Lotti Huber: Diese Zitrone hat noch viel Saft

Klappentext:
Lotti Huber, am 16. Oktober 1912 als Tochter großbürgerlicher jüdischer Eltern in Kiel geboren, wollte immer zur Bühne, zum Theater. Aber die Nazis schickten sie ins KZ. Sie wurde freigekauft, ging nach Palästina und Ägypten, tanzte in Nachtklubs, heiratete einen englischen Offizier, ging dann nach Zypern, wo sie ein Restaurant eröffnete, nach 1945 mit ihrem zweiten Mann nach London und Anfang der 60er Jahre nach Berlin. Sie gab Englischunterricht, übersetzte Trivialliteratur, eröffnete eine Tanzschule, arbeitete als Filmstatistin, lernte Rosa von Praunheim kennen und wurde mit 75 Jahren zum Star. Lotti Huber starb am 31. Mai 1998 in Berlin.

Bevor ich auf das Buch eingehe möchte ich kurz beschreiben, warum ich es mir damals kaufte.
Zu Beginn der 90er Jahre erlebte ich Lotti Huber in vielen Talkshows. Dabei fand ich sie faszinierend. Diese kleine Person – mit dem Haardutt, mindestens einem dicken Ring an den Fingern, nicht zierlich, in Walla-Walla-Gewändern gekleidet – war mit ihrer exaltierten Art, ihrer Redensweise eine Bereicherung.
Daraufhin holte ich mir 1991 ihr Buch (damals bereits in der 5. Auflage) und las es mit Begeisterung. Auf einer ihrer Veranstaltungen ließ ich es mir signieren und nehme es alle Jahre wieder in die Hand, um es zu lesen. Wie momentan auch.
Apropos Veranstaltung: Während der Weihnachtszeit saß sie in einer Veranstaltung neben einem Tannenbaum an einem Tisch, las aus ihrem Buch, performte und war in ihrem Element. Aus irgendeinem Grund fiel der Tannenbaum um, die leuchtende Deko fiel auf sie und es sah aus, als würde über ihrem Kopf für einen kurzen Moment ein Heiligenschein leuchten. Ich habe noch Fotos davon.
Unvergesslich bleibt mir ihr lispelndes „Liebchen, was darf ich Dir denn in Dein Buch schreiben?“.
Dieses Buch verlieh ich später und bekam es erst 5 Jahre später zurück. Alle Einwohnermeldeämter klapperte ich damals ab, um den Umzug/Mitzug des Buches nachzuvollziehen und um es wieder in meinen Händen zu halten. Doch nun zum Buch:  “Diese Zitrone hat noch viel Saft”, stammt aus der Beschreibung über Rosa von Praunheim, von dem es hieß, er würde seine Schauspieler wie eine Zitrone auspressen. Auf ihn traf sie als sie bereits fast 70 Jahre alt war.
Kannte man sie nur aus den Medien, kam leicht der Verdacht auf, sie wäre eine oberflächliche Ulknudel. Oh nein. Ihr Leben war von Schicksalsschlägen geprägt, über die sie eher hinweg ging. Den Kampf, den Schmerz dahinter schneidet sie eher oberflächlich an.
Damals besaß ihre Familie in Kiel ein Warenhaus, sie wuchs recht betucht auf. Widmete sich anschließend ihrer Karriere als Ausdruckstänzerin. Wegen Rassenschande kam sie ins KZ, wurde freigekauft (ihr Freund erschossen) und kam über Jerusalem nach Zypern, wo sie eine Bar eröffnerte und sehr sehr bekannt war. Aufgrund der politischen Situation ging sie von dort nach London, später nach Berlin, wo sie nach dem Tod ihres Mannes, mit fast 70 Jahren verschiedene Jobs (Promoterin, Statistin, Übersetzerin von Liebesschnulzen) annahm, um finanziell zurecht zu kommen.
Mit um die 70 Jahre entdeckte wurde sie von Rosa von Praunheim entdeckt und ihre schauspielerische Karriere nahm ihren Lauf. Eine Karriere, von der ihre Mutter immer träumte.
Dies sind ihre wichtigsten Lebensstationen, die nicht ruhig waren. Die Einbrüche werden humorvoll, lakonisch beschrieben. Wie schreibt sie: „Es geht auch anders, aber so geht es auch.“
Und genauso hat sie gelebt: Ohne dabei zu verbittern, zu hadern, den Lebensmut zu verlieren.
Die Beschreibung ihres Lebens hätte viele Seiten mehr füllen können. Die knapp 150 Seiten sind mir zu wenig. In dem Buch „Jede Zeit ist meine Zeit“ (1991), welches im Interviewstil geschrieben ist, erfährt man einiges mehr über sie.
Leider wurde sie mir im Laufe der Zeit zu omnipräsent. Irgendwann kam ich in die Phase: Lotti Huber…. Ach nee, nicht schon wieder und schaltete im Programm weiter. Oder las Berichte über sie nicht mehr.

Zwischenzeitlich finde ich dies schade, denn sie hatte viel zu sagen.

