Kolumne: Restaurantbesitzer und ihre Definition von „barrierefreien Räumlichkeiten“:

… oder von einer, die auszog ein barrierefreies Restaurant für eine Familienfeier zu suchen und schnell merkte, dass diese Aufgabe auch bei einem größeren Aktionsradius nicht so leicht zu lösen ist.
Naiv vermutete ich zu Beginn, dass es nicht schwer sein kann, ein Restaurant für eine Familienfeier zu finden, welches für Rollstuhlfahrer geeignet ist. Es gibt Restaurants, die sich rühmen barrierefrei zu sein und dies bewerben. Es gibt sogar Restaurants, die sich mit dem Vermerk „Für Rollstuhlfahrer geeignet“ in Restaurantführer aufnehmen lassen. Bis heute ist mir nicht klar, nach welchen Kriterien diese Aufnahme erfolgte. Oder ob jemand diese Aussagen überprüfte.
Schüttelte ich zu Beginn der Suche noch den Kopf, packte mich zwischendurch die Wut. Bevor ich mir angebotene Räumlichkeiten anschaute lernte ich schnell, dass ein Telefonat zuvor unnötige Fahrtzeit ersparen und unnötigen Frust vermeiden könnte.
Meine Standardfragen an die Gastronomen lauteten meist:
„Ihre Räumlichkeiten sind für Rollstuhlfahrer geeignet?“ „Ihr Lokal verfügt über ein behindertengerechtes WC?“
Wirbt ein Restaurant damit für Rollstuhlfahrer geeignet zu sein, ist es für mich logisch, dass es über ein dementsprechendes WC verfügt. Nein, dem ist bei weitem nicht so.
„Unser Zugang zum WC ist nur 50cm breit, da kommt kein Rollifahrer rein.“Die meisten Rollstühle beginnen mit einer Breite von 63cm, es ist nur logisch, dass das nicht funktionieren kann.
„Unser Lokal ist super ausgestattet für Rollstuhlfahrer. Wenn sie die fünf hohen Eingangsstufen bewältigen können.“
Klar, Rollstuhlfahrer können ihren Rollstuhl wie einen fliegenden Teppich nutzen und ´mal eben in die Lokalität einfliegen.
„Schauen Sie sich gerne unser Lokal an. Innen ist alles barrierefrei.“ Die Betonung auf innen ließ mich aufhorchen. Wie mag es außen ausschauen?
„Draußen haben wir 18 Stufen. Unsere kräftigen Kellner tragen die Rollstuhlfahrer immer rein.“ Am liebsten wäre ich mit einem Gast vorbei gekommen, der einen elektrischen Rollstuhl nutzt. Eine kleine Armee an kräftigen Kellnern kann einen solchen Rollstuhl nicht hoch heben.
„Natürlich können wir Ihnen ein Buffet anbieten. Dann kann aber nur ein Gast im Rollstuhl anwesend sein und der muss an seinem Tisch sitzen bleiben, ansonsten ist alles zu eng.“
Aha, es werden nur sich nicht bewegende Rollstuhlfahrer gewünscht?
Es wurden Kellerräume angeboten, es gab aber keinen Aufzug um dorthin zu gelangen. Oder Räume in den oberen Etagen, die auch nur über Treppen zu erreichen waren. Diese Beispiele wiederholten sich in der Kontaktaufnahme zu den Gastronomen immer wieder und zogen sich wie ein roter Faden durch die Suche. Weiterlesen

„Read what I see“: Sollen wir heute den Hund grillen?

