Kolume: Das Reservezimmer

„Kann ich in Ihrem Hotel noch eine Nacht anhängen? Hätten Sie noch ein Zimmer frei?“
„Nein, wir sind ausgebucht. Ich kann Ihnen aber das Reservezimmer anbieten.“
„Reservezimmer? Ist das so etwas wie ein altes Dienstbotenzimmer unter dem Dach und nur über eine kleine Holztreppe zu erreichen?“
„Nein!“ und lacht. „Es ist das Zimmer ohne Badezimmer. Es würde ein eigenes für Sie geben, nur kurz über den Flur rüber. Vielleicht zwei Meter von dem Zimmer entfernt.“
„Es ist ein Einzelzimmer?“ hakte ich sicherheitshalber nach.
„Ja, das ist es.“

So buchte ich es, um noch einen Tag länger am Bodensee bleiben zu können. Das Einzelzimmer mit dem Badezimmer zur Alleinnutzung über den Flur.
Nach dem Frühstück zog ich also für die letzte Nacht ein paar Meter weiter auf der gleichen Etage um. In das sogenannte Einzelzimmer. Mit meiner Reisetasche in der Hand öffnete ich die Tür und wich zurück, da ich keinen Schritt weiterkam. Im Raum befanden sich zwei Einzelbetten. Ein Einzelbett und eine Gästeliege. Der Gang zwischen den beiden war zu klein, um dort die Reisetasche abzustellen. Rechts vor den Betten befand sich ein kleiner Kleiderschrank, auch dort fand sie keinen Platz. Ebenfalls nicht auf dem kleinen Sideboard links. Ich stellte sie auf die Gästeliege. Unter dem Fenster geradeaus stand ein Nierentisch, links davon befand sich an der Wand ein kleines Waschbecken. In der Beschreibung mag sich das Zimmer als groß darstellen, dem war es aber nicht. Egal, wie man sich bewegte, man stieß immer irgendwo an. Um an das Fenster zu gelangen, musste ich quer zwischen den Betten entlanglaufen. Ein Ventilator befand sich ebenfalls in dem Zimmer. Leider gab es keine Steckdose dazu.
Ein Stuhl war nirgends zu sehen. Was nutzt ein kleiner Nierentisch aus den 50er Jahren, wenn man dort nicht sitzen kann? Notizen und Postkarten schrieb ich, indem ich mich auf das Bett legte. Der Fernseher passte sich dem Raum an. Er war winzig und verfügte über fünf Kanäle. ZDF war nicht dabei.
Diese Rumpelkammer war der ideale Ort, um Platzangst hervorzurufen. Wenn man bereits darunter litt, war dieses Zimmer ideal, um mit einer Konfrontationstherapie zu starten.
Die nächste Herausforderung bestand darin, wie eine kleine Lampe in die Nähe des Bettes zu bekommen, um darin zur Nacht noch etwas zu lesen?
Der Rumpelkammerumbau fand statt. Der Nierentisch wurde neben das Bett gestellt, mit dem Ergebnis, dass sich die Eingangstür nicht mehr öffnen ließ. Anschließend holte ich die Lampe vom kleinen Sideboard. Um den Stecker zu entfernen, musste ich das Board abrücken. O là là. Neben den obligatorischen dutzenden toten Lichtmotten befanden sich mehrere Socken und viele Wollmäuse hinter dem Sideboard. Einzelne Socken, die doch jemand vermissen würde? Nun weiß ich, dass nicht nur Waschmaschinen Socken fressen, verstecken oder vernichten.
Nachts musste ich das Bad aufsuchen und meinen Umbau wieder zurück bauen, um zur Tür zu gelangen. Das Bad war O.K., doch nicht mit Größe gesegnet. Saß man auf der Toilette musste man währenddessen die Füße in die Dusche stellen.
Reservezimmer, oder Abzockzimmer? 

Foto: pixabay.com

„Read what I see:“ Eine Bootsfahrt, die ist …..