 
 

Jörg Maurer: Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt (Kommissar Jennerwein ermittelt, Band 11)

 

Klappentext:
In einer verschneiten Berghütte hoch über dem idyllisch gelegenen Kurort will Kommissar Jennerwein mit seinem Team feiern. Einmal ohne Ermittlungsdruck und Verbrecherjagd gemütlich am Kaminfeuer sitzen und Geschichten erzählen. Aber was bedeuten die blutigen Spuren im Schnee, die draußen zu sehen sind? Warum kreist eine Drohne über der Hütte? Und welcher unheimliche Schatten streift durch die Nacht? Während drunten im Kurort die Polizeistation verwaist ist und eine Gestalt leblos in einem versperrten Keller liegt, erkennt Jennerwein, dass er in eine Falle geraten ist, aus der es kein Entkommen gibt. Wenn er sein Team retten will, muss er mit dem Tod Schlitten fahren…

Es ist mutig von einem Autor zwei Bücher einer Serie, hier um den Kommissar Jennerwein, in einem Jahr herauszugeben. Die letzte Ausgabe erschien gerade vor einem halben Jahr. Als ich „Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt“ mit den 425 Seiten in den Händen hielt und zu lesen begann, wusste ich nicht wie ich es einsortieren sollte. Sollte dieses Geschichte ein Weihnachtskrimi werden und das Experiment verunglückte kolossal?
Drei Erzählstränge: Kommissar Jennerwein feiert Weihnachten mit seinen Kollegen auf seiner Berghütte, ein paar Snowboarder tummeln sich im Schnee undein Stinkbombenstreich in Kommissar Jennerweins Schule während seiner Jugendzeit beherrschen das Buch. Spätestens zum Schluss werden sie miteinander verwoben, doch wirkt es nicht authentisch. Das ganze Buch plätschert langweilig vor sich hin, ich quälte mich von Seite zu Seite. Immer in der Hoffnung: Nun geht es richtig los.
Diese Hoffnung wurde gnadenlos enttäuscht. Den Erzählstrang mit den Jungenderinnerungen empfand ich als überflüssig. Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass er nur als Seitenfutter diente. Bücher von Jörg Maurer glänzen nicht durch eine überschaubare Seitenanzahl. Im Gegenteil.
Die Bände 1 bis 9 aus der Kommissar Jennerwein Reihe glänzten mit Sprachwitz, der mich beim Lesen immer wieder laut lachen liess. Oder absurden Gedankengänge einer sprechenden Birke oder eines Serienkillers, der sich darüber moniert, dass er keine Rente bekommen wird, da er nicht in die Rentenkasse einzahlen kann. Solche Dinge, die zum unfehlbaren Stil des Jörg Maurer gehören, fehlen leider.
Mit welchem Gefühl gehe ich aus dem Buch? Ich fühle mich veräppelt. Sollte dies eine Ausgabe für Weihnachtshasser sein, so ist die Aufgabe misslungen. Am meisten ärgere ich mich, dass ich das Buch nicht schnell genug in die Ecke legte, der Hoffnung aufsaß, es bekommt nun die Kurve. Selten habe ich meine Lebenszeit so verschwendet. An einem Buch verschwendet.

Immerhin kenne ich nun den Namen der Pathologin.
Ob ich zukünftige Bücher von Jörg Maurer in die Hand nehmen werde und sie lesen werde? Stand heute: Nein

Hans Pleschinksi: Königsallee

Klappentext:
Sommer 1954: Thomas Mann kommt zusammen mit seiner Frau Katia nach Düsseldorf, um aus dem „Felix Krull“ zu lesen, der sich zum Bestseller entwickelt. Im selben Hotel, dem „Breidenbacher Hof“, ist gleichzeitig Klaus Heuser, auf Heimaturlaub aus Asien, mit seinem Freund Anwar abgestiegen, ein Zufall, der es in sich hat. Denn Klaus Heuser, den er 1927 kennengelernt hatte, gehört zu Thomas Manns großen Lieben. In der Figur des Joseph hat er ihm ein Denkmal gesetzt. Nun sorgt die mögliche Begegnung der beiden für größte Unruhe, zusätzlich zu dem Aufruhr, den der Besuch des ins Exil gegangenen Schriftstellers im Nachkriegs-Deutschland ohnehin auslöst. Erika Mann mischt sich ein, Golo Mann und Ernst Bertram verfolgen ihre eigenen Ziele, und die Honoratioren der Stadt ringen um Haltung. Dazwischen die ewigen Fragen der Literatur, nach Ruhm und Verzicht, der Verantwortung des Künstlers und dem Preis des eigenen Lebens, nach dem Gelingen und Rang. Anschaulich und dezent, auf der Folie realer Vorkommnisse und bisher unbekannter Dokumente, dabei mit einem Anklang an „Lotte in Weimar“, lebendig und kenntnisreich, atmosphärisch und voll sprechender Details und unvergesslicher Figuren erzählt Hans Pleschinski in diesem großen Roman von Liebe, Verantwortung und Literatur – und von den 50er-Jahren in Deutschland.

