lange her.
Ich verkniff mir ein liebevolles Grinsen.
Als ich an der Kasse meine Handvoll Bonbons bezahlte, wurden sie von der großen Tüte in eine kleine umgepackt. Es wird ja nichts verschenkt. Auch keine zu große Tüte.

Beschwingt verließ ich dieses alte Geschäft und hatte über den Tag verteilt immer wieder Erinnerungen an Bonbons aus der Kindheit oder an Rituale.

„Read what I see“: Sonntagmorgen im Café

„Die Maschine iss kaputt. Deshalb können wir das nich machen. Deshalb hat die Maschine unten auch noch das Loch drinne.“
„Sie wollen mir damit sagen, dass Sie mir heute keinen frisch gepressten Orangensaft machen können?“
„Genau, die Maschine iss kaputt.“
„Von Hand pressen?“
„Des kenn ich nich.“
Ich muss den Blick nicht heben, um altbekannte Gesichter im Café hinter der Kuchentheke und als Gast im Café zu sehen. Menschen, die ich bereits hier beschrieb. http://schreiben-von-innen.de/read-what-i-see-sonntagmorgen/ 
„Des kenn ich nich“ kommt aus dem Mund der Mitarbeiterin, der ich weiterhin unterstelle, ihre Arbeitskraft besser als Magd auf einem Bauernhof einzusetzen. Nicht im direkten Kundenkontakt. Bei uns im Dorf hätte man sie früher als Trampel bezeichnet.
„Weisse, ich mach´ das hier nur nebenbei,“ klärt sie den Auszubildenden auf. „Die Woche unter schaff´ ich auf dem Rathaus.“ Meine Fantasie reicht nicht aus, um sie mir als Mitarbeiterin einer Behörde vorzustellen. Oder doch? Hat sie Kundenkontakt und jeder zweite Satz, den sie ausspricht lautet: „Von den gelben Säcken gibbet aber nur einen.“
Peng, peng. Was ist das? Erschrocken fahre ich aus meinem gemütlichen Sessel hoch. Kein Pistolenschuss, sondern ein großer Besen, der von der besagten Mitarbeiterin durch die hintere Backstube geführt wird. Anscheinend sieht sie ihre Aufgabe darin jede Ecke und jede Kante mit dem Besenstiel zu schlagen? Zu erschlagen? Peng, peng geht es weiter. Nicht nur ihr Stimmorgan ist sehr laut, auch die Besenführung. Mit dem Besen fegt sie hinter der Kuchentheke weiter und ich befürchte schon, dass die ersten Scheiben in der Theke zerbersten. Peng, peng, peng.
Ich habe mich meinem Buch gewidmet und werde abgelenkt.
„Brötchen warm kann ich nich belegen,“ höre ich. „Nich, dass die Wurst schlecht wird.“
Ich schaue auf.
„Dann nehme ich halt eines mit Salami,“ kommt es aus Richtung eines jungen Mannes.
„Ach, das gehet ja. Salami wird auf der Pizza ja auch immer warm und man wird davon nicht krank.“
Der Kunde, ein vom Fußball spielen einkehrender junger Mann, schaut mich an, verdreht die Augen und kann sich ein grinsen nur schwer verkneifen.
Ich trinke meine zweite Latte, als mich ein lauter Schwall an Sätzen aus meinem Lesegenuss reißt.
„Wir hab´n nix mehr. Die wollten heute Morgen schon alle Brötchen.“
Wer sind alle? Ja, es ist Sinn einer Bäckerei Brötchen zu verkaufen, oder?
„Ich hab´ da schon angerufen. Ob wir noch was kriegen, weiß ich doch nich.
Komm´ se nachher mal wieder.“

