Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es niemals war

Klappentext:
Ist das normal? Zwischen Hunderten von körperlich und geistig Behinderten als jüngster Sohn des Direktors einer Kinder- und Jugendpsychiatrie aufzuwachsen? Der junge Held in Joachim Meyerhoffs zweitem Roman kennt es nicht anders – und mag es sogar sehr. Sein Vater leitet eine Anstalt mit über 1.200 Patienten, verschwindet zu Hause aber in seinem Lesesessel. Seine Mutter organisiert den Alltag, hadert aber mit ihrer Rolle. Seine Brüder widmen sich hingebungsvoll ihren Hobbys, haben für ihn aber nur Häme übrig. Und er selbst tut sich schwer mit den Buchstaben und wird immer wieder von diesem großen Zorn gepackt. Glücklich ist er, wenn er auf den Schultern eines glockenschwingenden, riesenhaften Insas­sen übers Anstalts­gelände reitet. Joachim Meyerhoff erzählt liebevoll und komisch von einer außergewöhnlichen Familie an einem außergewöhnlichen Ort, die aneinander hängt, aber auseinandergerissen wird. Und von einem Vater, der in der Theorie glänzt, in der Praxis aber stets versagt. Wer schafft es sonst, den Vorsatz zum 40. Geburtstag, sich mehr zu bewegen, gleich mit einer Bänderdehnung zu bezahlen und die teuren Laufschuhe nie wieder anzuziehen? Oder bei Flaute mit dem Segelboot in Seenot zu geraten und vorher noch den Sohn über Bord zu werfen? Am Ende ist es aber wieder der Tod, der den Glutkern dieses Romans bildet, der Verlust, der nicht wieder gutzumachen ist, die Sehnsucht, die bleibt – und die Erinnerung, die zum Glück unfassbar pralle, lebendige und komische Geschich­ten produziert.
Das Buch fand ich eher zufällig und dachte mir: Auf dem Psychiatriegelände aufzuwachsen und darüber zu schreiben kann im Ergebnis nur ein gutes Buch werden.
Erst dann las ich ein wenig über den Autor nach und erfuhr, dass er Schauspieler, Regisseur, und Autor ist.
Als Schauspieler spielte er erfolgreich sein Programm: Alle Toten fliegen hoch ( in 6 Teile unterteilt). Hier wird seine eigene Geschichte bzw. die Geschichte seiner Eltern und Großeltern erzählt. Aus dem Programm entstand der (preisgekrönte) Roman „Amerika“ als Band  der Romantrilogie:
Band 1: Amerika
Band 2: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie wieder war
Band 3: Gibt es noch nicht
Mich zog das Buch von der ersten Seite in den Bann und ich schämte mich fast darüber, dass ich eine so geringe Erwartungshaltung hatte, sondern das Buch nur auf den „Wohnort“ des Ich-Erzählers reduzieren wollte.
Ganz schnell ist es während der Besprechung geschehen, dass ich eine mehrseitige Inhaltsangabe schrieb. Ja, wie ein Schüler, der einen Aufsatz schreibt.
Beschreibe ich das Buch, müsste ich eigentlich eine Zusammenfassung des gesamten Buches schreiben. Eigentlich….. Die Erlebnisse, die Beschreibungen: Sie sind anrührend, teilweise witzig, nie beleidigend, sehr lebendig, amüsant, liebevoll.
Dieses liebevoll möchte ich an einer Szene festmachen: Der Ich-Erzähler geht gerne mit seinem Vater an den Strand. Wenn es heimgehen soll, schlägt er dem Vater immer noch vor: „Noch einen Bauchnabel voll bleiben“. Der Vater stimmt dem zu und widmet sich wieder seinem Buch. Sohnemann geht ans Meer, füllt seine Hände mit Wasser und kippt sie dem Vater in den Bauchnabel. Wenn das Wasser verdunstet ist, geht es heim.
Dementsprechend groß ist seine Angst, als sein Vater plötzlich von Plänen erzählt, um abzunehmen: Was geschieht dann mit dem Bauchnabel? Wird dieser kleiner? Verkürzt es zukünftig die Badezeit?
Auf den ersten Blick ein sehr heiteres Buch, aber nicht nur. Es ist tragisch, es ist komisch, es ist traurig. Denn auch vor dem Tod wird in dem Buch nicht halt gemacht.
In„Wann wird es endlich wieder so, wie es niemals war“ wird nicht chronologisch erzählt. Es ist ein Buch über eine Kindheit, die voller toller und komischer Geschichten steckt. Nicht nur durch das Aufwachsen neben einer Kinder- und Jugendpsychiatrie wird plastisch dargestellt, auch die Hauptfigur in dem Buch, der Vater. Ein Vater, der eine Anstalt leitet, im Leben aber herrlich versagt. Auf dem ersten Joggingversuch nach seinem 40. Geburtstag verletzt er sich mit einem Bänderriss. Oder schafft es bei Windstille in Seenot zu geraten und währenddessen versehentlich seinen Sohn von Bord zu schlagen. Oder lädt an seinen Geburtstag nur Patienten zu sich ein. Nie geht er unter Leute, arbeitet oder ist daheim. Während der „Daheim Zeit“ sitzt er in seinem Sessel und liest und liest. Es gibt nichts, was er sich nicht erlesen hat. Macht sein Sohn eine Reise, so hielt er sich durch seine gelesenen Bücher dort bereits auf.
Der größte Teil des Buches ist von diesen lustigen, drolligen Geschichten geprägt. Man lacht mit, amüsiert sich und denkt manchmal, dass es in dieser Form nicht geschehen sein kann. Wie kann es sein, dass der Erzähler am besten bei dem aus der Anstalt herüberwehendem Gebrüll einschlafen kann?
Es wird auch über ernste Momente geschrieben. Der Tod kommt ins Spiel, der Erzähler wird älter, und die Familie entwickelt sich in eine Richtung, die man vorher nicht erwartet hat.
Mir kam das ein wenig zu plötzlich, da ich weiter auf heitere, wenn auch manchmal nachdenkliche, Erzählmomente eingestellt war. Aber Eltern und somit auch sein von Lebensfreude und Übergewicht geprägter Vater werden älter. Und krank.Dem Buch tut es keinen Abbruch, beschreibt er den Tod des Vaters ernst, betroffen, ehrlich und liebevoll zugleich.
Ist es eine Hommage an den Vater? Ein „liebevolles“ Vaterbuch? Oder doch nur ein erinnern?
Wurde wirklich alles so erlebt oder doch ein wenig erdichtet? Man darf nicht vergessen: Joachim Meyerhoff ist Schauspieler, führt eigene Programme auf und er scheint ein kleiner Selbstdarsteller zu sein.
Mir ist es egal, denn das Buch hat mich über viele Stunden gut unterhalten.