Dieses Buch lieh ich mir ursprünglich aus, da es hier um Düsseldorf in den 50er Jahren geht.
Dass es sich um Thomas Mann und seinen ersten Besuch in Deutschland nach dem Krieg handelte, war für mich eher nebensächlich.
Sicherlich hatte ich Bücher von Thomas Mann gelesen, doch kann ich in seiner Biographie eher über die tragischen Selbstmorde einige seiner Kinder erfahren. Er selber, oder seine Frau, waren mir als Person nicht so wichtig. Biographien, die angelesen wurden, wurden wieder weg gelegt, da sie mir zu trocken waren.
Doch nun stieß ich auf „Königsallee“. Da ich einige Jahre in Düsseldorf lebte, kannte ich natürlich diese Straße und ja, ich kenne den Breidenbacher Hof nicht nur von außen.
Diese Geschichte interessierte mich. Wie war das Hotel in den 50er Jahren? War es in dieser Zeit auch so steif? So würdevoll?
Dieses Bedürfnis mehr darüber zu erfahren wurde auf den ersten 70 Seiten gut gestillt. Letztendlich wurde nur beschrieben, wie sich das Hotel auf den Besuch vorbereitet. Auf „ihn“.
Sehr sehr nett zu lesen.
Dem folgte die Einführung der Figur des Klaus Heuser. Jemand den Thomas Mann als 18-jährigen auf Sylt kennen lernte und später in sein Haus nach München einlud.
Dort küsste Thomas Mann Klaus Heuser und es wurde klar, dass Klaus Heuser eine der großen Lieben im Leben Thomas Manns war. „Verewigt“ in der Figur des Joseph.
Klaus Heuser ist nun das erste Mal nach vielen Jahren auf Heimatbesuch in Düsseldorf, begleitet von seinem Freund Anwar Batak Sumayputry.
Nun setzen sowohl Erika Mann (Tochter) als auch Katia Mann (Ehefrau) alles daran, dass der 79-jährige Thomas Mann im Hotel nicht auf seine ehemalige große Liebe stößt.
So besucht Erika Klaus Heuser und Partner in deren gemeinsamen Schlafzimmer, erzählt und hält lange Monologe. Zeigt ihr schauspielerisches Talent. Für meinen Geschmack hätten diese Seiten etwas kürzer ausfallen dürfen, andererseits habe ich so einiges über die Mann´s erfahren.
Um keine Langeweile aufkommen zu lassen, erhält Klaus Heuser anschließend Besuch von Ernst Bertram. Patenonkel von Thomas Manns Tochter Erika, 70-jähriger Kriegsverbrecher und Dichter. Unter anderem verbrannte er Bücher mit Ausnahme derer von Thomas Mann.
Er möchte Verzeihung von Thomas Mann und möchte Klaus Heuser als Vermittler nutzen.
Doch dieser will nicht vermitteln.
Puh, diese Begegnung fand ich anstrengend, für das Buch aber wichtig.
Letztendlich taucht auch der Beisser, Golo Mann, bei Klaus Heuser auf. Auch er möchte etwas von ihm: Dass Klaus Heuser nach der Lesung Thomas Manns diesem sein neues Buch überreicht.
Klaus Heuser verweigert all´ diese Gefälligkeiten. Genießt die Zeit mit seinem Freund, genießt den Aufenthalt und nimmt letztendlich an dem Empfang nach der Lesung statt und trifft auf seinen alten Freund und „erfüllt“ alle Aufträge, um die er gebeten wurde.
Ein tolles Buch, welches mich sehr in den Bann gezogen hat.

 

Foto:pixabay.com

Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft: Meine Kindheit und ich

Klappentext:

Mit »Ich bin dann mal weg« hat er Millionen Leser inspiriert, persönliche Grenzen zu überschreiten. Jetzt spricht Hape Kerkeling über seine Kindheit; entwaffnend ehrlich, mit großem Humor und Ernsthaftigkeit. Über die frühen Jahre im Ruhrgebiet, Bonanza-Spiele, Gurkenschnittchen und den ersten Farbfernseher; das Auf und Ab einer dreißigjährigen, turbulenten Karriere – und darüber, warum es manchmal ein Glück ist, sich hinter Schnauzbart und Herrenhandtasche verstecken zu können. Über berührende Begegnungen und Verluste, Lebensmut und die Energie, immer wieder aufzustehen. »Was, um Himmels willen, hat mich bloß ins gleißende Scheinwerferlicht getrieben, mitten unter die Showwölfe? Eigentlich bin ich doch mehr der gemütliche, tapsige Typ und überhaupt keine Rampensau. Warum wollte ich also bereits im zarten Kindesalter mit aller Macht „berühmt werden“? Und wieso hat das dann tatsächlich geklappt? Nun, vielleicht einfach deshalb, weil ich es meiner Oma als sechsjähriger Knirps genau so versprechen musste …« Hape Kerkeling, der mit seinem Pilgerbericht »Ich bin dann mal weg« seine Fans überraschte und Leser jeden Alters begeisterte, lädt auf die Reise durch seine Memoiren ein. Sie führt nach Düsseldorf, Mosambik und in den heiligen Garten von Gethsemane; vor allem aber an die Orte von »Peterhansels« Kindheit: in Recklinghausens ländliche Vorstadtidylle und in die alte Bergarbeitersiedlung Herten-Scherlebeck. Eindringlich erzählt er von den Erfahrungen, die ihn prägen, und warum es in fünfzig Lebensjahren mehr als einmal eine schützende Hand brauchte.