Nicht nur ein Kunde verlässt kopfschüttelnd das Café mit angeschlossener Bäckerei. Als sie schreit: „Kaufen Sie statt 8 Weckle doch 8 Stück Kuchen, schmeckt doch auch,“ ist es für mich an der Zeit meine Ohren auf Durchzug zu stellen. Diese Frau ist die Umsatzbremse und Kundenverscheucherin schlechthin. Wurde sie eventuell von der Konkurrenz eingeschleust? Mein Detektivsinn ist erwacht. Parallel kreist im Kopf weiterhin der Gedanke als was sie im Rathaus tätig sein könnte.
Auf der Terrasse bekomme ich Gesprächsfetzen von Kunden mit, die sich am kleinen Brunnen vor dem Café gesammelt haben.
„Kuchen statt Weckle, auf welchen Schmarrn die kommt.“
„Hier kannst Du sonntags keinen Kaffee trinken gehen, wenn sie arbeitet. All´ die Interna, die sie laut raus brüllt, das will ich doch nicht hören. Eigentlich müsste man mal in der Zentrale anrufen und dort Bescheid geben. Sie würden uns sicher einen Brezelorden verleihen.“
„Ich gehe hier sonntags eigentlich nicht mehr hin. Die lebendige Betriebs-Läster-Zeitung auf zwei Beinen muss ich mir nicht geben. Man will doch nur einen Kaffee trinken gehen oder ein paar Weckle holen, aber nicht mit Ohropax ein Café betreten müssen.“
Ohne Weckle, ohne Kuchen ziehen alle von dannen.
Ich fühle mich mit meinen Empfindungen nicht alleine.

 

Foto: pixabay.com

„Read what I see“: Intelligenzvakuumisten

Intelligenzvakuumisten, ein auf dem ersten Wort unaussprechliches Wort, welches Menschen verschiedener Arten und Denkweisen beschreiben kann.
Bereits vor zwei oder drei Jahren beschrieb ich die folgende Begegnung. Heute überarbeitete ich sie. Inzwischen kann ich sie um viele weitere Momente ergänzen, in denen ich für mich leise, und manchmal laut, sagte: „Du Intelligenzvakuumist“.
Der Begriff „Intelligenzvakuumisten“ wird in keinem Duden oder anderem Nachschlagewerk zu finden sein. Es ist eine Wortschöpfung, die erfunden und dabei selbsterklärend ist. Oft nutze ich sie, wenn ich auf Menschen treffe, die ich in ihrer Ansicht oder ihrem Verhalten so unschön empfinde, dass ich sie nur mit dieser Wortschöpfung begreifen kann.
Ursprünglich hatte ich vor, verschiedene Menschen mit ihren verschiedenen Einstellungen und Aussagen zu beschreiben. Situationen mit ihnen wieder zu geben, in denen ich voller Unverständnis den Kopf schüttelte und innerlich sprachlos dachte:
Wie kann ein erwachsener Mensch solche Aussagen treffen?
Wie kann ein erwachsener Mensch nur solche Handlungen begehen?
Wie kann ein erwachsener Mensch über so wenig Empathie verfügen und ausschließlich sich in den Mittelpunkt des Weltgeschehens setzen?
Eine Reise und das Zusammentreffen mit einem Ehepaar brachten mich dazu, die Beobachtung auf zwei Personen zu begrenzen.