Das Geräusch von kratzender Kreide auf einer Tafel ist eines der gemeinsten Geräusche, die ich kenne. Es gibt ein Geräusch, welches nicht gemein ist, mich aber unendlich nervt: Das Gekreische von Metallstühlen, welche auf Bootdecks hin und her geschoben werden. Ratsch, ratsch. Auf Decks von Ausflugsbooten. Es sind diese Art von Stühlen, die auf der Sitzfläche drei Verstrebungen und an der Rücklehne zwei Verstrebungen haben. Alternativ fünf kleine auf der Sitzfläche und drei auf der Rückenfläche. Könnten meine Ohren sprechen, so würden sie laut brüllen. „Hebt die Stühle an und schiebt sie nicht einfach hin und her!“ Doch wie könnte es man den bequemen Ausflüglern erklären? Da wäre das verhaltensauffällige Kind mit den bildungsfernen Eltern. Die würden es doch gar nicht verstehen. Oder verstehen wollen. Die zittrige, kleine Oma, die mit ihrer nicht weniger zittrigen männlichen Begleitung alle zwei, drei Minuten mit unsicheren, sehr kleinen, Schritten zur Reling geht, auf den Horizont schaut, um dann wieder langsam zu ihren Tisch zu gehen und mindestens eine Minute ihren Stuhl in Position schiebt, sich dann so hinein plumpsen lässt, dass sie mit ihm weg rutscht und ihn erneut zu schieben beginnt. Ratsch, ratsch. Sie verfügt wirklich über eine kleine Statur, trägt eine weiße lange Hose, darüber ein rosafarbenes Rüschentop. Von hinten sieht man ihre fleischfarbene Miederhose aus dem Hosenbund herausragen. Jemand sollte sie darauf aufmerksam machen.
Ratsch, ratsch, ratsch, ratsch. Die Stühle werden erneut geschubst, geschoben und sich ein Plätzchen eingerichtet. Je nachdem wie schwer die Gäste sind knattern dies Stühle zusätzlich kräftig.
Ein Pärchen setzt sich hin und ruft sofort nach der Bedienung. „Ein großes Weizen und einen Aperol.“ Er trägt eine kurze Jeanshose, rotes Achselshirt, die seine Tattoos auf den Armen zeigen, Flips Flops und eine schmale Sonnenbrille. Das Gesicht ist unrasiert. Eine Lederkette mit Kreuz ziert den breiten Hals, im linken Ohr blinkt ein Ohrring. Sie trägt ebenfalls eine kurze Jeanshose, ein rosafarbenes Top und Flip Flops. Als sie aufsteht schmatzen diese auf dem Boden des Decks. Ihre in der Armbeuge getragene Handtasche blinkt durch die Anzahl der angebrachten Strasssteine. Diese sind auch an ihrer Sonnenbrille reichlich vertreten. Sie kommt mit einem großen Weizenbier zurück, verschüttet beim Laufen die Hälfte auf dem Boden. Als sie mit ihren Flip Flops dort hinein tritt, verwandelt sich das schmatzende Geräusch in ein „gleich lege ich mich lang“ Geräusch. Leichte Schadenfreude macht sich in mir breit, die nicht erfüllt wird.
An der nächsten Anlegestelle kommen weitere Ausflügler an Bord. Die nächsten Minuten sind gefüllt mit Stimmengewirr und Fragen wie: „Wo sollen wir uns hinsetzen?“ „Ist dieser Stuhl noch frei?“ „Maaaaamaaaa, wo ist das Klo?“, währenddessen die Stühle von vorne nach hinten und zur Seite gerückt werden. Die damit einhergehende Geräuschkulisse sprengt fast meine ohrale Toleranzgrenze. Ratsch, ratsch höre ich im Akkord. Um mich abzulenken beobachte die Gäste. Eine alte Frau mit Sonnenhut, der sich durch den Wind ständig von ihrem Kopf löst, zerschneidet hingebungsvoll zwei Äpfel in achtel mit denen sie ihren betagten Ehemann füttert. Als die Kellnerin sie nach ihrem Getränkewunsch fragt, wird diese mit herrischem Ton weggeschickt.
Links von ihnen sitzt eine Familie mit Kindern, wobei mir die Eltern auffallen. Er schaut ständig an sich herunter, spricht über seine nicht vorhandene Körperbräune und schiebt sein T-Shirt an den Oberarmen hoch, damit diese auch braun werden. Blöderweise rutschen diese immer wieder herunter. Er rollt sie wieder hoch. Das Spiel geht nun seit über zehn Minuten. Mir erschließt sich der Sinn der Aktion nicht, da der Rest der Arme bleich ist. Hofft er in einer Stunde Fahrt eine nahtlose Bräune an den Armen zu bekommen?
Rechts von ihm sitzt seine Frau. Die Haare sind wasserstoffblond gefärbt, das pinkfarbene T-Shirt legt sich eng an den Oberkörper. Mit einem Coffee to go Becher in der Hand ließ sie sich krachend in einen der Stühle fallen, der unter ihr, mit ihr ein Stück wegrutscht. Dadurch überhaupt auf sie aufmerksam geworden fallen mir besonders die Oberschenkel ins Blickfeld, die links und rechts am Stuhl herausquellen. Es fällt mir schwer vorzustellen, wie sie aus diesem unbeschadet aufstehen wird. Auch sie trägt eine Sonnenbrille, die mit vielen Strasssteinen besetzt ist. Um ihren kräftigen Hals, den man nur von hinten betrachten kann, denn vorne ist er vom Doppelkinn überlagert, trägt sei eine dicke Perlenkette. Ob es sich um künstliche oder echte Perlen handelt mag ich nicht beurteilen, Ihre pink lackierten Fußnägel beißen sich farblich mit dem pink ihres T-Shirts.
Das verhaltensauffällige Kind mit der Stimme von Chucky, der Mörderpuppe, ist verschwunden oder zumindest schweigsam. Allgemein befinden sich sehr wenige Kinder auf dem Schiff. Ein etwa dreijähriger Junge verfüttert seine Chicken Nuggets an die Enten im See, die es dort gar nicht gibt. Erst als das letzte Nugget über Bord geworfen wurde bemerken die Eltern, dass der Teller ihres Sohnes zwar leer, er aber nicht satt geworden ist. Sein Geschrei verdeutlicht es.

Mein Ziel ist erreicht und ich stehe auf. Ebenso die alte Dame mit Hut, die zuvor noch ihre Äpfel klein geschnitten hatte. Die Abfälle dreht sie in ein kleines Stück Zeitungspapier ein, welches sie dann zwischen zwei Streben am Stuhl quetscht.

Beim Verlassen des Schiffes bemerke ich erneut, dass manche männliche Angestellte Allüren an den Tag legen und sich für die schönsten weit und breit halten. Oder zumindest wie Sascha Hehn als Steward auf dem Traumschiff fühlen, Dabei reicht es bei den eitlen Gockeln noch nicht einmal zur abgehalferten Version.

Kolumne: Manisch-Depressiv: Ich bin meiner Erkrankung (inzwischen) dankbar Teil 2