Als ich das Buch in die Hand nahm, dachte ich die Biografie eines bekannten Künstlers in den Händen zu halten. Eines Künstlers, den vermutlich jeder Deutsche mag, die meisten kennen und der uns immer prächtig amüsiert hat. Jahre zuvor sah ich ein sehr langes Interview/Talk Show mit ihm im Fernsehen und wurde damals neugierig. Wäre sie nicht weit nach Mitternacht ausgestrahlt worden, ich bereits mehr im Schlaf- als im Aufmerksamkeitsmodus, hätte ich damals bereits gemerkt, dass Hape Kerkeling nicht nur aus dem Komiker besteht. Alles andere würde mich auch wundern.
Ruckzuck waren 159 Seiten gelesen und ich dachte nur: Menno, er ist ja immer noch 8 Jahre alt. Wann wird sein Leben als Erwachsener beschrieben? Gelangweilt habe ich mich nicht, schließlich habe ich die knapp 160 Seiten an einem Tag gelesen. Erst nach diesem Gedanken schaue ich mir das Cover und sehe endlich den Satz: „Meine Kindheit und ich“. O.K. nicht ganz so groß geschrieben und dadurch schnell geeignet überlesen zu werden. Nun verstehe ich, warum immer noch wenig über Hape Kerkeling als Erwachsener zu lesen ist.
Sicherlich geschieht dies auf den ersten Seiten. Interessant zu lesen, mir aber oft zu pathetisch. beschrieben. Einige Adjektive diesbezüglich weglassend hätten mir gut gefallen.
Auch nach den ersten 160 Seiten wird von der Kindheit Hape Kerkelings erzählt.
Wunderbar beschreibt er seine Tanten und seine ihn prägenden Omas, sowie weitere Verwandte. Dies geschieht so plastisch, so gefühlvoll, dass ich manchmal das Gefühl habe: Drehe ich mich nun um, so würde ich sie hinter mir sehen können.
Das zieht sich durch das ganze Buch. In der Presse wurde sehr darauf eingegangen, dass er über den Suizid seiner Mutter schrieb. Ohne das Buch gelesen zu haben, zuvor das Interview gesehen zu haben, hinterließ diese Vorgehensweise auch einen schalen Geschmack bei mir.

Das ist falsch.

Zu seiner Kindheitsgeschichte gehören nicht nur die lustigen Beschreibungen seiner Familie, sondern auch die Beschreibung der Erkrankung seiner Mutter, die depressiv war. Diese erlebte er dermaßen hautnah mit und prägt ihn auch bis heute. Im Rahmen der chronologischen Erzählung würde es verwundern, wenn dieser Bereich ausgespart worden wäre. Hape Kerkeling erzählt brutal ehrlich aus seinem Leben. Unverblümt, offen, sehr plastisch und auch unheimlich kraftvoll. Ich las das Buch in anderthalb Tagen weg.
Ursprünglich hatte ich eine Biografie erwartet, die von seinem Aufstieg erzählt, vielleicht von schlechten Momenten oder mit Anekdötchen aufwartet.
Gut, dass er nicht ein solches Buch geschrieben hat, sondern schrieb, was er schrieb. Nein, er ist kein begnadeter Schriftsteller. Und ich bilde mir ein, die Brüche zu erkennen, als er beim schreiben lange Pausen machen musste.
Hier schrieb jemand authentisch über seine Kindheit und sein, in meinen Augen immer noch währendes Trauma über den Suizid seiner Mutter.
Dies auf eine Art, die berührt, kraftvoll ist, an seinen Gefühlen teilhaben lässt und mich als Leser mit ins Ruhrgebiet nimmt in Ecken, die auch ich noch erkenne.
Üblicherweise zitiere ich nicht aus den Büchern, die ich beschreibe. Heute mache ich eine Ausnahme.
„Ursprünglich sollte es die unterhaltsame Autobiografie eines schillernden deutschen Showstars werden. Ich wollte darüber schreiben, wie umwerfend und seligmachend das Gefühl ist, wenn man dem Publikum ein befreiendes Lachen entlockt. Darüber, dass es, aus der Künstlerperspektive betrachtet, bombastisch ist, wenn sich die Zuschauer in ihren Sitzen vor Lachen kugeln und an nichts anderes mehr denken können als daran, dass sie gerade fröhlich sind…..
Nun habe ich – und das ohne jede Absicht – die Geschichte einer verlorenen Kindheit gesagt. Es musste vielleicht einfach alles mal gesagt werden.“

Ich bin froh, dass er genau das in Form dieses Buches gesagt hat.

Jörg Maurer: Am Abgrund lässt man gern den Vortritt: Alpenkrimi (Kommissar Jennerwein ermittelt, Band 10)

 

Klappentext:
Nur der Föhn kennt die ganze Wahrheit. Kommissar Jennerweins waghalsigster Fall – der zehnte Alpenkrimi von Nr.1-Bestsellerautor Jörg Maurer.
Kommissar Hubertus Jennerwein gönnt sich eine Auszeit. Aber schon vor der geplanten Abreise trifft er auf dem Bahnhof einen Kommissar-Kollegen aus dem Allgäu und wird aufgehalten. Gerade als die beiden so richtig ins ermittlerische Fachsimpeln kommen, erreicht Jennerwein ein Hilferuf aus dem Kurort: Ursel Grasegger, Bestattungsunternehmerin a.D., hat eine blutige Morddrohung gegen Ignaz erhalten. Ihr Mann ist seit Tagen unauffindbar. Ist er in den Händen von Entführern? Oder hat er heimlich etwas Illegales geplant, was nun schiefgegangen ist? Jennerwein weiß nur zu gut, dass die Graseggers beste Mafiaverbindungen haben. Aber er verspricht Ursel, Ignaz‘ Spur außerdienstlich zu verfolgen – und bringt sich in noch nie gekannte Gefahr. Sein Team geht derweil tödlichen Umtrieben von Medizinern nach, eine frühere Freundin von Ignaz kündigt ihre bevorstehende Ermordung an, und auf einmal steht Jennerwein vor dem Abgrund seiner Polizeikarriere…