Erstmalig bemerkte ich sie am Bahnhof. Ich schätzte beide auf Mitte 60. Er: Um die 1,75m groß, Brillen- und kleiner Bauch- und Brustträger mit weißen Haaren. Gekleidet in einem gestreiften Poloshirt mit Jeans. Sie: Etwas kleiner, weiße Haare mit Dauerwelle, ebenfalls in Jeans gekleidet, mit einer Bluse und einer Handtasche aus den 80er Jahren versehen. Sie fielen mir auf, weil sie merkwürdiges Schuhwerk trugen. Nicht bunt oder anderweitig auffallend, sondern in einer viel zu kleinen Schuhgröße. Er trug eine Art Sandalen, deren Zehen soweit herausragten, dass sie fast den Boden berührten. Der Blick des Betrachters wurde automatisch auf sie gelenkt. Sicherlich auch, weil diese Zehen aussahen, als hätten sie tausende Meilen barfuß Laufens hinter sich gebracht.
Bei ihr sah es gemäßigter aus.  Die bestrumpften Füße steckten ebenfalls in Sandalen. Wobei nur geschätzte 3-4cm Zehen herausschauten.
Sehr schnell wirkten die Beiden auf mich als ewige Gestrige aus den neuen Bundesländern, die im Schwabenland, dem ungeliebten Westen, einfach nicht ankommen wollten. Früher war alles besser. Drüben war alles besser. Ja, sie verwendeten den Ausdruck drüben sehr häufig. Verwundert stellte ich bei dem Besuch eines DDR Museums fest, dass sie auch hier über ausgestellte Dinge der ehemaligen DDR schimpften. Es scheint ein gemeinsamer, grundlegender Charakterzug von ihnen zu sein, alles negativ zu betrachten?
Schon nach wenigen Stunden erinnerten sie mich an die bekannten drei Affen, die vollkommen meinungslos und desinteressiert erscheinen. Die drei Affen, die nichts sehen, nichts hören, nicht sprechen. Nein, das traf auf das Ehepaar nicht zu. Sie sahen alles, und sie hörten alles. Sie redeten ausgiebig. Vorrangig redeten sie bösartig und sehr abwertend über Mitreisende.
Könnte ich sächsisch zitieren, würde sich hier die Gelegenheit bieten, ausgiebig zu zitiren. Leider kann ich Dialekte nicht zitieren. Sie schimpften darüber: „Warum sind die ganzen Schwarzen hier im Bus.“ (Flüchtlinge waren Bestandteil der Reisegruppe und egal welcher Nationalität sie entstammten, alle wurden als Schwarze tituliert)
“Warum fahren die Schwarzen überhaupt mit? Die wollen sicherlich alles umsonst bekommen.“
Kaum verließ die Gruppe das Hotel, beschwerten sie sich lauthals beim Reiseführer: „Boh, die Schwarzen sind wieder so langsam. Wegen denen kommen wir bestimmt heute nirgends mehr an.“ Hinweise durch den Busfahrer, Gruppenteilnehmer oder den Reiseführer,  sich nicht so respektlos und rassistisch zu äußern, ignorierten sie geflissentlich. Sie hatten eine dermaßen überzogene Wahrnehmung von sich die einen konstruktiven verbalen Austausch nicht zuließen. Verfügten sie überhaupt über eine Wahrnehmung? Oder lebten sie „zurück gezogen“ in ihrer eigenen, gestrigen Welt? Denke ich an ihr Schuhwerk (ich muss gestehen, dass ich von ihrem heimlich ein Foto machte), dass sie diesbezüglich zumindest anders sind.