Ich bin ein Spanner. Korrekt gesagt eine Spannerin. Eine, die im Caféhaus nicht die Ohren verschließen kann und deren Augen vieles aufmerksam betrachten. Häufig registriere ich diese Beobachtungen erst später richtig.
Ich kann nicht anders.
So auch heute. Eine Frau um die 70 Jahre, mit dicken aufgespritzten Lippen, sitzt in meiner Nähe. Ich sehe sie nicht zum ersten Mal. Ihr rechtes Handgelenk ist stets mit breiten Goldarmbändern behangen, die ich üblicherweise nur als Halsschmuck bei Rappern kenne. Links trägt sie eine sehr große himmelblaue Armbanduhr aus Plastik. Ihren Mittelfinger ziert ein sehr klobriger Ring. Das rosa T-Shirt sitzt eng, die darüber getragene rote Kapuzenjacke beißt sich farblich mit dem T-Shirt. Die Haare sind silberfarben gefärbt und glänzen an manchen Stellen in einem leichten lila Ton. Die Brille passt sich der Haarfarbe an, die Sneakers der Uhr.
Ihr Gegenüber sitzt ein älterer Mann, der kaum auffällt. Fast unscheinbar wirkt. Nur wenn er redet, wirkt er lebendig. Ich vermute in ihm ihren Ehemann.
Betreten beide das Café, so setzt sie sich an einen Platz, während er das Frühstück und den Milchkaffee für beide holt. In der Zeit greift sie zu ihrem Smartphone und tippt etwas hinein. Etwas? Dieser Vorgang ist nicht zu überhören. Zum einen klappern die dicken Goldarmbänder, zum anderen klappert jede Buchstabeneingabe unerträglich laut. Sie hat den Ton am Smartphone bei der Ziffern- oder Buchstabeneingabe nicht deaktiviert. So selig, wie sie beim Tippen lächelt, vermute ich dass dieser Ton in ihr irgendwelche erogenen Zonen aktiviert? Anders kann ich es mir nicht erklären, wie sie ohne Pause minutenlang irgendetwas eintippt, während ich schier verrückt werde. Mich törnt dieser Ton in dieser Frequenz und in dieser Häufigkeit überhaupt nicht an. Im Gegenteil. Ich werde unruhig und möchte ihr das Smartphone entwenden und versehentlich in den Gulli fallen lassen. Ihr Mann tritt an den Tisch, verteilt das Frühstück und für einen kurzen Moment kehrt Ruhe ein.
Stille.
Sie sprechen nicht miteinander. Rühren Zucker in den Milchkaffee, trinken ihn und schlürfen dabei ein wenig. Laute, die ich als eine Wohltat gegenüber dem „Tipp,tipp“ empfinde.
Die Brötchen werden mit Butter beschmiert, Marmelade darauf verteilt und langsam hinein gebissen. Fast. „Ich bin unterzuckert“ sagt sie und schiebt sich das halbe Brötchen auf Ex, an den aufgespritzten Lippen vorbei, in den Schlund.
Ich halte mich bereit, um notfalls das Heimlich-Manöver anwenden zu können. Weiterlesen

Anne

Anne saß in ihrem großen, roten Ohrensessel in ihrer Wohnküche. Mit ihren weit über 80 Jahren fror sie immer, so dass der Kachelofen auch im Sommer brannte. Der Holzhändler freute sich darüber, wenn er ihr wieder eine große Fuhre Kleinholz anlieferte. Ihr war es egal. Eine kleine Marotte durfte sie sich in ihrem Alter doch leisten. Ihre Wohnküche mutierte zu ihrem Lebensmittelpunkt. Die Haustür war nie verschlossen, so dass ein jeder der wollte sie besuchen konnte ohne dass sie die Tür öffnen musste.
Sie mochte ihr betagtes, kleines Haus. Das Wohnzimmer wurde höchstens noch an Weihnachten benutzt, ihr Schlafzimmer nur noch zum Umkleiden. Ihr reichte die alte Küchencouch zum Schlafen. Tagsüber machte sie, auch wenn die halbe Verwandtschaft um sie herum schwirrte, ein Nickerchen in ihrem Ohrensessel. Manchmal wurden es auch zwei Nickerchen. Sie hörte den Unterhaltungen um sie herum, und gelegentlichen Streitereien, in denen es häufig um Kinkerlitzchen ging, nicht zu. Es interessierte sie nicht. Anne interessierten die Menschen, nicht ihre Verstrickungen untereinander.
Das letzte Nickerchen war heute nicht so erholsam. Sie träumte, dass Eimerweise Flugsand über sie geschüttet und sie ersticken würde. Als sie wach wurde, merkte sie, dass ihre Katze es sich auf ihrem Kopf gemütlich gemacht hatte und ihr dicker Schwanz Anne die Nase verstopfte. Blödes Viech. Sie so zu erschrecken und aus dem Schlaf zu reißen. Anne unterstellte ihr schon eine gewisse Absicht. Die Katze lief ihr vor einigen Wochen zu und mochte es nicht, dass Anne sie auf den Namen „Eisbär“ taufte. Bei dem weißen Fell eine logische Entscheidung, dachte sich Anne. Eisbär boykottierte die Entscheidung, indem sie mit keck aufgerichtetem Schwanz nur kam, wenn frisches Futter bereitgestellt wurde. Auf alle weiteren Rufe reagierte sie nicht.
Während Anne in ihrem Ohrensessel an einer Decke, bestehend aus Granny Squares, häkelte, dachte sie an die gestrige Unterhaltung mit ihrer Tochter. Anna hatte wieder einmal einen Kontrolltermin bei ihrem Hausarzt vergessen. Was heißt vergessen? Es ziepte nirgends in ihrem Körper und ihr Verstand war mopsfidel (wie sollte sie sich auch anders die schwierigen Häkelmuster ausdenken und ohne Notizen gemacht zu haben, los häkeln können?).
Daher sah sie nicht ein, den Landarzt aufzusuchen.
Ihre Tochter schimpfte und nahm gleich das böse Wort Demenz in den Mund. Ach, soll sie doch schimpfen und Modeworte verwenden. Letztens sprach ihre Tochter sogar davon, dass sie bald auf einen Burn Out zusteuern würde, wenn sie ihren Stresslevel nicht endlich senken würde. Anne war auf diesem Ohr taub und wechselte das Thema.
Nein, Anne hatte ihre Zeit viel sinnvoller verbracht. Über den Sommer weilte der Vater des netten Nachbarn beim Sohn und sie ging viel lieber mit ihm an den Rapsfeldern entlang spazieren, als in einer vollen Arztpraxis Stunden warten zu müssen.
Während dieser Spaziergänge fror sie auch nie. Vielleicht lag es daran, dass er sie immer keck anlächelte, wenn er in ihre Küche kam, um sie abzuholen?