Lese ich ein Buch von Jörg Maurer mit der Hauptfigur des Kommissar Jennerwein, so fühlt es sich an, als würde ein guter Freund zu Besuch kommen. Dieses Mal hatte ich nach dem Lesen des Buches das Gefühl, dass der gute Freund nicht in Form war und zu früh gegangen ist.
Wie immer ist das Buch mit einem himmelblauen Cover gestaltet und zum Jubiläum in 10 Kapitel unterteilt, wobei jedes Kapitel mit der gleichen Tierzeichnung versehen ist.
In diesem Buch spielt das Bestattungsehepaar Grasegger eine Hauptrolle. Ignaz Grasegger ist seit Tagen verschwunden, bedeutet die zuvor erhaltene blutige Morddrohung, dass er tot ist?
In dem 10. Krimi kommt die Spannung, der Wortwitz, der schwarze Humor und die Satire nicht zu kurz. An das Niveau gewöhnt man sich als Leser recht schnell und wird diesbezüglich auch dieses Mal nicht enttäuscht.
Die Handlung überzeugt mich einfach nicht. Natürlich vermisst man zwei Hauptfiguren, die nicht mehr im Polizeidienst beim Kommissar Jennerwein tätig sind. Doch die Geschichte um die italienische Mafia, das überstürzte Handlungsende – es passt irgendwie nicht so richtig zusammen. Hätten die 429 Seiten gekürzt werden können oder hätten sie mehr sein müssen? Diese Frage habe ich mir bis heute nicht beantworten können.
Die letzten Seiten lesen sich beinahe wie ein Abschied der Figur Jennerwein.
Vielleicht jammere ich auf hohem Niveau, doch bin ich bessere Krimis um Jennerwein und sein Team gewohnt.

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Klappentext:
Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen. Eine einfache und tief bewegende Geschichte.

Das Buch startet mit einer recht harten Episode in der erzählt wird, wie Andreas Egger den kranken Ziegenhirten Hörnerhannes ins Tal trägt, dieser ihm von der Trage springt, in den Schnee rennt, um dem Tod von der Schippe zu springen und nicht mehr gesehen wird.
Tief bewegt habe ich das Buch nach dem Lesen in den Händen gehalten. Über 146 Seiten wird in einer einfachen Geschichte das Leben des Andreas Egger beschrieben.
Einer Geschichte die gut dazu geeignet wäre, im Kitsch zu ersticken. Das wird geschickt, mit einer Ausnahme, umschifft.
Andreas Egger kommt im Alter von 4 Jahren zu seinem Onkel in ein Bergdorf. Nicht geliebt, verprügelt, entwickelt er sich zu einem großen Hilfsknecht, der als Handlanger und dann in einem Arbeitstrupp arbeitet. Er erlebt mit, wie die Elektrizität ins Dorf kommt und verliebt sich in Marie, der Liebe seines Lebens. Unbeholfen nähert er sich ihr an. Als Mann der wenigen Worte findet er dennoch den Zugang zu ihr, heiratet sie. Leider stirbt sie recht früh.
Sein Leben geht weiter. Nach dem 2. Weltkrieg befindet er sich lange in russischer Gefangenschaft und verliert auch darüber wenige Worte. Er kommt in sein Bergdorf zurück, arbeitet wieder als Handlanger, später als Bergführer.
Darüber vergehen die Jahre. Seine Marie vergisst er nie. Dennoch hadert er nie mit seinem Schicksal. Er nimmt das Leben an.
Warum mich das Buch so berührt? Sicherlich in der Geschichte begründet. Mit wenigen Worten werden hier die Tiefen des menschlichen Lebens beschrieben, mit gelegentlichen Weisheiten, die aber nicht so plump a` la Paulo Coelho verwendet werden.

Die Sprache, die in ihrer Einfachheit in die Tiefe geht, bewirkten bei mir beim Lesen ein ständiges innehalten, ein erneutes Lesen der Seiten davor. Genuss pur.
Ich kann nicht anders, als nach dem Lesen des Buches zu seufzen: Ach, ist das schön!
Ich kann nicht anders, als berührt zu sein.
Berührt über die Geschichte des Menschen, der nie aus seinem Dorf herauskam, mit Ausnahme des 2. Weltkrieg und dem einmaligen Moment, als er den Dorfbus nutzte. (einzige kitschige Szene).
Berührt darüber, dass Andreas Egger trotzdem auf ein glückliches Leben zurückblickt von dem er sagt: „Er hatte länger durchgehalten, als er es je selbst für möglich gehalten hätte.“

Lana Lux: Kukolka

Klappentext:
Ukraine, 90er Jahre. Große Party der Freiheit. Manche tanzen und fressen oben auf dem Trümmerhaufen der Sowjetunion, andere versuchen noch, ihn zu erklimmen. Auch Samira. Mit sieben Jahren macht sie sich auf die Suche nach Freiheit und Wohlstand. Während teure Autos die Straßen schmücken, lebt Samira mit ein paar anderen Kids in einem Haus, wo es keinen Strom, kein warmes Wasser und kein Klo gibt. Aber es geht ihr bestens. Sie hat ein eigenes Sofa zum Schlafen und eine fast erwachsene Freundin, die ihr alles beibringt. Außerdem hat sie einen Job, und den macht sie gut: betteln. Niemand kann diesem schönen Kind widerstehen, auch Rocky nicht. Er nennt sie Kukolka, Püppchen. Wenn Kukolka ihn lange genug massiert, gibt er ihr sogar Schokolade. Alles scheint perfekt zu sein. Doch Samira hält an ihrem Traum von Deutschland fest. Und ihr Traum wird in Erfüllung gehen, komme, was wolle.
Lana Lux hat einen gnadenlos realistischen Roman über Ausbeutung, Gewalt und Schikane geschrieben, über ein Leben am Rande der Gesellschaft, geführt von einer Heldin, die trotz allem schillernder nicht sein könnte.