Dieser Meinung war er auch und überwies mich an eine Psychiaterin.
An dem besagten ersten Arbeitstag telefonierte ich mit einer Freundin zu der ich fuhr. Sie telefonierte mit dem Hausarzt, er mit der Psychiaterin.  Am nächsten Morgen ging ich zu ihr hin und sie gab mir eine Einweisung für die Psychiatrie.
Sehr gut kann ich mich daran erinnern, wie ich die Psychiatrie stundenlang zu Fuß suchte, endlich fand und in irgendeinem Zimmer ein Gespräch hatte. Ein langes Gespräch. An die gestellten Fragen kann ich mich nicht erinnern. Nur an die Aussage, dass ich bitte aufhören solle zu sagen: „Das ist normal; da muss ich durch,“ wenn es um schlimmer Erlebnisse ging.
Irgendwann wurde mir angeboten die Station anschauen. Wie unbedarft war ich. Durch die Aussagen meiner Freundin dachte ich, ich komme in eine Art Kurklinik. Denkste: Die Tür der Station ging zu und ich konnte sie nicht mehr von innen öffnen Dazu waren die Fenster vergittert. Da dämmerte es mir: Ich bin in der Klapse!
Trotzdem behielt ich meine große Klappe: Meinte noch: „Danke für´s zeigen, aber in ein 3-Bett Zimmer gehe ich nicht, außerdem muss ich zur Arbeit und ich würde ich ein paar Tagen wiederkommen.“ Dieser lange, große Pfleger machte mir daraufhin sehr lange klar, dass es nicht mehr gehen würde. Letztendlich durfte ich in Begleitung kurz nach Hause, Koffer packen und von daheim eine Email an den Arbeitgeber schicken.
Knappe 2 Monate hielt ich mich dort auf. Die Diagnose wurde gestellt und rückwirkend ist mir die sehr gute Betreuung bewusst. Täglich gab es mehrere Gespräche mit der Psychologin und mit dem klinischen Direktor: Irgendwie war ich für sie spannend. Im ersten Moment war mir die Diagnose egal. Ich erkannte die Dimension dahinter noch nicht. Mir ging es ausschließlich darum den Suizid verhindern zu lassen. Heute weiss ich, dass er ein Symptom der schweren Depression war und kein Dauergedanke. Damals wollte ich nur gezwungen werden weiterzuleben. Später begriff ich, was die Diagnose bedeutet, welche Einschränkungen sie für mein weiteres Leben bedeutet und ich büchste aus, um den letzten Schritt zu machen. Ich fand mich auf der geschlossenen Station wieder und kämpfte mit mir. Es war die Hölle, denn nun wollte ich nicht mehr dort bleiben. Irgendwann akzeptierte ich es und nach den knapp zwei Monaten war ich über den Aufenthalt froh. Ansonsten wäre irgendwann im Januar 2005 von mir der Plan umgesetzt worden. Heute für mich unvorstellbar, dass ich jemals so gedacht und geplant hatte.
Natürlich war der Aufenthalt nicht immer angenehm. Der Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik mit Akutaufnahme kann nicht angenehm sein. Es gab einige fixierte, viele schreiende Menschen. Oder einen Sexualstraftäter, der mich immer angrabschte und gegen den ich nichts machen konnte. „Auch er ist auch krank“ musste ich mir sagen lassen. Privatsphäre war nicht vorhanden, die sanitären Zustände schlimm. An eine Situation kann ich mich noch gut erinnern: Eine junge Frau, mit Baskenmütze bekleidet, befragte den ganzen Tag und die ganze Nacht auf der Station Patienten. Ständig trug sie Notizen in ihr Klemmbrett ein. Einmal schaute sie mich an und meinte nur: „Fett kann man auch absaugen“. Ich weiß noch, wie ich in schallendes Gelächter ausbrach und mich nicht mehr so krank fühlte. Während ich auf das Medikament (Valproinsäure) eingestellt wurde, nahm ich 17kg zu. Zusätzlich zu meinem üblichen Übergewicht war das eine Menge.
Später erfuhr ich, dass sie Medizinstudentin war, eine manische Phase hatte und mit einem Medikament zwangsbehandelt wurde. Meiner kleinen Schwester erzählte ich von der Diagnose und wo ich mich befand. Ihre Telefonate drangen zu mir durch. Später besuchte mich mein Vater (der gute 500km entfernt wohnt) mit meiner Mutter. Das rechne ich ihm noch heute hoch an. Seine Unsicherheit konnte ich daran erkennen, dass er sich hinter seiner BILD Zeitung versteckte. Ist ja auch nicht leicht, wenn sich die eigene Tochter umbringen will und er davon durch meine Freundin erfährt.
Wir haben nie wirklich im Detail darüber gesprochen. Doch habe ich das Gefühl, dass er ein Gespür dafür bekommen hat, auch wenn nicht viele Worte darüber verloren werden. Natürlich über die inzwischen vorhandene Erwerbsunfähigkeit, aber nicht über die Erkrankung an sich.
Meine Mutter ist da ganz anders: Noch heute erwähnt sie, wie schlimm ich damals ausgeschaut habe. Hallo: Ich stand unter Tavor, wurde auf Valproinsäure eingestellt und wurde vor mir selber geschützt. Sie kann die Diagnose nicht verstehen: „Stelle Dich nicht so an“ sind gerne verwendete Sätze.
Dem Klinikaufenthalt schloss sich eine Rückfallprophylaxetherapie an. Was war ich ein schwieriger Fall! Als ich zum ersten Termin erschien drückte mein Körper folgendes aus: Hier bin ich, mache mich wieder heile, ich will wieder die alte sein. Und komme mir auch bloß nicht  mit der Aussage, ich soll beruflich kürzer treten. Mit 40 Stunden in der Woche lasse ich mich nicht abspeisen.
In der Rückfallprophylaxe geht es darum zu lernen, Anzeichen zu erkennen, bewusster zu leben um Rückfälle zu vermeiden. Um Manien vorzubeugen bedeutet es unter anderem konkret

  • Einen geregelten Schlafrhythmus zu haben (Schlafmangel führt gerne zu Manien)
  • Langstreckenflüge zu vermeiden
  • Flackernde Lichter (wie in Diskotheken)