Schreibübung zu den folgenden vorgegebenen 8 Wörter:
Kinkerlitzchen, Weihnachten, Flugsand, häkeln, keck, Eisbär, eimerweise, mopsfidel

Kolumne: Rituale, denen wir seit der Kindheit folgen

Immer wieder führe ich Gespräche mit Freunden und Bekannten, in denen wir uns an unsere Kindheit erinnerten. Wir erinnerten uns an Dinge, die es heute nicht mehr käuflich zu erwerben gibt und an Dinge, an die wir uns als Kinder selbstverständlich heran gewagt haben. Irgendwann sprachen wir auch über Rituale und schnell fiel folgendes auf: Ein jeder lächelte, schaute verträumt und brachte Bezeichnungen wie „Lassie“, „Wetten, dass“, „ZDF-Sommerprogramm“ oder „Nüsse für Aschenbrödel“ ins Spiel.
Ja, wir Erwachsenen, aus den 60er Geburtenjahrgängen verbinden Rituale in der Kindheit oft mit Fernsehen. Wer kann sich heute noch vorstellen, dass das Anschauen einer Fernsehsendung ein kleines Familienevent war? Dass es nicht ein Rund-um-die-Uhr Fernsehprogramm gab? Ja, dass es sogar ein Standbild gab oder nur ein rauschen nach der letzten ausgestrahlten Sendung? Nein, ich bin keine 100 Jahre alt, sondern „erst“ 50 Jahre.
Mit Freundinnen wurde in der Vorweihnachtszeit „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ in geschaut und an Walnüssen geknabbert, während auf das Happy End gewartet wurde. Zu dem Zeitpunkt wurden tschechische Filme von uns geliebt. Sie verfügten über eine Detailtreue und über schöne Kostüme. Sie waren irgendwie anders und dadurch umso schöner.
Auch dieses Jahr werde ich mir den Film anschauen. Eingemummelt auf dem Sofa sitzen, mit einem Becher Tee und Strickzeug. Und nichts, so gar nichts, darf mich in dieser Zeit stören. Wie viele Menschen werden sich den Film anschauen, an ihre Kindheit denken, vielleicht einige Dialoge mitsprechen können und trotzdem neue Details im Film erkennen?
Mit der Familie wurde die „Hitparade“ geschaut. Der Ablauf dort war meist gleich: Dieter Thomas Heck sprach schnell und hektisch ins Mikrofon, insbesondere am Ende der Sendung.
Manchmal wurde ich enttäuscht, dass ich Howard Carpendale nicht erneut sehen konnte, da er mit seinem aktuellen Lied bereits dreimal aufgetreten war. Nach dreimal war Schluß mit den Auftritten..
Wurde dort nicht mehrmals eine Frau im Publikum angesprochen, die bei jeder Sendung der „Hitparade“ im Publikum war?
Stets schrieb ich die Autogrammadressen mit. Manchmal wurden sie mir von meiner Mutter oder meinem Vater diktiert. Ich konnte sei meist nicht so schnell alleine mitscheiben. Mein Büchlein war gefüllt mit Autogrammadressen verschiedenster Künstler. Nicht eines habe ich mir bestellt, doch das mitschreiben gehörte dazu. Genauso wie die Hebebühne, die die Künstler (meist die auf Nr.1 Platzierten) in die Höhe hob. Nicht zu vergessen die Windmaschine, die einige Male das lange Haar der verschiedensten Sängerinnen durch die Luft wirbelte.
Lange ist es her. Heute schaue ich mir noch nicht einmal VIVA oder MTV an, denn Musik bekomme ich dort nicht zu hören. Weiterlesen