Über 375 Seiten beeindruckt dieser Debütroman, der die Geschichte von Samira erzählt. Semira ist sieben Jahre auf und wächst ein einem Waisenhaus auf. Das Leben dort ist hart. Da sie nichts anderes kennt, hat es akzeptiert. Sie hält sich an die Regeln, im Gegensatz zu ihrer Freundin Marina. und bunkert Brotrinden unter ihrer Bettdecke.
Die Waisenkinder träumen davon adoptiert zu werden. Ihre Freundin Marina schafft es und verspricht Samira nach Deutschland nachzuholen.
Dies geschieht nicht, so dass Samira sich auf den Weg nach Deutschland macht. Schon am Bahnhof scheitert sie, wird von einem „netten Rocky“ aufgegriffen und lebt mit anderen Kindern in einem schäbigen Haus. Von nun an bettelt sie. Obwohl das Haus mehr als schäbig ist, ist Samira glücklich. Sie hat ein eigenes Sofa und eine ältere Freundin. Tatsächlich stumpft sie hier bereits ab. Rocky nennt sie Kukolka „Püppchen“, die aufgrund ihres Äußeren von vielen als niedlich betrachtet wird.
Die Charles Dickens Atmosphäre hält nicht sehr lange an. Kukolka träumt weiter davon nach Deutschland zu kommen.
Von dem schäbigen Haus geht es weiter zu Dima, der letztendlich mit ihr nach Berlin geht. Er richtet sie zur Prostituierte ab und nun beginnt Kukolkas Weg als Prostituierte. Durch Menschenhändler wird sie weiter gereicht. Mit 13 Jahren hat sie bereits mehrere Freier täglich, ihr 14. Lebensjahr verbringt sie bernebelt durch Tabletten.
Die generierten Bilder sind für den Leser heftig. Auch einzelne Sätze beeindrucken und machen fassungslos: „Ich wurde so ein bisschen wie unsere Waschmaschine. Ganz viele Programme, alle laufen automatisch ab.“
Das muss man aushalten können. Trotzdem konnte ich nicht aufhören zu lesen. Die Nüchternheit mit der die Geschichte erzählt wird, trägt dazu bei. Man hofft stets, dass die Raserei auf den Abgrund gestoppt wird. Dass die verzweifelte Suche nach Liebe erfüllt wird.
Und dass es ein Happy End geben wird.

Ferdinand von Schirach: Strafe

Klappentext:
Was ist Wahrheit? Was ist Wirklichkeit? Wie wurden wir, wer wir sind?
Ferdinand von Schirach beschreibt in seinem neuen Buch „Strafe“ zwölf Schicksale. Wie schon in den beiden Bänden „Verbrechen“ und „Schuld“ zeigt er, wie schwer es ist, einem Menschen gerecht zu werden und wie voreilig unsere Begriffe von „gut“ und „böse“ oft sind.
Ferdinand von Schirach verurteilt nie. In ruhiger, distanzierter Gelassenheit und zugleich voller Empathie erzählt er von Einsamkeit und Fremdheit, von dem Streben nach Glück und dem Scheitern. Seine Geschichten sind Erzählungen über uns selbst.
 

Beim Öffnen des Buches fiel mir gleich die Schriftgröße auf. Auch ein Leser mit wenig Sehkraft wird diese Geschichten, Dank der großen Schrift, lesen können. Durch die Schriftgröße und den vielen eingeschobenen Absätze erhielt ich schnell den Eindruck, dass dieses Buch mit seinen wenigen 189 Seiten künstlich gestreckt wurde. Soll vermieden werden, dass dem Leser sehr schnell auffällt, dass für den Kaufpreis von 18€ recht wenig Inhalt geliefert wird? Diese Frage beantworte ich mit ja.
Die Geschichten habe ich in einer Nacht weg gelesen. Ich mag den Schreibstil. Die Erzählperspektive und die kurz gehaltenen Sätze. Doch mehr auch nicht. Nachdem ich „Schuld“ und „Verbrechen“ gelesen hatte, war ich bereits von den Romanen enttäuscht. Nun las ich die erste Geschichte und dachte, nachdem ich sie gelesen hatte: Das war es nun? Ich hielt diese für einen Ausrutscher in dem Buch und begann die nächste. Das Ergebnis änderte sich nicht. Das Buch wurde von mir nur deshalb in einer Nacht gelesen, weil ich die Hoffnung hatte, gleich kommt eine Geschichte, die so gut ist, wie in den anderen Büchern. Diese Hoffnung wurde enttäuscht. In den Geschichten wird viel über Einsamkeit geschrieben und es geschieht auch der eine oder andere Mord. Darüber wird mit einer Nonchalance geschrieben, die mich ein wenig an Ingrid Noll erinnert. Insgesamt wirken die Geschichten, insbesondere „Tennis“ als unausgegoren, lieblos und nicht ausgereift.
Ich kann mich einfach des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Geschichten nur veröffentlicht worden, um etwas zu veröffentlichen. Wäre ein anderer Schrifttyp verwendet worden, würde dieses Buch keine 150 Seiten umfassen. In Zusammenhang mit dem o.g. Preis eine Unverschämtheit.