Es geht darum, was kann ich machen, um die Arbeitskraft zu erhalten?
Für mich bedeutete es, irgendwann akzeptieren zu müssen, dass ich nicht über 40 Stunden arbeiten sollte, was im Vertrieb sehr schlecht machbar ist. In den Folgejahren war ich zwar vor Manien gefeit, allerdings nicht vor Depressionen. Inzwischen kann ich gut erkennen, wenn ich mich in einer leichten oder mittelschweren Depression befinde und kann aufpassen, dass es zu keiner Verschlimmerung kommt.
Nein, ich muss mich korrigieren. Im Jahr 2014 erwischte mich die schlimmste Depression seit 2004. Ihr war ein sehr anstrengendes Jahr voraus gegangen und so sehr ich auch aufpasste, es erwischte mich schier über Nacht.
Soll ich froh sein, dass ich fast 10 Jahre davor gefeit war? Gefeit vor dieser Schwere? Ja, heute sehe ich es so. In der Phase war ich, wenn ich überhaupt über ein Gefühl verfügte, wütend darüber, dass ich erkrankte. Wütend über das letzte (nicht das aktuelle) Mietverhältnis, in dem auch mit Psychoterror seitens des Vermieters agiert wurde. Komischerweise funktionierte ich in dieser schlimmen Phase, um dann Monate später  zusammen zu klappen.
Solche Selbstvorwürfe mache ich mir dann. Statt mir zu sagen: Hey, schaue, was Du alles Positives geleistet hast.
Manchmal, aber auch nur manchmal, wünsche ich mir in unbedachten Momenten, eine klitzekleine Manie. Eine Hypomanie für wenige Stunden. Mich einfach wieder ein wenig überdreht und kraftvoll zu fühlen. Die Manie ist aber die Phase, die mich am meisten ängstigt. Bei mir schlägt sie besonders damit zu, dass ich überhaupt kein Gefühl für Gefahr habe oder mich bewusst und provokativ in diese begebe.
Mit Medikamenten ist sie schnell behoben. Sollte ich nicht einsichtig sein, würde ein kurzer Zwangsaufenthalt in der Psychiatrie folgen. Nach der medikamentösen Einstellung auch die Entlassung. Die medikamentöse Behandlung schlägt schneller an als bei einer Depression.
Wie kann ich nach diesen Zeilen schreiben, dass ich dieser Erkrankung inzwischen dankbar bin? Es gibt sicherlich Betroffene und Angehörige, die mir für diese Aussage den Kopf abreißen würden!
Ich bin ihr dankbar, weil ich mich von sehr vielen oberflächlichen Menschen getrennt habe.
Ein großer Bekanntenkreis ist mir nicht wichtig. Wichtig sind mir Freunde, die auch Freunde sind.
Durch den Befehl, die spätere Akzeptanz, dass ich nicht mehr als 40 Stunden die Woche arbeiten soll und kann, lernte ich, dass Arbeit nicht alles ist. Bis dahin identifizierte ich mich über Leistung und über Erfolg. Als das weg fiel, musste ich mich auf andere Dinge konzentrieren, bzw. diese suchen. So kam ich auf Reiki und werde dies auch wieder praktizieren, wenn ich eine neue Lehrerin gefunden habe.
Plötzlich hatte ich Freizeit, entdeckte neue Interessen, entdeckte mich. Entdeckte neue Ehrenämter. Sich mit sich selber auseinanderzusetzen kann anstrengend, mühsam, ermüdend sein. Aber auch produktiv.
Niemals hätte ich mich zuvor getraut zu schreiben. Ich muss mich korrigieren: Zu schreiben schon, aber nicht dies anderen zugänglich zu machen. Inzwischen weiß ich, dass ich damit Menschen erfreue.
Mein Umgang mit Menschen hat sich geändert. Ich lasse es zu emphatisch zu sein, lasse mich mehr auf zwischenmenschliche tiefe Bindungen ein.
Kurzum: Ich habe eine andere Lebensqualität erreicht. Lebe bewusster.
Seit 2012 Jahren beziehe ich eine Erwerbsunfähigkeitsrente, darf und kann noch einige Stunden  arbeiten.
Dies geht natürlich mit sehr starken finanziellen Einschränkungen einher. Meine ehemaligen guten Gehälter werde ich nicht mehr erreichen. Die angestrebte Rentenhöhe ist Schnee von gestern. Natürlich erschreckt mich der regelmäßige Gedanke daran. Es sind existentielle Gedanken. Ich habe bedeutend weniger Einkommen gegen eine andere Form von Lebensqualität eingetauscht. Eine Lebensqualität, in der ich nicht mehr so belastbar bin wie früher. Das bin ich wirklich nicht. Eine Lebensqualität, die mir in meiner persönlichen Entwicklung und im zwischenmenschlichen Bereich zu mehr positiven Beziehungen verholfen hat.
Was bleibt ist die Zerrissenheit:
Darf es mir denn schlecht gehen? Darf ich sagen, dass ich abschmiere, die Stimmung geht und die Depression kommt? Auch heute kommen die Antworten: „Du hast doch gelernt, damit umzugehen. Wie kann Dir dann das jetzt noch passieren?“
„Stelle Dich nicht so an. Reiße Dich zusammen.“ „Dir geht es doch gut, warum passiert jetzt was, hast doch keinen Grund“. (Bevorzugt von meiner Mutter)
Dann fühle ich mich schuldig und in Zugzwang. Denke, dass ich überzeugen muss. Überzeugen zu müssen, wo es eigentlich nichts zu überzeugen gibt. Ich bin manisch-depressiv und ich kann nichts dafür. Über die Ursachen ist zu wenig bekannt (am Ende der Kolumne gibt es einige abschließende Infos dazu). Ob es einen genetischen Grund gibt, einen biologischen Grund, oder wie von manchen  gar vermutet als Folge eines Missbrauches, ich muss die Ursache nicht mehr suchen. Ich bin betroffen und habe es akzeptiert.
Gelegentlich verunsichert es mich, dass ich die Ursachen warum ich ruhiger geworden bin nicht kenne. Es macht mich auch traurig Liegt es an der Rückfallprophylaxe, in der ich lernte ein „gemäßigteres“ Leben zu führen? Liegt es an meinem Alter? Wehwehchen, Einsicht und Reife lassen einen früher spontanen Schritt nun in aller Konsequenz vorab überdenken. Oder liegt es an den Medikamenten? Macht mich die Valproinsäure ruhiger? Macht sie mich reifer? Dämpft sie mich? Nimmt SIE mir ein Teil meiner Persönlichkeit weg? So empfinde ich es manchmal: Wo ist das übermütige, verrückte Huhn geblieben? Was an mir ist ICH, wer bin ich, was ist die Krankheit Was ist an mir echt? Der Zustand der Vergangenheit oder der jetzige Zustand?
Soll ich das Medikament über einen längeren Zeitraum absetzen, um diesen Fragen auf den Grund gehen zu können? Kann ich dieses Risiko eingehen? Ist es das wert?
Oder kann ich endlich akzeptieren, dass das Wissen um meine Manische Depressive Erkrankung und ihre Behandlung mir nicht nur eine andere Lebensqualität ermöglicht hat (und dafür bin ich dankbar), sondern auch einen Teil von mir genommen hat?
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In Gesprächen wurde mir gesagt, dass durchschnittlich 15 bis 30% der Bipolar Erkrankten Suizid begehen. Der Durchschnitt der Erkrankten ist ab einem Alter von 55 Jahren arbeitsunfähig. 10 bis 15% der Erkrankten erleben mehr als 10 Episoden in ihrem Leben. Auch ich habe diese bereits locker geschafft.
In Deutschland soll es ca. 2 Mio. Menschen geben, die eine Bipolare Störung haben. Mir persönlich erscheint diese Zahl zu hoch, doch kann ich es wirklich nicht einschätzen.
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Fakten:
Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störung e.V.
Postfach 800 130
21001 Hamburg
Dort oder über die Homepage kann auch ein Fragebogen zur Selbsteinschätzung angefordert werden.
www.dgbs.de
Hier werden u.a. Informationen für Betroffene und  Angehörige gut aufbereitet zur Verfügung gestellt. Sehr interessant ist auch der Bereich: DGBS und kreativ.
Ursachen:
Genetische Faktoren:
Vererbung: Bei einem betroffenen Elternteil wird eine Vererbungswahrscheinlichkeit von 10 bis 20% eingeschätzt
Biologische Faktoren:
Bei Patienten mit Bipolaren Störungen sind Veränderungen im Neurotransmitterhaushalt
festgestellt worden. Neurotransmitter = chemische Botenstoffe. Diese sind an der Weiterleitung von Nervenimpulsen beteiligt. Bei Depressiven fand sich zB ein Mangel an Noradrenalin und Serotonin.
Mittlerweile geht man davon aus, dass nicht einzelne Veränderungen der Neurotransmitter, sondern eine Störung des Gleichgewichts dieser ursächlich ist.
(Quelle: Homepage: www.dgbs.de)
Liz Obert:
Gerne möchte ich noch auf Fotografin Liz Obert und ihr Projekt „Dualities“ hinweisen. Ein Projekt, das mich berührt.
https://www.lizobert.com/
Liz Obert ist Fotografin und führte als manisch depressiv Erkrankte jahrelang ein verstecktes Leben. Wie ich, hat sie eine Bipolare Störung II, sprich die manischen Episoden überwiegen. Jahrelang ließ sie sich in der Öffentlichkeit nichts anmerken. Erst zu Hause, gab sie sich wie sie ist.
In ihrer Fotoserie „Dualities“ zeigt sie die Zerrissenheit dieser Menschen. Ein auch mir so bekannter Zustand. Sie macht zwei Bilder: Das erste Porträt zeigt die Menschen in ihrer kranken Phase, das zweite Bild, wie sie gerne in der Öffentlichkeit gesehen werden möchten. Versehen mit Notizen der Erkrankten.
Eine sehr ausdrucksvolle Fotoserie, die mich berührt.
(Quelle: brigitte.de und lizobert.com)