Es gibt sie wirklich: Intelligenzvakuumisten

Der Begriff „Intelligenzvakuumisten“ wird in keinem Duden oder anderem Nachschlagewerk zu finden sein. Es ist eine Wortschöpfung, die erfunden und dabei selbsterklärend ist. Oft nutze ich sie wenn ich auf Menschen treffe, die ich in ihrer Ansicht oder ihrem Verhalten so unschön empfinde, dass ich sie nur mit dieser Wortschöpfung begreifen kann.
Ursprünglich hatte ich vor, zu diesem Thema verschiedene Menschen mit ihren verschiedenen Einstellungen und Aussagen zu beschreiben. Situationen mit ihnen wiederzugeben, in denen ich voller Unverständnis den Kopf schüttelte und innerlich sprachlos dachte:
Wie kann ein erwachsener Mensch solche Aussagen treffen?
Wie kann ein erwachsener Mensch nur solche Handlungen begehen?
Wie kann ein erwachsener Mensch über so wenig Empathie verfügen und ausschließlich sich in den Mittelpunkt des Weltgeschehens setzen?
Eine Reise und das Zusammentreffen mit einem Ehepaar brachten mich dazu, das Thema auf zwei Personen zu begrenzen und darüber bereits an anderer Stelle zu berichten.
Erstmalig bemerkte ich sie am Bahnhof. Ich schätzte beide auf Mitte 60. Er um die 1,75m groß, Brillen- und kleiner Bauch- und Brustträger mit weißen Haaren. Gekleidet in einem gestreiften Poloshirt mit Jeans. Sie: Etwas kleiner, weiße Haare mit Dauerwelle, ebenfalls in Jeans gekleidet, mit einer Bluse und einer Handtasche aus den 80er Jahren versehen. Sie fielen mir auf, weil sie merkwürdiges Schuhwerk trugen. Nicht bunt oder anderweitig auffallend, sondern in einer viel zu kleinen Schuhgröße. Er trug eine Art Sandalen, deren Zehen soweit heraus ragten, dass sie fast den Boden berührten. Der Blick des Betrachters wurde automatisch auf sie gelenkt. Sicherlich auch, weil diese Zehen aussahen, als hätten sie tausende Meilen barfuß Laufens hinter sich gebracht.
Bei ihr sah es gemäßigter aus.  Die bestrumpften Füße steckten ebenfalls in Sandalen. Wobei nur geschätzte 3-4cm Zehen heraus schauten.
Sehr schnell wirkten die Beiden auf mich als ewige Gestrige aus den neuen Bundesländern die im Schwabenland, dem ungeliebten Westen, einfach nicht ankommen wollten. Früher war alles besser. Drüben war alles besser. Ja, sie verwendeten den Ausdruck drüben sehr häufig.
Verwundert stellte ich bei dem Besuch eines DDR Museums fest, dass sie auch hier über ausgestellte Dinge der ehemaligen DDR schimpften. Es schien ein gemeinsamer, grundlegender Charakterzug von ihnen zu sein, alles negativ zu betrachten?
Schon nach wenigen Stunden erinnerten sie mich an die bekannten 3 Affen, die vollkommen meinungslos und desinteressiert erscheinen. Die 3 Affen, die nichts sehen, nicht hören, nicht sprechen.
Nein, das traf auf das Ehepaar nicht zu. Sie sahen alles, und sie hörten alles. Sie redeten ausgiebig. Vorrangig redeten sie bösartig und sehr abwertend über Mitreisende.
Könnte ich sächsisch zitieren, hätte ich nun ausreichend Gelegenheit dazu gehabt und würde es ausgiebig machen. Leider kann ich Dialekte nicht zitieren.