Zitiert habe ich einige Sätze, die sich endlos aneinanderreihen lassen würden. Sie ließen keine Gelegenheit aus, über die Mitreisenden lautstark ihren Unmut zu äußern. Ich bekam mein Fett, aufgrund meiner Figur und meines Einschreitens weg. Mitreisende Kinder, weil sie es wagten sich ein wenig zu bewegen. Der Reiseleiter, weil er „die Schwarzen nicht wegschickte“, der „Staat, weil er Flüchtlinge überhaupt reinlässt“. Vorrangig bekamen leider die ausländischen Mitreisenden ihren Unmut zu hören. Unmut oder Dummheit? Beleidigungen wurden getätigt. Andererseits verweigerten sie die direkte Kommunikation mit ihnen und schauten, Hände vor der Brust verschränkt, über sie hinweg.
Speisten wir in einem Restaurant zu Mittag oder zu Abend, bemängelten sie das Essen, scheuchten das Personal auf oder fielen durch ähnlich gelagerte Aktionen auf.
Für ein Gemeinschaftsfoto verließen sie demonstrativ den Raum. Ich empfand es als große Respektlosigkeit. Vielleicht wollten sie ihre Schuhe und die altmodische Dauerwelle auch einfach nicht zur Schau stellen? „Ironiemodus“ aus. Sie waren mir unangenehm und ich schämte mich teilweise für sie.
Äußerungen am Denkmal der verstorbenen Roma und Sinti: „Wie, das ist alles? So ein Aufwand für die paar Toten.“ Wir sprechen von geschätzten 500.000 Menschen. Oder in einem Museum über die Nazi Verbrechen „Jetzt könnten sie aber mal Ruhe geben“ zeigten mir, welch Geistes Kind sie sind. Auf einem Friedhof sagten sie lauthals: „Da sollten man die Hälfte der Insassen des Busses eingraben“. (Blick auf die mitreisenden Ausländer)
Doch wie soll man mit solchen Menschen umgehen? Ich hätte sie am liebsten rein zufällig aus dem Bus fallen sehen und hätte vergessen ihnen die Hand zur Hilfe zu reichen. Wollte ihren dummen Dunstkreis verlassen. Mit Argumenten konnte man bei ihnen nichts erreichen. Sie leben in ihrer eigenen Welt, ihrem eigenen Kosmos und nur sie haben Recht. Ihr respektloses Verhalten widert mich immer noch an. Daher haben sie die Ehre hier als die ersten Intelligenzvakuumisten beschrieben zu werden.
Einige Monate später sah ich sie erneut, als sie auf dem Weg zu einer Veranstaltung der AfD waren.