Stefan Krücken: Unverkäuflich

Klappentext:
Bobby Dekeyser ist fünfzehn, als er im Unterricht aufsteht und beschließt, Fußballprofi zu werden. Vier Jahre später steht er im Tor des FC Bayern München. Nachdem ihn ein Gegenspieler schwer verletzt, beginnt ein spektakuläres Abenteuer: Von einem Bauernhof in Niedersachsen aus schafft es Dekeyser, Vater von drei Kindern, ein Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitern zu erschaffen. Mit Verantwortungsbewusstsein, sozialem Engagement und gegen so ziemlich jede Regel, die es in der Welt der Wirtschaft gibt.UNVERKÄUFLICH! soll ein Handbuch der Inspiration sein. Ein Mutmacher, ein intimer Blick in die Seele eines Unternehmers. Es zeigt einen Weg zum Erfolg, der sich nicht an klassischer Schulbildung, steifer Karriereplanung und am Recht des härtesten Ellbogens orientiert. Dekeyser berichtet auch von der dunklen Seite der Verantwortung, von Einsamkeit und Zweifeln. Und von der Verzweiflung nach dem tragischen Tod seiner Frau. Vor allem aber von seinem Willen, trotz Schlägen des Schicksals niemals aufzugeben. Von Familiensinn, von Freundschaft und vor allem: einem grenzenlosen Optimismus. ANKERHERZ – Das Leben ist spannend.
Auf der Rückseite wird das Buche als ein „Handbuch der Inspirationen“ beschrieben.
Es entstand über einem Zeitraum von zweieinhalb Jahren. So liest es sich leider auch: Als eine Aneinanderreihung von Gesprächen, die in Kapitel unterteilt sind und dabei nicht flüssig geschrieben sind. Die an sich spannende Lebensgeschichte des Bobby Dekeyser wird ungelenk beschrieben. Der Enthusiasmus mit dem er seine Fußballkarriere und später sein Unternehmen aufbaute, wird glaubhaft transportiert. Die bisweilen eingeflochtenen „Weisheiten“ stören bisweilen. Die Anekdoten aus seinem Leben (Rikscha in New York) amüsieren, die Botschaften wie „Hinfallen und wieder aufstehen“ überzeugen anhand seiner Lebensgeschichte.
Diese Lebens- und Unternehmensgeschichte ist sicherlich einmalig und mehr als interessant. Weniger interessant ist, wie die Geschichte geschrieben wurde. Es ist schade, dass ein Buch, welches über einen solch langen Zeitraum entstand, so schlecht geschrieben ist. Teilweise sogar langweilig. Ich unterstelle Stefan Krücken, dass er ein guter Reporter ist, allerdings ein schlechter Buchautor.
Seine Zeitungsartikel und auch das Schlusswort sind gelungen. Ca. 8 Bücher schrieb er, das bekannteste vermutlich über „Kaptain Schwandt“. Auch hier wurde der Fehler begannen, dass aus einer guten Ausgangssituation ein enttäuschendes Buch entstand. Doch zurück zu „Unverkäuflich“. Wer ein Buch lesen möchte, in dem man zwischendurch immer einige Zeilen lesen möchte, ohne nach Wochen der Pause den Anschluss zu verlieren, ist hier gut bedient. Wer ein Buch in den Händen halten möchte, welches auf schönem Papier gedruckt wurde und welches sich daher  gut anfühlt, ist hier ebenfalls gut bedient. Wer die schönen Fotos geniessen kann, ist mit diesem Buch ebenfalls gut bedient.
Wer nachlesen möchte, wie aus einer interessanten Lebensgeschichte ein wirklich langweiliges Buch entstand, der ist mutig.

 