Sie schimpften darüber: „Warum sind die ganzen Schwarzen hier im Bus.“ (Flüchtlinge waren Bestandteil der Reisegruppe und egal welcher Nationalität sie entstammten, alle wurden als Schwarze tituliert)
„Warum fahren die Schwarzen überhaupt mit? Die wollen sicherlich alles umsonst bekommen.“
Kaum verließ die Gruppe das Hotel, beschwerten sie sich lauthals beim Reiseführer: „Boh, die Schwarzen sind wieder so langsam. Wegen denen kommen wir bestimmt heute nirgends mehr an.“
Hinweise durch den Busfahrer, Gruppenteilnehmer oder den Reiseführer sich nicht so respektlos und rassistisch zu äußern, ignorierten sie geflissentlich. Sie hatten eine dermaßen überzogene Wahrnehmung von sich, die einen konstruktiven verbalen Austausch nicht zuließen. Verfügten sie überhaupt über eine Wahrnehmung? Oder lebten sie „zurück gezogen“ in ihrer eigenen, gestrigen Welt? Denke ich an ihr Schuhwerk (ich muss gestehen, dass ich von ihrem heimlich ein Foto machte), dass sie diesbezüglich zumindest anders sind.
Zitiert habe ich einige Sätze, die sich endlos aneinander reihen lassen würden. Sie ließen keine Gelegenheit aus über die Mitreisenden lautstark ihren Unmut zu äußern. Ich bekam mein Fett, aufgrund meiner Figur und meines Einschreitens weg, mitreisende Kinder, weil sie es wagten sich ein wenig zu bewegen. Der Reiseleiter, weil er „die Schwarzen nicht weg schickte“, der „Staat, weil er Flüchtlinge überhaupt reinlässt“.
Besonders die ausländischen Mitreisenden wurden laut verurteilt. Beleidigungen wurden getätigt. Andererseits verweigerten sie die direkte Kommunikation mit ihnen und schauten, Hände vor der Brust verschränkt, über sie hinweg.
Speisten wir in einem Restaurant zu Mittag oder zu Abend, bemängelten sie das Essen, scheuchten das Personal auf oder fielen durch ähnlich gelagerte Aktionen auf.
Für ein Gemeinschaftsfoto verließen sie demonstrativ den Raum. Ich empfand es als große Respektlosigkeit.
Vielleicht wollten sie ihre Schuhe und die altmodische Dauerwelle auch einfach nicht zur Schau stellen? „Ironiemodus“ aus.
Sie waren mir unangenehm und häufig schämte ich mich für sie.
Äußerungen am Denkmal der verstorbenen Roma und Sinti: „Wie das ist alles? So ein Aufwand für die paar Toten.“ (wir sprechen von geschätzten 500.000 Menschen) oder in einem Museum über die Nazi Verbrechen „Jetzt könnten sie aber mal Ruhe geben“ zeigten mir, welch Geistes Kind sie sind.
Auf einem Friedhof sagten sie lauthals: „ Da sollten man die Hälfte der Insassen des Busses eingraben“. (Blick auf die mitreisenden Ausländer)
Doch wie soll man mit solchen Menschen umgehen? Ich hätte sie am liebsten rein zufällig aus dem Bus fallen sehen und hätte vergessen ihnen die Hand zur Hilfe zu reichen. Wollte ihren dummen Dunstkreis verlassen.
Mit Argumenten konnte man bei ihnen nichts erreichen. Sie leben in ihrer eigenen Welt, ihrem eigenen Kosmos und nur sie haben Recht.

Ihr respektloses Verhalten widert mich immer noch an. Daher haben sie die Ehre hier als die ersten Intelligenzvakuumisten beschrieben zu werden.