Als ich den Text zum ersten Mal schrieb, waren mir ein solches Verhalten, und auch solche Äußerungen, von Menschen unbekannt. Inzwischen ist es salonfähig geworden und nicht nur auf Stammtischen anzutreffen.
Intelligenzvakuumisten sind überall anzutreffen. Beim Bäcker, an der Kasse im Supermarkt, in der Nachbarschaft und und und.
Wann habt ihr zum letzten Mal einen getroffen und ihn dabei vielleicht mit einer anderen Bezeichnung versehen?

Foto:pixabay.com

„Read what I see“: Verschiedene Alltagsbeobachtungen

Häufig beobachten wir die kleinen Momente im Alltag, die wir wahrnehmen und dennoch nicht wahrnehmen. Die Besucher der Stadtbibliothek, die täglich die verschiedenen Tageszeitungen dort lesen. Die betagte Dame, die sich mit ihrem Rollator im Kreise dreht, weil sie etwas in der Handhabung falsch macht und herzhaft über sich lacht. Die vielen verschiedenen Besucher in den Cafés, die ihre Zeit aus den verschiedensten Gründen dort verbringen. Der Nichtschwabe, der versucht tiefstes schwäbisch zu verstehen und dessen Gesicht nur aus einem großen Fragezeichen besteht.
Woran erkenne ich im Schwabenland einen „Ausländer“? Damit ist nicht jemand gemeint, der eine Fremdsprache spricht oder fremd ausschaut. Im Coffee Shop am Stuttgarter Hauptbahnhof outet sich derjenige als Nichtschwabe, der folgendes bestellt: „Eine Brezel mit etwas Butter oben drauf.“ Ich gehe nun nicht auf den starken sächsischen Dialekt ein, sondern auf die Umschreibung des schwäbischen Nationalgutes. Ein Schwabe hätte ganz ordinär „Butterbrezel, bitte“ bestellt.
Gegebenenfalls auch ohne bitte hin zu zufügen.
Ich kann selten durch einen Bahnhof schlendern, ohne dass mir Menschen auffallen.
Am Fahrkartenautomat stand eine ältere Dame, die versuchte einen Fahrschein zu ziehen. Auf eine Art und Weise gekleidet, die ich heute nicht mehr oft sehe. Dunkler, langer Rock, sehr schicke Bluse mit einem Blazer darüber, Halbschuhe mit Absatz. Dazu schneeweiße, ondulierte Haare. Sie fiel mir auf, da sie einen Henkelkorb aus Bast in der Hand trug, der mindestens 50 Jahre alt sein muss. Erwartet hätte ich, dass er mit frischem Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten gefüllt gewesen wäre. Das Bild wäre für mich dann irgendwie komplett gewesen.
Unaufgefordert half ich ihr den passenden Fahrschein zu ziehen, worüber sie sich sehr freute. Ich gestand ihr nicht, dass auch ich mit diesen Fahrscheinautomaten auf Kriegsfuß stehe, wenn ich unter Zeitdruck bin oder im Nahverkehr mehr als 2 Zonen benötige.
Den ganzen Tag sah ich ihr Gesicht vor mir. Sie hatte etwas Feines und verletzliches an sich.