„Read what I see“: Sommermomente

Mit viel Glück hatte ich einen Platz auf der Terrasse unter einem Schirm ergattert. Es ist früh am Morgen, doch die Sonne brennt bereits unbarmherzig und heizt die Stadt in kürzester Zeit auf. Das warme Wetter beherrscht die Gesprächsthemen im Freundeskreis sowie in der Tagespresse. Vergessen werden die Tage im Juli, die meist weit unterhalb der 30 Grad Marke lagen. Wahrgenommen werden die aktuellen heißen Tage oberhalb dieser Grenze.
Mein Latte Macchiato schmeckt mir trotz der Hitze. Abwechselnd trinke ich einen Schluck davon, gefolgt von einem Schluck Eiswasser, während ich in einem Buch lese. Eine Wespe verirrt sich in meinem Latte und träge beobachte ich, wie sie sich aus dem Glas heraus hangelt, um im nächsten Moment wieder darin zu versinken. Mit dem Strohhalm könnte ich an ihr vorbei einen Schluck trinken. Doch befürchte ich sie ungewollt mit aufzusaugen und von ihr gestochen zu werden. Gerne verzichte ich auf diese Erfahrung.
Durch ein Gespräch lasse ich mich ablenken. Eine Frau unterhält sich mit ihrem Freund. Ihre schlanken Beine stecken in recht kurzen Hosen. Ihr scheint es sehr warm zu sein. Mit einem Fächer fächelt sie sich Luft zu, während ihr Freund ihr etwas Schweiß aus dem Gesicht wischt. Auch ihre Arme sind mit einem Schweißfilm bedeckt. Als sie aufsteht, höre ich erst ein schmatzendes und dann ein lautes Geräusch. Anscheinend haben auch ihre Beine geschwitzt, denn ihr Po und die Beine kleben beim Aufstehen am Stuhl fest, der mit lautem Gepolter zu Boden fällt. Es scheint, als schaut das ganze Café gerade in diesem Moment von Büchern, Zeitungen und aus Gesprächen auf. Auf ihren Po und auf ihre Beine, die tiefe Druckspuren des Stuhls auf sich tragen.
In meiner langen Leinenhose fühle ich mich recht luftig bekleidet und vor solch einem Malheur geschützt. Weiterlesen

„Read what I see“: Ein Tag am See

Der Tag am See begann mit dem üblichen Aufbau der Luftmatratze, dem verteilen des Buches auf dieser und der Suche nach der Sonnenbrille. Ihr Revier unter einem schattigen Baum auf der leeren Wiese war markiert.
Noch leerer Wiese.
Bereits auf dem Parkplatz wunderte sie sich über die Anzahl der geparkten Autos. Das Publikum verlief sich auf dem Gelände um den See, so dass frühmorgens alles noch recht ruhig war.
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Kolumne: Die Ladies mit ihren Rollatoren

 

Nichtsahnend bog ich bei mir mit dem Auto um die Ecke auf die Hauptstraße, um dann hart bremsend zu verhindern eine ältere Dame zu überfahren. In aller Seelenruhe ging sie mitten auf der Straße kerzengerade mit ihrem Rollator spazieren. Die Bürgersteige waren auf beiden Seiten breit und ohne Fußgänger, doch aus welchen Gründen auch immer bevorzugte sie die Straßenmitte. Mit einem Gruß rollte sie lächelnd an mir vorbei, die Porreestangen wackelten in ihrem Körbchen neben der Handtasche. Im Rückspiegel beobachtete ich sie, wie sie um die Ecke bog.
Einen Bürgersteig betrat sie nicht.
Am nächsten Tag saß ich in einem Café als mir fast das Herz vor Schreck stehen blieb. Eine sehr alte Dame überquerte mit ihrem Rollator die Hauptstraße. An für sich ein normaler und nicht gefährlicher Vorgang. Wenn sie etwas hätte sehen können. Bis weit über ihren Kopf war ihr Blick durch leere Kartons behindert. Diese stapelten sich auf ihrem Rollator. Sie konnte nichts mehr sehen und die Straße nur nach Gefühl überqueren. Ich stand auf, doch Passanten halfen ihr bereits, nahmen die Kartons in die Hand und gingen mit ihr sicher über die Straße und begleiteten sie den weiteren Weg.
Wenn ich höre, dass jemand einen Rollator bekommt, assoziiere ich damit Menschen, die nicht mehr so mobil sind. Die beiden Frauen haben mich eines Besseren belehrt. Sie gingen ihren Weg, als wäre ihr Weggefährte der beste Freund.

 