„Read what I see“: Samstagmittag

Es ist Samstag. 13:05 Uhr. Drei Frauen, die ich innerlich sofort mit der Bezeichnung „Madämchen“ versehe, betreten das Café. Woran liegt es, dass ich sie sofort in eine bestimmte Schublade stecke? Vermutlich an ihrem Verhalten, welches erkennen lässt, dass sie nicht allzu oft in einem Bäckerei Café mit Selbstbedienung verkehren?
In einer Dreierfront stehen sie geschlossen, auf die Getränke- und Speisekarte an der Wand gegenüber blickend, an der Selbstbedienungstheke.
Alle drei tragen Spangenschuhe mit kleinem Absatz, enge bunte Hosen mit passender Oberkleidung und den identischen Haarschnitt: Einen Bubbikopf. Jede trägt ihn in einer anderen Blondierung. Die Sonnenbrille ist im Haar aufgesetzt oder befindet sich noch auf der Nase. Die großen Handtaschen trägt eine jede unter die Achsel geklemmt. Kleine Risse und aufgeplatzte Nähte an den Handtaschen lassen erkennen, dass sie älter oder schon lange in Gebrauch sind.
Die Kleinste von ihnen erhebt ihre Stimme und fragt: „Haben Sie auch eine Karte?“
„Leider nicht. Hier oben ist alles aufgeführt. Inklusive aller Getränke.“
„Machen Sie noch Frühstück?“
„Ja, selbstverständlich.“
Die Köpfe werden zusammen gesteckt. Ich höre ein leises: „Ich möchte aber ein Spiegelei.“ Eine andere sagt: „Mir ist es egal.“
Plötzlich wackeln alle drei Bubbiköpfe.
Eine von ihnen bestellt: „Wir möchten des:“ (Was ist „des“?)
„Ein Kaffee mit Brezel reicht.“
Mir ist nicht klar, ob diese Entscheidung aus finanziellen Gründen getroffen wird oder um der Figur willens.
Der Versuch den Kaffee mit Zucker zu versehen ist vorerst nicht von Erfolg gekrönt. Es scheint, als wären sie es nicht gewohnt ihren Zucker selber zu dosieren und einzufüllen.
Sie zahlen getrennt und tragen ihr Tablett mit der Butterbrezel und dem Kaffee nach draußen auf die Terrasse. Die Stühle werden umgestellt, so dass jede auf die Straße blicken kann. Eine Sitzposition wie ich sie in den ersten Reihen der Cafés in Paris erlebt habe. Die Brezeln werden auseinandergerissen und getunkt.
Plötzlich schnellt die Größte von ihnen hoch: „Ich muss mein Auto in den Schatten umsetzen“, verschwindet und parkt ihren Fiat 500 ein paar Meter weiter unter einen Baum.
Anschließend nimmt sie wieder neben den beiden anderen Platz. Alle haben die Beine übereinander geschlagen, tragen ihre Sonnenbrillen nun auf den Nasen und zünden sich eine Zigarette an. Auf die Entfernung meine ich die Sorte Eve 120 zu erkennen. Nun erlebe ich endlich Frauen, die diese Sorte rauchen.
Während ich meinen Latte Macchiato genieße und in einem Buch lese, gleitet mein Blick immer wieder zu den drei Frauen hinüber. Ja, sie benehmen sich als wären die Menschen in ihrem Umfeld Bedienstete. Wie passt dann der Fiat 500 ins Bild? Ein Auto umsetzen, damit es sich nicht aufheizt, obwohl es normalerweise über eine Klimaanlage verfügt?
Sie erinnern mich an Frauen, die einmal im Jahr im Rotary Club einen Flohmarkt veranstalten um dann generös den Erlös zu spenden. Sie erinnern mich an Frauen, wie ich sie in den 90er Jahren im Tennis Club erlebte. Doch wer sind sie wirklich? Wer könnten sie sein? Drei Frauen, die ein sehr kleines Klassentreffen ehemaliger Pensionats Schülerinnen abhalten? Ex-Frauen, die sehr viel bessere Zeiten erlebt haben. „Frau Doktor“ oder „Frau Geschäftsführerin“, die nach der Scheidung nicht ihrem gewohntem Standard entsprechend abgefunden wurden?
Wie wird der Tag für sie weiter gehen? Werden sie ihn schwitzend und kichernd bei einer kleinen Landtour über die Schwäbische Alb im Auto verbringen? Kichernd vermutlich nicht. Die ganze Zeit sah ich nicht eine von ihnen lächeln. War das Brezelfrühstück für sie das heutige Highlight?
Ich werde es nicht erfahren.
Irgendwie kann ich mir vorstellen, dass sie von hier zum Vorsprechen nach Wien fahren. Für die nächste Staffel der „Vorstadtweiber“. In den Rollen der aus der Versenkung auferstandenen Schwiegermütter. Bessere Zeiten erlebt hatten und sich wieder bessere Zeiten, mit allen ihren Wirrungen und Irrungen, wünschend.