Kaum drehte ich mich um, sah ich ein Ehepaar, welches mir auffiel, weil, ja, weil sie merkwürdiges Schuhwerk trugen. Nicht bunt oder anderweitig auffallend, sondern in einer viel zu kleinen Schuhgröße. Beide schätzte ich auf Mitte 60 ein. Er trug eine Art Sandalen, deren Zehen soweit heraus ragten, dass sie fast den Boden berührten. Der Blick des Betrachters wurde automatisch auf sie gelenkt. Sicherlich auch, weil diese Zehen aussahen, als hätten sie tausende Meilen barfuß Laufens hinter sich gebracht.Bei ihr sah es gemäßigter aus.  Die bestrumpften Füße steckten ebenfalls in Sandalen. Wobei nur geschätzte 3-4cm Zehen heraus schauten.
Komisch, was Frau plötzlich wahrnimmt. Vielleicht lag es daran, dass der Blick es Zuschauers förmlich darauf gedrängt wurde?
Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass mir dieses Ehepaar später erneut begegnen würde und die Hauptfiguren zum Thema „Intelligenzvakuumisten“ bilden würden.
Eine Umsteigestation weiter drückten sich mehrere ältere Ehepaare, in der Holzunterführung des Bahnhofes, die Nasen an der eingelassenen Plexiglasscheibe  platt. Hinter diese ist eine kleine Sandgrube erkennbar. Irritiert fragen sie sich untereinander: „Wie soll da `mal ein Zug rein passen?“ „ Ach, das geht schon, das ist doch bald ein unterirdischer Bahnhof.“
Aha, ein unterirdischer Bahnhof, der oberirdisch eine kleine Grube zeigt. Diese kleine Sandgrube könnte vielleicht die Märklin Eisenbahn aus dem Keller daheim aufnehmen. Es übersteigt meine Fantasie und meinen Verstand, mir eine Lok der DB mit vielen Waggons in dieser kleinen Grube vorzustellen.
Die drei Pärchen gingen weiter und beharrten in ihren Gesprächen untereinander darauf, dass der neue Bahnhof nun doch nicht so tief ist. Das ganze Theater drum herum sei doch h ein wenig übertrieben.
Irgendwann geht es vom Bahnsteig in den Zug hinein. Die Fahrt beginnt.
Von früheren Klassenfahrten habe ich es in Erinnerung, dass der Proviant ausgepackt wird sobald der Zug los gerollt ist. Früher erlebte man den Geruch von kalten Frikadellen oder hart gekochten Eiern. Die obligatorischen Äpfel und Süßwaren rochen nicht.
Was aber riecht, nein stinkt, sind frisch geschnittene Zwiebeln. Erst wird die BILD Zeitung beiseite gelegt, dann die Aufbewahrungsdose geöffnet. In dem Moment habe ich es verflucht, dass sich die Fenster nicht mehr öffnen lassen. Eine Klimaanlage kann einen solchen Duft erst in vielen, vielen Stunden verarbeiten: Harzer Käse wurde ausgepackt, der mit frisch geschnittenen Zwiebeln in reichlicher Menge in kleinen Happen verzehrt wird. Der Blick dieses „Genießers“ schweifte Beifall heischend in die gesamte Runde. „Seht, so etwas leckeres ich habe, aber ich gebe nichts ab.“
Dieser Moment führte dazu, dass ich einmal den langen Zug bis nach hinten und zurück durch marschierte. Es half nichts. Dieser Geruch war überwältigend mies. Wurde er dadurch noch angereichert, dass er es sich nun gemütlich machte? Schuhe standen unter dem Abteiltisch und die löchrigen Strümpfe boten einen interessanten Anblick.
Als später der Kaffeeservice kam, wurde dieses Geruchswirrwarr sehr speziell. Für sehr lange Zeit flüchtete ich Bordbistro.
Gerne besuche ich die Leseecke in der Stadtbibliothek. Sie bietet einen reichlichen Fundus für Beobachtungen. Oft vermute ich, dass die sehr große Auswahl an Tages- und Wochenzeitungen nur einen Vorwand abgibt. Statt zu lesen, beobachten sich die  einzelnen Besucher untereinander. Getränke dürfen nicht verzehrt werden, gesprochen wird kaum, gelegentlich an einem Laptop gearbeitet. Was macht dann den Aufenthalt dort so reizvoll als Nichtleser der Tageszeitungen?
Sehen und gesehen werden, beobachten und beobachtet werden? Und ein wenig lesen?
Die Schirmmütze sehr tief ins Gesicht gezogen, den Rücken tief gebeugt, die Süddeutsche Zeitung weit weg gehalten: Dieser ältere Mann sitzt mehrmals wöchentlich an gleichen Platz. Seinem Stammplatz. Bis weit in den Mittag liest er die Zeitung, auf Abstand gehalten und oft frage ich mich, mag er sich keine Lesebrille gönnen oder kann er sich keine gönnen. Zu gerne möchte ich einmal einen Blick in sein Gesicht erhaschen, doch die Schirmmütze verhindert es. Einmal glaubte ich, sehr buschige, weiße Augenbrauen gesehen zu haben. Oder mehr erahnt zu haben?
Schräg gegenüber sitzt häufig eine Frau in den 70ern. Stets sehr schick angezogen, manchmal mit Hut, manchmal ohne. Die Perlenkette und die Perlenohrringe fehlen nie. Sie liest meist DIE ZEIT oder auch die LANDLUST. Sie nimmt eine Körperhaltung ein, die mich immer an eine Primaballerina erinnert. Im 5- Sekundentakt schiebt sie mit einer automatischen Bewegung ihre Lesebrille von der Nasenspitze hoch Richtung Augen. Nie habe ich erlebt, dass sie andere Besucher betrachtet. Oder sich eine andere Tageszeitung nimmt. Vertieft in ihre Lektüre nimmt sie um sich herum nichts wahr.
Besuche ich die Leseecke will ich ebenfalls nur DIE ZEIT lesen und in anderen Tageszeitungen stöbern. Damit beginne ich, um dann in Betrachtungen zu versinken und mir auszumalen, warum wer so häufig hier ist. Welche Lebensgeschichte könnte ich von der Dame mit den Perlenohrringen erfahren? Wie mag das Gesicht des Mannes mit der Schirmmütze ausschauen?
Die Lösung wäre so einfach: Aufstehen und fragen. Und somit  eventuell um einige Illusionen oder Gedankengänge ärmer zu sein?