Foto: pixaby.com, moritz320

„Read what I see:“ K-Ä-W-I-N oder Im Freibad

Der Sonntagmorgen im Freibad begann leise und unaufgeregt. Die Schwimmer und Schwimmerinnen grüßten sich noch, wenn sie aus dem Schwimmerbecken stiegen oder man sich unter den Duschen begegnete.
Langsam füllte sich das Freibad mit Freizeitschwimmern, Sonnenanbetern und mit Kevin, Louis und Leo. Diese Jungen waren mir zuvor unbekannt, im Laufe des Tages kannte ich mindestens die lauten Rufe ihrer Mütter. Louis Mutter setzte sich so auf eine Holzbank, dass sie sich mit dem Rücken an ein Gitter anlehnen konnte und verharrte für mehrere Stunden in dieser Stellung. Sie platschte dort und bewegte sich keinen Zentimeter, schrie gerne herum. Benötigte sie ein Papiertaschentuch, so ging es folgendermaßen. „Louis“ wurde lauthals gebrüllt „hol´mir ein Tempo.“ Hörte Louis nicht sofort, so schrie sie seinen Namen einmal, zweimal oder auch dreimal. Je nachdem aus welcher Ecke des Freibads er kam und der Weg zu ihr dementsprechend lang war. Dann griff er in die Badetasche und reichte ihr das gewünschte. Den Namen des zweiten Jungen erfuhren die Badegäste nicht, da sie nie nach ihm rief. Durch ihr Geschrei wurde die Aufmerksamkeit vieler Badegäste auf sie gelenkt. Der eine nahm nur die schwarz lackierten Fußnägel wahr und fragte sich sicherlich, ob Louis ihr die auch hat lackieren müssen. Die Beine waren komplett mit dicken Krampfadern durchzogen, die Bräune kaschierte etwas die stark ausgeprägte Orangenhaut. Der Haarschnitt hatte bereits bessere Zeiten gesehen. Der Badeanzug ebenfalls. So saß und saß sie dort über Stunden. Wenn sie etwas benötigte, schrie sie nach Louis, der es ihr brachte. Als die beiden Jungs sie baten ein Eis kaufen zu dürfen, verneinte sie es. Nicht leise. Oh Mann, ihr schreien war schon ohrenbetäubend, doch ihre Kodderschnauze nicht weniger unangenehm anzuhören. Louis durfte eine Tüte mit Zwiebelringen aus einer Tasche holen. Die Durstmacher. So war es nicht verwunderlich, als die Jungs kurz darauf wiederkamen und um etwas zu trinken baten. Laut wurde es verneint und ich weiß nicht, wo sie ihren Durst stillen konnten. Als sie mit ihren beiden Jungs das Freibad verließ wurde es bedeutend ruhiger in der Ecke.
Bis Kevin kam. Ein kleiner, braun gebrannter Junge mit Hüftspeck über der Badehose. Im Alter von ca. 10 Jahren. Begleitet von einer Mutter, die in einem schwarzen Badekleid gekleidet war und deren dauergewelltes und blondiertes Haar vor zwanzig Jahren modern gewesen war. Der Vater trug ebenfalls schwarze Badekleidung und ähnelte seinem Sohn optisch sehr. Oder umgekehrt. Für mich war es eine Überraschung den Namen Kevin zu hören. Ich hatte wirklich gedacht, dass der Name unter den Kindern bis zehn Jahre ausgestorben wäre. Kevin nahm seine übergroße Wasserpistole, stellte sich auf die Kinderrutsche und machte sich ein Vergnügen daraus, kleine Kinder, die noch in Windeln herumliefen, ins Gesicht zu spritzen. Oder Kinder, die rutschen wollten, so lange zu bespritzen, bis sie weinend davonliefen. In wenigen Minuten wurde er der Herr über Rutsche und Sandkasten. Keine Kinder hielten sich dort mehr auf. Also bespritzte er größere Kinder, die sich hätten wehren können. Nun bemerkten auch seine Eltern, dass es für Kevin eng werden könnte.  „K-Ä-W-I-N“ schrie sein Vater. „Komm her.“ Das war Kevin egal. Er schaute seinen Vater an, der weiter an seiner Bierflasche nuckelte, und bewegte sich keinen Zentimeter. Als wüsste er, dass auch sein Vater sich nicht von der Stelle bewegen würde. Kevin ging zum Kinderschwimmbecken, füllte seine große Wasserpistole auf und nahm Jugendliche ins Visier. „K-Ä-Ä-Ä-W-I-N“ brachte schier mein Trommelfell zum Platzen. Nun brüllte auch die Mutter. Der Junge bewegte sich weiterhin nicht, seine Eltern ebenfalls nicht. Inzwischen sprachen Erwachsene Kevin an, doch er reagierte nur mit weiteren Stößen aus seiner Wasserpistole. Vermutlich konnte sich niemand der Anwesenden dafür entscheiden, ob sie den unerzogenen Kevin nervig fanden oder die brüllenden Eltern, die sich keinen Zentimeter von ihren Liegen bewegten, während sie die Bierflaschen leerten. Ich verpasste den Augenblick als jemand Kevin die Wasserpistole entzog. Nun gab es erneutes Gebrüll. Allerdings ohne Namensnennung. Kevin brüllte sich die Seele aus dem Leib. Irgendwann stand sein Vater auf und zog Kevin zu seiner Liege. Auf eine rabiate Art und Weise zeigte der Jungen sein Missfallen darüber, indem er seinen Vater ins Gemächt boxte. Nicht nur ich verkniff mir ein Lächeln. Wenige Minuten später wurde es still. Kevin mit Anhang hatte das Bad verlassen.
Entspannt saß ich auf meiner Liege, trank einen Kaffee, las in meinem Buch und beobachtete über die Sonnenbrille schielend den Bereich um das Kinderschwimmbecken. Auffällig viele Männer mit Brüsten kamen auf ihrem Rückweg vom Kiosk daran vorbei. Badehosen in verschiedensten Neonfarben passierten auf zwei Beinen den Weg am Becken und manch einer konnte es nicht abwarten sofort seine Pommes zu naschen. Mit der Bierflasche in der rechten Hand, der Schale mit Pommes in der linken, gestaltete es sich ein wenig schwierig. Also wurde der Mund in die Pommes getunkt, mit den Zähnen zwei, drei verschlungen und die Mayonnaise fand den Weg an die Nasenspitze. Die Nasenspitze entsprach farblich nun der Farbe des Oberkörpers.
Das Kinderschwimmbecken füllte sich wieder mit Kindern, die plantschten, die Fontänen zu bändigen versuchten und einfach ihren Spaß haben wollten. Ein Mädchen kam mit ihrem kleinen Bruder dazu. Sie spritzten sich nass und er setzte sich auf eine Fontäne. Nun ging es los. Sobald er etwas machte, kommentierte er es mit lauten Schreien und gutturalen Lauten. Verließ er die Fontäne: schreien. Kam seine Schwester oder ein anderes Kind in seine Nähe: schreien. Innerhalb weniger Minuten hatte er das Kinderbecken leer geschrien. Auffällig war, dass er dabei immer in Richtung des großen Beckens schaute und schrie. Plötzlich wurde er still. Nein, sein Kopf war nicht unter Wasser geraten. Eine Frau, die nur auf ihr Smartphone stierte, näherte sich. Von nun an sprach er in ganzen Sätzen. Machte sie auch nur Anstalten, wieder weg zu gehen, schrie er. Er schrie sich schier seine Mutter herbei. Sie musste nur anwesend sein und dabei noch nicht einmal mit ihm sprechen oder ihn gar anschauen. Er erzählte ihr alles, was er gerade tat. Unabhängig davon, dass sie ihm nicht antwortete, sondern sich nur mit ihrem Smartphone beschäftigte. Mir tat der Junge leid. Als die Mutter wieder zu ihrem Liegeplatz ging, schrie er auf Kommando los und die inzwischen wieder eingetroffenen anderen Kinder verließen erneut das kleine Becken. Irgendwann nahm seine Schwester ihn an die Hand und sie gingen.
Es wurde so still.
Das Kinderbecken füllte sich erneut. Ich  begann einige Runden im großen Becken zu drehen bis mir ein großer, übergewichtiger Mann beim seitlichen einspringen ins Becken fast auf den Kopf sprang.
Ein Zeichen das Freibad für heute zu verlassen.

Kolumne: Warum bin ich so wütend?