 

Kolumne: Beschämende Szenen im Café

Ich vergewisserte mich, dass sich die Mutter und Freundin eines kleinen Jungen etwas gefangen hatten (der kleine Junge weinte immer noch) und so verließ ich das Café.
Langsam ging ich hinaus. Dabei schaute ich fast jedem Gast lange in die Augen.
Sah Schadensfreue, ein wenig Scham, Desinteresse.
Ich schäme mich.

Einige Zeit zuvor: Es war der vergangene Mittwoch: Bergfest, wie manche gerne sagen. Die Sonne schien an diesem Wintertag und trieb die Menschen in Mengen in die Stadt und in die Fußgängerzone. Auch ich traf mich mit einer Freundin in ihrer Pause in dem großen Bäckerei-Café gegenüber der Kirche in Reutlingen.
Wir plauderten ein wenig und sahen zwei kleine Kinder in der Spieleecke. Ein blondes Mädchen und einen kleinen dunkelhaarigen Jungen. Ich maß dem keine Bedeutung zu.
Nachdem meine Freundin wieder zur Arbeit ging, schmökerte ich ein wenig in einem Buch, als mich ein weinendes Kind aus meiner Lektüre riss. Ein erwachsener Mann hatte diesen kleinen, vielleicht zweieinhalbjährigen, Jungen heftig geschlagen und schimpfte laut auf dessen Mutter ein.
„Sie haben Ihr Kind nicht erzogen, der hat meine Tochter gehauen, natürlich kann ich ihn schlagen, wenn Sie ihr Kind nicht erziehen!“
Weinend saß der Kleine auf dem Schoß seiner Mutter, die mit, leicht, ausländischem Akzent und zitternder Stimme dem Mann versuchte Einhalt zu gebieten.
„Ich schlage mein Kind nicht und Sie haben meinen Jungen geschlagen. Das dürfen Sie nicht. Warum machen Sie das?“
Wie im Laufe der nächsten Minuten, wiederholte und wiederholte er sich.
„Natürlich kann ich Ihr Kind schlagen. Er hat meine kleine Tochter beim Spielen gehauen. Ich darf das, wenn Sie Ihr Kind schon nicht erziehen.“
Inzwischen kam die Mutter des Mädchens hinzu und unterstützte ihren Mann. Beide betonten laut, mit von mir inzwischen als hysterisch empfundenen Stimmen, dass es in Ordnung ist, wenn ein erwachsener Mann ein Kleinkind heftig schlägt.
Die Ausgangssituation war: Zwei kleine Kinder spielten und der Junge hatte das kleine Mädchen gehauen. Eine Situation, die sich in Kindergärten und Kinderzimmern sicherlich täglich nicht nur einmal ereignet. Selbst für mich als Nicht-Mutter ist dies ein kindgerechtes Verhalten, welches keinen Eingriff eines Erwachsenen bedurfte.
Die Mutter des kleinen Jungen fragte weiterhin: „Warum haben Sie mein Kind geschlagen? Warum machen Sie so etwas? So etwas macht man nicht mit einem Kind.“
Die Antwort bestand aus einer sehr angespannten Körperhaltung ihres Gegenübers und der Aussage, dass er es tun dürfte.
Das ganze zog sich über einige Minuten hin. Die Atmosphäre war mehr als angespannt und die sehr lautstarken Aussagen des Vaters wirklich nicht zu überhören. Die Situation schien zu kippen.
Niemand schritt ein. Versuchte zu deeskalieren oder der Mutter zu helfen. Zwischenzeitlich hatte ich mich auf den Tisch der Mutter zubewegt, an dem der Vater des kleinen Mädchens drohend stand. Während ich in meinem Kopf ebenfalls sehr lautstarke, an den Vater gerichtete, Sätze formulierte, die auch das eine oder andere Schimpfwort beinhalteten, blieb ich äußerlich ruhig. Stimmlich ebenfalls. Innerlich brodelte ich.
Meine Intuition sagte mir, mich eher ruhig zu verhalten. Diesen Mann schätzte ich so ein, dass es heute nicht bei dem einen Schlag einem Kind gegenüber bleiben könnte.
Ich versuchte die Mutter zu trösten, ihr ein Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht alleine ist, dass Hilfe geholt werden kann, dass ich da bleiben würde. Eine Freundin von ihr saß zwar ebenfalls mit am Tisch, hielt sich aber zurück.