„Read what I see“: Es duftet

 „Das ist guuuuut. Das ist schööööööön!“
Nein, dieser Satz wird nicht von einer Patientin auf einer Massageliege gestöhnt.
Dieser Satz wird von einer in „4711“ getunkten, mit riesigem Perlenschmuck behangenen, älteren Dame in den Raum gestoßen. Automatisch frage ich mich, wie so viel Schmuck auf so wenig Frau Platz finden kann. Weitere Gedankengänge sind erst einmal unterbrochen, denn meine Gehirnsynapsen werden durch eine Überforderung meiner sich in der Mundhöhle befindlichen Synapsen gestört.
Der durchdringende Geruch von „4711“ breitet sich über den ganzen Raum aus und erreicht meine Zunge wie eine überdimensionierte Feinstoffwolke.
Der nächste Schluck meines entkoffeinierten Espresso verursacht ein Chaos in meinem Mund und hinterlässt einen Geschmack nach alter, mit Asphalt angereicherter Spüllauge.
Ich möchte ein Schluck Wasser zum nachspülen trinken, doch die „4711“ Wolke legt sich überall nieder. Ich befürchte, dass sie sich einen Weg unter die mit Kronkorken versiegelten Wasserflaschen bahnt oder es sich bereits im Zugang zum Wasserhahn gemütlich gemacht hat.
Ein Kaugummi würde keine wirkliche Hilfe bringen, also bitte ich die Kellnerin um zwei Kaffeebohnen, die ich tapfer und mit stoischem Gesichtsausdruck zerkaue. Bitterer Kaffeegeschmack kann wirklich Erleichterung verschaffen.
Mein Kopf funktioniert wieder und ich wäge die Möglichkeiten ab, die ältere Dame wegen „duftiger Körperverletzung“ anzuzeigen. Diesem Gedanken muss ich in Ruhe folgen.
Wer ist diese Frau, die diesen Satz so laut stöhnte? Zumindest ist sie eine Frau, die sich über ein kleines Müsli mit frisch gepresstem Orangensaft, auf eben diese Art freuen kann.
Die ihren großen Flechteinkaufskorb stolz trägt, die eine eng geschnittene Bluse mit Tigermuster trägt und über all´ den Perlen noch einen überdimensionierten blau gemusterten Schal drapiert. Von allem irgendwie etwas zu viel. Ihre Cordjacke, mit den Flicken an den Ellenbogen hat sie locker auf dem Stuhl neben sich gelegt und bei einer Armbewegung von ihr fühle ich mich in der ausgeströmten Wolke gefangen. Misshandelt.
Dieser übermäßige Gebrauch von Kölnisch Wasser vernebelt mein Gehirn, er verlangsamt meine Bewegungen. Ich möchte fliehen und kann nicht umhin, ihrer Unterhaltung zu folgen.
„Wusstest Du es schon, die Annemarie arbeitet jetzt als Domina in ihrer Garage.“
„Ja mei, wirklich? Das hatte ich mir doch schon immer gedacht.“
Ich halte inne. Was hört mein vernebeltes Hirn? Die Annemarie arbeitet nun also als Domina in ihrer Garage. Ich muss innerlich lachen und denke sofort an die typischen Verhörer im Radio: Statt „The Phone rings“ wird meist: „Da vorne links“ verstanden oder statt „All my feelings grow“ verstehen viele: „Die Oma fiel ins Klo“.
Ich möchte nicht hinüber gehen und nachfragen, in welchem Beruf die Annemarie wirklich tätig ist. Die zu erwartende Duftkonzentration würde mich eventuell in die absolute Reizüberflutung, mit einer nahenden Ohnmacht, treiben.
Stattdessen frage ich mich, ob die Garage eine Einzel- oder eine Doppelgarage ist. Oder gar eine Reihengarage?
Wo mag sie stehen? Vor einem Einfamilienhaus, neben einem Mehrfamilienhaus? Wie gestaltet sich die Außenwerbung? Was würde ich sehen, wenn sich das automatische Garagentor öffnen würde? In einer Einzelgarage vermutlich nicht viel? Etwas Ausstattung und eine Dame? Eine junge oder eine ältere? Und was noch? Würde ich etwas zu hören bekommen (Ich denke automatisch an den Song der Ärzte „Bitte, bitte“)?
Die Hausfrau in mir kommt durch und fragt sich, ob es Platz gibt für ein kleines Badezimmer?
Fragen über Fragen.
Ich könnte nun ein stattliches Gedankenkarussell laufen lassen, doch muss ich wissen, ob es wirklich eine in der Garage arbeitende Annemarie gibt?
Ich hänge meinen Gedanken nach und vermute immer stärker, dass es richtig hätte heißen müssen: Die Annemarie hat nun eine neue Garage. Dazu würde auch die Antwort der zweiten Frau passen.
Die ältere Dame hat ihr stöhnen beendet. Orangensaft und Müsli wurden verspeist und sie verlässt das Café.
Statt weiterhin über Annemarie nachzudenken, stelle ich Vermutungen an, wo die ältere Dame solch lautes und intensives stöhnen gelernt haben könnte?