Nachdem ich ein halbes Jahrhundert alt wurde, erhielt ich eine Einladung zum „Mammographie Screening Programm“ in einem Zentrum in meiner Nähe. Mit der Einladung kam die Erinnerung an eine Situation vor einigen Jahren hoch. Meine behandelnde Ärztin fand es nach einer Untersuchung wichtig, dass ich mich einer Mammographie unterziehen sollte. Damals rief ich in dem Zentrum an, für das ich nun eine Einladung erhalten hatte. Eiskalt wurde ich am Telefon abgebügelt: Termine würden frühestens wieder in einem Jahr vergeben. Ausnahmen würden nicht gemacht werden. Lange telefonierte ich verschiedene Stellen ab, bis ich eine Untersuchung machen konnte.
Mit der Einladung kam die damals gefühlte Hilflosigkeit wie auf Abruf hoch. Den in der Einladung vorgeschlagenen Termin konnte ich online ändern. Dabei konnte ich in der Terminübersicht sehen, dass es noch sehr, sehr viele freie Termine im 15 Minuten Rhythmus in den nächsten Wochen geben würde. Der Tag der Untersuchung stand an. Ich betrat das Gebäude. Im Erdgeschoss ließen sich in den Praxisräumen hinter Milchglas viele Gemälde erahnen. Anderes Mobiliar, oder Angestellte, waren nicht zu erkennen. Die Fläche war nicht klein. An einem Fenster hing ein Hinweisschild. „Anmeldung in der dritten Etage.“ Dort betrat ich eine sehr große Praxis. Auch hier fielen mir die großen, teilweise leeren, Räumlichkeiten auf. Komfortable Ledersessel befanden sich nicht nur im Wartezimmer, welches ebenfalls über sehr viel Platz verfügte. Die Räume waren hell und der Boden mit einem Belag belegt, der Holzoptik vortäuschte. Während ich das Patientenformular ausfüllte, herrschte ein Kommen und Gehen an Patientinnen. Die zwei Seiten waren schnell ausgefüllt. Ich ahnte es. Dieses Mammographie Screening Programm ist für den, der ein solches Zentrum betreibt eine wahre Gelddruckmaschine. Die Durchschleusungsrate an Patientinnen ist hoch. So verwunderte mich die große Schale, gefüllt mit Hachez Schokoladentäfelchen, die auf dem Tisch im Wartezimmer platziert ist, nicht. Aus dem kindischen Bedürfnis heraus den Gewinn meiner Untersuchung zu minimieren, nahm ich zwei Täfelchen Schokolade. Zu dem Kugelschreiber, der sich noch in meiner Hand befand. Meine Untersuchung ging schnell vonstatten und ich verließ nach knapp 15 Minuten die Praxis mit dem folgenden Vorsatz: „Wenn ich einmal im Lotto gewinne, kaufe ich mir drei Ärzte, einen Professor und eröffne auch solch ein Screening Zentrum.“ Mit dem Gewinn kann ich dann Unmengen an günstigen Wohnungen für Alleinerziehende bauen und vermieten.
Boh,war ich wütend.
Doch warum war ich so wütend? So schön die Praxisräumlichkeiten auch eingerichtet waren, so erinnerten sie mich trotzdem irgendwie an eine Produktionshalle, in der Arzthelferinnen die Patienten wie am Fließband versorgten, Ein Arzt oder Ärztin war nirgends zu sehen. Mochten die Gästehandtücher auf dem DamenWC oder die kleinen Schokoladentäfelchen den oberflächlichen Eindruck von Luxus erwecken, so konnten sie nicht darüber weg täuschen, dass es hier nur um Massenabfertigung ging. Abfertigung von Patientinnen, die über das Screening Programm direkt dorthin geschleust wurden.
Bevor ich den Termin wahrnahm rief ich unter einem anderen Namen an und bat um einen Termin für eine Mammographie, da meine Ärztin mich überwiesen hätte. Auch dieses Mal erhielt ich die Aussage, dass die Wartezeit auf einen Termin mindestens ein Jahr beträgt. Aus irgendeinem Grund wollte ich wissen, ob die vor einigen Jahren gemachte Erfahrung nun eine andere sein würde. Sie war es nicht.
Diese Aussage im Hinterkopf, den Terminkalender mit den vielen freien Terminen im Gedächtnis, die Massenabfertigung live erlebt, führte zu dieser Wut, die vermutlich eher eine Art von Hilflosigkeit war. Wie viele Frauen mögen dieses Zentrum angerufen haben und mit der Aussage, dass Termine frühestens in einem Jahr frei werden, abgewimmelt worden sein? Wie viele Frauen sitzen mit einer Überweisung und einem Befund hilflos am Telefon, weil sie eine Mammographieuntersuchung benötigen und keinen Termin bekommen? Wie viele Frauen machen sich Gedanken, haben Ängste und bei wie vielen kann eine frühere Untersuchung schlimmeres verhindern?
Ich weiß es nicht. Doch zu wissen: Dort ist ein Zentrum und verfügt über freie Termine die sie an Frauen, die gerade nicht am Screening Programm teilnehmen, nicht vergeben – das macht mich verdammt wütend!

Foto: Sabine Ganowiak

 