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

Klappentext:
Ist das normal? Zwischen Hunderten von körperlich und geistig Behinderten als jüngster Sohn des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie aufzuwachsen? Der junge Held in Joachim Meyerhoffs zweitem Roman kennt es nicht anders – und mag es sogar sehr. Sein Vater leitet eine Anstalt mit über 1.200 Patienten, verschwindet zu Hause aber in seinem Lesesessel. Seine Mutter organisiert den Alltag, hadert aber mit ihrer Rolle. Seine Brüder widmen sich hingebungsvoll ihren Hobbys, haben für ihn aber nur Häme übrig. Und er selbst tut sich schwer mit den Buchstaben und wird immer wieder von diesem großen Zorn gepackt. Glücklich ist er, wenn er auf den Schultern eines glockenschwingenden, riesenhaften Insas­sen übers Anstalts­gelände reitet. Joachim Meyerhoff erzählt liebevoll und komisch von einer außergewöhnlichen Familie an einem außergewöhnlichen Ort, die aneinander hängt, aber auseinandergerissen wird. Und von einem Vater, der in der Theorie glänzt, in der Praxis aber stets versagt. Wer schafft es sonst, den Vorsatz zum 40. Geburtstag, sich mehr zu bewegen, gleich mit einer Bänderdehnung zu bezahlen und die teuren Laufschuhe nie wieder anzuziehen? Oder bei Flaute mit dem Segelboot in Seenot zu geraten und vorher noch den Sohn über Bord zu werfen? Am Ende ist es aber wieder der Tod, der den Glutkern dieses Romans bildet, der Verlust, der nicht wieder gutzumachen ist, die Sehnsucht, die bleibt – und die Erinnerung, die zum Glück unfassbar pralle, lebendige und komische Geschich­ten produziert.
Das Buch fand ich eher zufällig und dachte mir: Auf dem Psychiatriegelände aufzuwachsen und darüber zu schreiben kann im Ergebnis nur ein gutes Buch werden.
Erst dann las ich ein wenig über den Autor nach und erfuhr, dass er Schauspieler, Regisseur, und Autor ist.
Als Schauspieler spielte er erfolgreich sein Programm: Alle Toten fliegen hoch ( in 6 Teile unterteilt). Hier wird seine eigene Geschichte bzw. die Geschichte seiner Eltern und Großeltern erzählt. Aus dem Programm entstand der (preisgekrönte) Roman „Amerika“ als Band 1 der Romanserie:
Band 1: Amerika
Band 2: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie wieder war
Band 3: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Band 4: Die Zweisamkeit der Einzelgänger
Mich zog das Buch von der ersten Seite in den Bann und ich schämte mich fast darüber, dass ich eine so geringe Erwartungshaltung hatte, sondern das Buch nur auf den „Wohnort“ des Ich-Erzählers reduzieren wollte.
Ganz schnell ist es während der Besprechung geschehen, dass ich eine mehrseitige Inhaltsangabe schrieb. Ja, wie ein Schüler, der einen Aufsatz schreibt.
Beschreibe ich das Buch, müsste ich eigentlich eine Zusammenfassung des gesamten Buches schreiben. Eigentlich….. Die Erlebnisse, die Beschreibungen: Sie sind anrührend, teilweise witzig, nie beleidigend, sehr lebendig, amüsant, liebevoll.
Dieses liebevoll möchte ich an einer Szene festmachen: Der Ich-Erzähler geht gerne mit seinem Vater an den Strand. Wenn es heimgehen soll, schlägt er dem Vater immer noch vor: „Noch einen Bauchnabel voll bleiben“. Der Vater stimmt dem zu und widmet sich wieder seinem Buch. Sohnemann geht ans Meer, füllt seine Hände mit Wasser und kippt sie dem Vater in den Bauchnabel. Wenn das Wasser verdunstet ist, geht es heim.
Dementsprechend groß ist seine Angst, als sein Vater plötzlich von Plänen erzählt, um abzunehmen: Was geschieht dann mit dem Bauchnabel? Wird dieser kleiner? Verkürzt es zukünftig die Badezeit?
Auf den ersten Blick ein sehr heiteres Buch, aber nicht nur. Es ist tragisch, es ist komisch, es ist traurig. Denn auch vor dem Tod wird in dem Buch nicht halt gemacht.
In„Wann wird es endlich wieder so, wie es niemals war“ wird nicht chronologisch erzählt. Es ist ein Buch über eine Kindheit, die voller toller und komischer Geschichten steckt. Nicht nur durch das Aufwachsen neben einer Kinder- und Jugendpsychiatrie wird plastisch dargestellt, auch die Hauptfigur in dem Buch, der Vater. Ein Vater, der eine Anstalt leitet, im Leben aber herrlich versagt. Auf dem ersten Joggingversuch nach seinem 40. Geburtstag verletzt er sich mit einem Bänderriss. Oder schafft es bei Windstille in Seenot zu geraten und währenddessen versehentlich seinen Sohn von Bord zu schlagen. Oder lädt an seinen Geburtstag nur Patienten zu sich ein. Nie geht er unter Leute, arbeitet oder ist daheim. Während der „Daheim Zeit“ sitzt er in seinem Sessel und liest und liest. Es gibt nichts, was er sich nicht erlesen hat. Macht sein Sohn eine Reise, so hielt er sich durch seine gelesenen Bücher dort bereits auf.
Der größte Teil des Buches ist von diesen lustigen, drolligen Geschichten geprägt. Man lacht mit, amüsiert sich und denkt manchmal, dass es in dieser Form nicht geschehen sein kann. Wie kann es sein, dass der Erzähler am besten bei dem aus der Anstalt herüberwehendem Gebrüll einschlafen kann?
Es wird auch über ernste Momente geschrieben. Der Tod kommt ins Spiel, der Erzähler wird älter, und die Familie entwickelt sich in eine Richtung, die man vorher nicht erwartet hat.
Mir kam das ein wenig zu plötzlich, da ich weiter auf heitere, wenn auch manchmal nachdenkliche, Erzählmomente eingestellt war. Aber Eltern und somit auch sein von Lebensfreude und Übergewicht geprägter Vater werden älter. Und krank.Dem Buch tut es keinen Abbruch, beschreibt er den Tod des Vaters ernst, betroffen, ehrlich und liebevoll zugleich.
Ist es eine Hommage an den Vater? Ein „liebevolles“ Vaterbuch? Oder doch nur ein erinnern?
Wurde wirklich alles so erlebt oder doch ein wenig erdichtet? Man darf nicht vergessen: Joachim Meyerhoff ist Schauspieler, führt eigene Programme auf und er scheint ein kleiner Selbstdarsteller zu sein.
Mir ist es egal, denn das Buch hat mich über viele Stunden gut unterhalten.