Kolumne: Zivilcourage

Gestern las ich in einem älteren Text von mir das Wort „Zivilcourage“. Seitdem gehen mir zu dem Begriff einige Gedanken durch den Kopf.
Wie definiert man ihn konkret? Wo beginnt Zivilcourage im Alltag, wo endet sie?
Ein fiktives Beispiel (und vermutlich zur Zeit von vielen Menschen häufiger erlebt) ist die folgende Situation: In einem öffentlichen Verkehrsmittel beschimpft ein Fahrgast einen anderen Fahrgast aufgrund seiner Hautfarbe. Bezeichnet ihn als Neger, Asylant oder mit ähnlichen Ausdrücken.
Wenn ich eingreife, den schimpfenden Fahrgast zurechtweise: Ist das bereits Zivilcourage oder einfach ein Akt der Höflichkeit sich vor den Fahrgast mit dunkler Hautfarbe zu stellen? Es ist Zivilcourage.
Ich erlebe einen Streit zwischen einem Pärchen. Der Mann droht der Frau gegenüber handgreiflich zu werden. Ich würde einschreiten. Ist das Zivilcourage, oder? Für mich ist es das.
Oder beginnt sie erst, wenn man Mandatsträger aus der Politik wegen Volksverhetzung anzeigt. Wohlwissend, dass durch eine Anzeige die persönlichen Daten bekannt werden und Repressalien zu befürchten sind? Wo beginnt sie im Kleinen, wo beginnt sie im Großen? Können und sollen wir Unterschiede machen? Steht uns das überhaupt zu? Für mich beginnt sie dort, wo ich einschreite. Durch Worte und/oder Handlungen.
Warum sind wir oder andere trotzdem still und setzen uns/sich in einer Situation, die Mut erfordert, nicht ein? Warum gehen wir weiter, wenn ein bewusstloser Mensch auf dem Weg liegt und vermuten gleich, es wäre ein betrunkener Mensch. Gar obdachlos, der nur seinen Rausch ausschläft. Ein Anruf könnte hier vielleicht Leben oder die Gesundheit retten. Nicht zu selten fallen Diabetiker ins Zuckerkoma und wirken dabei betrunken. Warum denken wir nicht so weit? Warum akzeptieren wir Pöbeleien, Sprüche in der Art „Das darf doch noch gesagt werden.“, Zivilcourage bei anderen und fordern sie nicht von uns?
Die Antwortmöglichkeiten können vielfältig sein.
Aus Angst, aus Angst vor den Folgen. Angst um die eigene körperliche Versehrtheit. Dazu ist es viel leichter zu verdrängen statt zu handeln. „Das geht mich nichts an“ ist leicht gesagt und erfordert kein einmischen. In dem Moment, indem ich hinschaue, zwinge ich mich zum Handeln. Ich setze mich mit der Situation und eventuellen Folgen auseinander. Das kann nicht jeder. Viel bequemer ist es nichts zu machen und zu verdrängen. Vor vielen Jahren gab es einen Zwischenfall in der Düsseldorfer Altstadt. Ein Betrunkener pöbelte einen Obdachlosen Mann im Rollstuhl an. Ich ging dazwischen und bekam im wahrsten Sinne des Wortes eins auf die Nase. Ich hatte gar nicht nachgedacht, sondern bin eingeschritten. Das Hände zittern kommt danach. Ich kann einfach nicht anders. Nehme ich eine Situation wahr, in der gehandelt werden muss, handele ich. Ja, das kann bereits bei rassistischen Äußerungen im Bus oder an anderen Orten beginnen. Oben erwähnte ich die Angst. Angst bewerte ich nicht. Die Angst angegriffen oder verletzt zu werden ist menschlich. Und niemand muss sich aus falsch eingeschätztem Mut in Gefahr bringen. Insbesondere bei gewalttätigen Situationen. Hilfe kann telefonisch herbeigerufen werden. Auch das ist handeln. Ebenfalls können in einer größeren Menschenmenge Menschen gezielt angesprochen werden. Die Erfahrung zeigt, dass auf eine konkrete Ansprache reagiert wird und die Last alleine zu handeln geteilt werden kann.
Scham kann auch ein Grund sein, weg zu schauen und nichts zu tun. Stattdessen vorbei zu laufen. Die Scham kann entstehen, wenn man das Gefühl bekommt durch die eigene Aktion plötzlich beachtet zu werden. Beobachtet zu werden, ob alles richtig gemacht wird? Etwas Falsches gesagt wird? Oder man aufgrund einer falsch eingeschätzten Situation eingreift und ein solches nicht nötig gewesen wäre. Ja, das kann passieren. Doch lieber einmal zu viel reagieren als einmal zu wenig? Nichtstun verurteile ich. Ebenso die Situation zu filmen oder zu fotografieren.
Weghören, weg sehen kann ich für mich nicht akzeptieren.
Wie denkt Ihr darüber?

Foto: Pixabay.com, Alexas_Fotos

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