Kolumnen: Menschen im Hotel, Teil 2 im Frühstücksrestaurant

Der Mann mit den strahlend blauen Augen verließ zwischenzeitlich das Frühstücksrestaurant des Hotels. ( http://schreiben-von-innen.de/kolumne-menschen-im-hotel-im-fruehstuecksrestaurant) Warum er seine Tastatur dermaßen attackierte werde ich vermutlich nie erfahren. Meine Tasse Kaffee habe ich ausgetrunken und eigentlich müsste ich aufstehen und den Raum verlassen. Eigentlich. Mein Körper und Geist benötigen noch etwas Koffein, so dass ich einen weiteren Kaffee trinke. Als eine Gruppe von vier Personen kräftig gegen den Tisch stößt verschütte ich einen Schluck auf diesen. Ich schaue auf. Irgendwie erwarte ich eine kleine Entschuldigung oder eine andere Bemerkung. Stattdessen unterhalten sich die zwei Pärchen weiter auf Russisch ohne ihre Umgebung mit einem Blick zu würdigen. Ich korrigiere. Die menschliche Umgebung. Das Buffet wird schon wahrgenommen und sich später reichlich davon versorgt. Eine der beiden Frauen trägt ihre Haare blond gefärbt, versetzt mit einem starken Gelbstich. Auf der Nase trägt sie eine blau getönte Sonnenbrille und wölbt während des Sprechens stets ihre Unterlippe vor. Parallel dazu kämmt sie im Minutenrhythmus ihr Haar. Kämmt sie es nicht, so ruckelt sie ihren Hals. Ja, ihr Hals: Der sitzt etwas schief auf ihren Schultern und von der Seite ähnelt sie in ihrer Körperhaltung E.T.. An den Füßen trägt sie Hausschuhe aus Frottee, unter dem Arm eine goldfarbene Handtasche. Im Gesamtpaket wirkt sei billig, doch hält sie sich für die Schönste weit und breit. Ihr Blick taxiert ihr Umfeld und bewertet mit einem abfälligen Nicken dieses abfällig. Dabei bemerkt sie nicht, dass sie in ihrem Auftreten dumm und eingeschränkt wahrgenommen wird. Die beiden Männer tragen beide identische beige Stoffhosen, Slipper an den Füßen und karierte Hemden. Auch sie taxieren ihr Umfeld, den Frühstücksraum mit den Gästen und nicken fast im Rhythmus mit E.T.. Die dunkelhaarige Freundin von E.T. trägt keine Hauspuschen, stattdessen goldfarbene High Heels mit denen sie sofort ans Buffet wackelt, während sich die anderen drei an einen Tisch setzen und im hinsetzen bereits nach einem Kellner rufen. Die vier verbreiten eine unangenehme Atmosphäre. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich sie in ihrer Art bemitleiden oder ignorieren soll. E.T. steht auf, greift eine Banane von der großen Etagere, die mit einer reichlichen Obstauswahl bestückt ist. Aus den Augenwinkeln sehe ich wie sie ihre Handtasche öffnet und einige Orangen, Bananen, Granatäpfel (wie will sie die auf dem Hotelzimmer verzehren) und viele Kiwis den Weg in ihre Handtasche finden. Einen halben Meter weiter verfährt sie mit abgepackter Butter, Diätmarmelade und losem Zwieback ebenso. Die Handtasche macht einen vollen Eindruck. Zutaten für ein Picknick oder ein Mittagessen scheinen zusammen gekommen zu sein. Sie setzt sich an den Tisch und unterhält sich kämmend weiter mit den anderen drei. Ich mag nicht mehr ans Buffet gehen, auch keinen Kaffee mehr trinken. Bei jedem Kammvorgang am Buffet stellte ich mir vor, wie die Schuppen auf die offen angerichteten Speisen und Getränke rieselten. Mich schüttelt es. Sie rufen erneut laut nach einem Kellner, der unverzüglich bei ihnen ist. Den Grund des Rufes erkenne ich nicht, es ist mir auch egal. Zuletzt erlebte ich es vor vielen Jahren, dass Gäste lauthals nach einem Kellner riefen. Diese waren betrunken und riefen mehrmals, um ihren Bierdurst in einem atemberaubenden Tempo stillen zu lassen.Hier ist es unpassend und ich sehe weitere Gäste, die den Kopf von ihrem Lesestoff erheben oder sich umdrehen. Die vier sitzen mit geradem Rücken mitten im Frühstücksraum als wären sie der Mittelpunkt der Welt und der Rest ihre Lakaien. Mich wundert, dass sie sich selber ans Frühstücksbuffet begeben und sich die Dinge nicht bringen lassen. Vielleicht haben sie daran gedacht, doch dann würden sie jetzt nicht vor vollkommen überfüllten Tellern an ihrem Tisch sitzen?
Für einen Moment schweigen sie, da sie sich über ihre Teller hermachen. Ich glaube meinen Ohren nicht zu trauen. Schmatzgeräusche in verschiedenen Tonlagen schwappen zu mir herüber.
Diese Geräusche gehören nicht zu meinen Lieblingsgeräuschen.
Zeit für mich aufzustehen, die halbvolle Tasse Kaffee stehen zu lassen und zu gehen.

 

Foto: Pixabay.com, StephanieAlbert

„Read what I see:“ Das Freibad

Mohrendatsch: Ich traue meinen Augen kaum als ich es lese. Früher kaufte ich ihn, der auch als Matschbrötchen bezeichnet wurde, gerne auf dem Schulweg für 50 Pfennig, vorausgesetzt es war noch etwas vom Taschengeld übrig. Reingebissen und eine süße Zufriedenheit machte sich im Bauch breit. Schnell wurde die süße Masse, die etwas aus dem Brötchen quoll, abgeschleckt bevor hineingebissen wurde. Begleitet von einem Lächeln, dass auch die Augen erreichte. Nun stehe ich vor dem Kiosk in dem kleinen Freibad und sehe es auf der Frühstückskarte angeschlagen. Auch heute beginne ich in Erinnerung daran zu lächeln. Gut, der Preis ist mit 1,20€ wirklich ein wenig happig. Da ich weit nach der Frühstückszeit im Freibad ankam, werde ich nicht beurteilen können, ob es heute noch so schmeckt wie früher.
Betrachte ich die Umgebung, so scheint die Zeit und auch die Eintrittspreise stehen geblieben zu sein. Das Kassenhäuschen aus Holz ist in weinrot gestrichen und eine sehr freundliche Kassiererin begrüßt jeden Gast als würde er sie daheim in ihrem Wohnzimmer besuchen. Links davon ist ein weiteres Gebäude aus Holz. In hellem gelb gestrichen befinden sich dort die Behinderten WCs. Direkt daneben schließt sich der in lila gestrichene Kiosk an. Vom Kiosk her schallt laut SWR3 herüber, was nicht zu der Atmosphäre des Bades passt. Eine Slush Eisbar, daneben ein Zigarettenautomat und die Eistruhe von Langnese runden das Speiseprogramm draußen vom Kiosk ab. Die große Terrasse ist mit vielen Sonnenschirmen bestückt, die aufgrund des heutigen starken Windes zusammengeklappt sind.
Eine kleine Gruppe Männer und Frauen, die italienisch sprechen unterhält sich laut. Hände und Füße werden dazu ebenfalls eingesetzt, so dass ein unruhiger Eindruck entsteht. Allzu gerne würde ich nun einen Mohrendatsch essen und ganz in Erinnerungen eintauchen. Stattdessen höre ich unfreiwillig den Italienern zu und höre nur „Puta, Puta“.
Drei Frauen setzen sich gemeinsam in die Nähe. Jede hat einen Latte Macchiatto vor sich auf dem Tisch stehen und ein Magnum Stieleis in der Hand. Alle drei tragen einen Bikini. Und alle drei sollten besser auf einen Badeanzug umsteigen? Nicht nur wegen der integrierten Cups.
Einen Tisch weiter teilen sich drei Jungs im Alter von ca. 10 Jahren eine Portion Pommes und „streiten“ sich verbal um den Piekser aus Holz, mit dem die Pommes gegessen wird. Wer den Piekser in der Hand hält, bekommt die nächste Pommes. Der blonde Junge gewinnt die Diskussion häufiger und bekommt mehr von der Portion ab als die anderen, die es nicht zu stören scheint. Grinsend, nicht angeberisch schauend, piekst er wieder eine Pommes auf und lässt es sich schmecken. Weiterlesen