„Read what I see“: Samstagmittag

Es ist Samstag. 13:05 Uhr. Drei Frauen, die ich innerlich sofort mit der Bezeichnung „Madämchen“ versehe, betreten das Café. Woran liegt es, dass ich sie sofort in eine bestimmte Schublade stecke? Vermutlich an ihrem Verhalten, welches erkennen lässt, dass sie nicht allzu oft in einem Bäckerei Café mit Selbstbedienung verkehren?
In einer Dreierfront stehen sie geschlossen, auf die Getränke- und Speisekarte an der Wand gegenüber blickend, an der Selbstbedienungstheke.
Alle drei tragen Spangenschuhe mit kleinem Absatz, enge bunte Hosen mit passender Oberkleidung und den identischen Haarschnitt: Einen Bubbikopf. Jede trägt ihn in einer anderen Blondierung. Die Sonnenbrille ist im Haar aufgesetzt oder befindet sich noch auf der Nase. Die großen Handtaschen trägt eine jede unter die Achsel geklemmt. Kleine Risse und aufgeplatzte Nähte an den Handtaschen lassen erkennen, dass sie älter oder schon lange in Gebrauch sind.
Die Kleinste von ihnen erhebt ihre Stimme und fragt: „Haben Sie auch eine Karte?“
„Leider nicht. Hier oben ist alles aufgeführt. Inklusive aller Getränke.“
„Machen Sie noch Frühstück?“
„Ja, selbstverständlich.“
Die Köpfe werden zusammen gesteckt. Ich höre ein leises: „Ich möchte aber ein Spiegelei.“ Eine andere sagt: „Mir ist es egal.“
Plötzlich wackeln alle drei Bubbiköpfe.
Eine von ihnen bestellt: „Wir möchten des:“ (Was ist „des“?)
„Ein Kaffee mit Brezel reicht.“
Mir ist nicht klar, ob diese Entscheidung aus finanziellen Gründen getroffen wird oder um der Figur willens.
Der Versuch den Kaffee mit Zucker zu versehen ist vorerst nicht von Erfolg gekrönt. Es scheint, als wären sie es nicht gewohnt ihren Zucker selber zu dosieren und einzufüllen.
Sie zahlen getrennt und tragen ihr Tablett mit der Butterbrezel und dem Kaffee nach draußen auf die Terrasse. Die Stühle werden umgestellt, so dass jede auf die Straße blicken kann. Eine Sitzposition wie ich sie in den ersten Reihen der Cafés in Paris erlebt habe. Die Brezeln werden auseinandergerissen und getunkt.
Plötzlich schnellt die Größte von ihnen hoch: „Ich muss mein Auto in den Schatten umsetzen“, verschwindet und parkt ihren Fiat 500 ein paar Meter weiter unter einen Baum.
Anschließend nimmt sie wieder neben den beiden anderen Platz. Alle haben die Beine übereinander geschlagen, tragen ihre Sonnenbrillen nun auf den Nasen und zünden sich eine Zigarette an. Auf die Entfernung meine ich die Sorte Eve 120 zu erkennen. Nun erlebe ich endlich Frauen, die diese Sorte rauchen.
Während ich meinen Latte Macchiato genieße und in einem Buch lese, gleitet mein Blick immer wieder zu den drei Frauen hinüber. Ja, sie benehmen sich als wären die Menschen in ihrem Umfeld Bedienstete. Wie passt dann der Fiat 500 ins Bild? Ein Auto umsetzen, damit es sich nicht aufheizt, obwohl es normalerweise über eine Klimaanlage verfügt?
Sie erinnern mich an Frauen, die einmal im Jahr im Rotary Club einen Flohmarkt veranstalten um dann generös den Erlös zu spenden. Sie erinnern mich an Frauen, wie ich sie in den 90er Jahren im Tennis Club erlebte. Doch wer sind sie wirklich? Wer könnten sie sein? Drei Frauen, die ein sehr kleines Klassentreffen ehemaliger Pensionats Schülerinnen abhalten? Ex-Frauen, die sehr viel bessere Zeiten erlebt haben. „Frau Doktor“ oder „Frau Geschäftsführerin“, die nach der Scheidung nicht ihrem gewohntem Standard entsprechend abgefunden wurden?
Wie wird der Tag für sie weiter gehen? Werden sie ihn schwitzend und kichernd bei einer kleinen Landtour über die Schwäbische Alb im Auto verbringen? Kichernd vermutlich nicht. Die ganze Zeit sah ich nicht eine von ihnen lächeln. War das Brezelfrühstück für sie das heutige Highlight?
Ich werde es nicht erfahren.
Irgendwie kann ich mir vorstellen, dass sie von hier zum Vorsprechen nach Wien fahren. Für die nächste Staffel der „Vorstadtweiber“. In den Rollen der aus der Versenkung auferstandenen Schwiegermütter. Bessere Zeiten erlebt hatten und sich wieder bessere Zeiten, mit allen ihren Wirrungen und Irrungen, wünschend.