Plötzlich legte der Vater erneut los. Wiederholte den Satz immer und immer wieder, dass er den Jungen hätte schlagen dürfen und arbeitete dann mit weiteren Argumente.
Dann schrie er es der Mutter des kleinen Jungen fast ins Gesicht:
„Vergessen Sie nicht: SIE sind nur Gast in unserem Land.“
Gefolgt von dem Satz, den er zuvor ständig laut gesagt hatte.
Er setzte sich mit seiner Frau und seiner Tochter wieder an seinem Platz in die Mitte des Cafés und brüllte von dort aus weiter.
Wie die drei Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen empfand ich die Gäste des Cafés. Die Angestellten des Cafés. Niemand tat auch nur irgendetwas in irgendeiner Form.
Im Gegensatz zu den drei Affen konnten sie den Vorgang beobachten und taten dies teilweise sehr neugierig.
Im Gegensatz zu den drei Affen hörten sie, was geschah und tuschelten darüber.
Im Gegensatz zu den drei Affen hätte ein jeder, eine jede den Mund öffnen können.
Nichts geschah.
Gewünscht hätte ich mir:
Vom Personal: Vom Hausrecht Gebrauch zu machen oder die  Polizei zu rufen.
Der Mutter und ihrer Freundin einen neuen heißen Tee zu servieren und sie zu trösten.
Von den Gästen: Dem Mann Paroli zu bieten.
Stattdessen kam: Nichts.Nichts.
Von mir hätte ich mir gewünscht: Die Gäste direkt anzusprechen und sie zu bitten unterstützend einzugreifen.
Warum beschreibe ich diesen Vorfall so ausführlich? Die Ausgangssituation war ein sonniger Tag mitten in der Woche. Viele Menschen gingen in die Innenstadt, ein Café war gut besucht, zwei Kinder spielten, ein kleiner Junge mit dunklen Haaren hatte ein kleines, blondes, Mädchen leicht gehauen, wie es viele kleine Kinder untereinander tun.
Eine Mutter, die mit einem leichten ausländischen Akzent sprach, saß mit einer Freundin –  beide bekleidet mit einem Kopftuch –  in diesem Café.
Ein Gast wird einem Kleinkind gegenüber handgreiflich, beschimpft die Mutter, schafft eine sehr bedrohliche Situation, in der niemand agiert. Ich handelte etwas zu spät.
Die ganze Situation hätte wirklich eskalieren können. Hätte irgendjemand Zivilcourage gezeigt? Ich behaupte nein.
Meine Idee, die Polizei zu rufen und dem Vater des Mädchens beim Verlassen des Cafés zu „verfolgen“, um mitteilen zu können wo er weiter anzutreffen wäre, wollte die Mutter des Kleinen nicht umsetzen.
Die Wut und auch der Ekel aus diesem Erlebnis sind weiterhin nicht verschwunden. Ja, ich verurteile die Menschen, die nicht eingegriffen haben. Die der Mutter etwas Trost gespendet haben oder dem Vater des Mädchens entgegengetreten sind. Sicherlich beschrieb ich die Situation zuvor als angespannt. Doch hätten einige Besucher zusammen gehandelt, wäre die angespannte Situation zu überwinden gewesen.
So empfinde ich ihr Nichtstun als feige. Als widerlich.
Nachdem ich mich vergewisserte, dass Mutter und Freundin des kleinen Jungen sich etwas gefangen hatten (der kleine Junge weinte immer noch), verließ ich das Café.Langsam ging ich hinaus. Dabei schaute ich fast jedem Gast lange in die Augen.

Sah Schadensfreue, ein wenig Scham, Desinteresse.

Ich schäme mich.

Lieblingsorte

Eine jede von uns hat sicherlich Lieblingsorte. Orte, die von Erinnerungen geprägt sind, Ort an denen man sich sehr wohl fühlt, Orte die uns etwas bedeuten. Ein Ort an dem ich mich allgemein sehr wohl fühle ist ein Friseursalon: Der Geruch, das Wissen gleich wieder etwas anders auszuschauen; die Kopfmassagen, der Kaffee dazu und das Geplänkel ergeben ein Zusammenspiel, so dass ich mich dort meist entspanne. Ferner liebe ich es dort den Unterhaltungen der anderen zuzuhören.

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