Hjorth & Rosenfeldt: Die Menschen, die es nicht verdienen

Klappentext:
Gerade noch hatte Mirre den Erfolg vor Augen, jetzt ist der Star einer Dokusoap tot. Hingerichtet, mit einem Bolzenschuss in den Kopf. Seine Leiche findet man in einem Klassenzimmer, an einen Stuhl gefesselt, einen Fragebogen auf den Rücken geheftet. Mirres Leistung: mangelhaft. Er hat nicht bestanden. Und sein Tod ist nur der Anfang.
Während Kommissar Höglund und sein Team von der Reichsmordkommission nach Spuren in Mirres Umfeld suchen, stößt Kriminalpsychologe Sebastian Bergman auf eine andere Fährte. Jemand spottet über die fehlende Bildung von Menschen, die im Rampenlicht stehen. Die Vorbildfunktion haben sollten, aber keine Vorbilder sind. Die ihren Erfolg nicht verdienen. Sebastian will den Mörder aus der Reserve locken und ihn mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Ein tödlicher Fehler…
Normalerweise gehen schnelle Veröffentlichungen eines Autors irgendwann zu Lasten der Qualität. Nicht bei diesem Autorenpaar. Seit 2010 erscheinen in knapper Reihenfolge die Thriller um den Kriminalpsychologen Sebastian Bergmann. Dieser ist recht speziell und kommt über den Tod seiner Familie, die er im Tsunami verlor, nicht hinweg. Seine Sexsucht ist ein Symptom seiner Verletzbarkeit, die er nicht zugeben will.
Ursprünglich dachte ich, dass die jeweiligen Neuerscheinungen gelesen werden können, ohne die Vorgängerbücher zu lesen. Dann würde der Leser aber die Entwicklung des Teams und von Sebastian Bergmann verpassen. Unwichtig ist das nicht.
In einem Interview las ich einen Satz der Autoren, der sinngemäß so lautete: „Ein gesellschaftliches Statement? Nein, das wollten wir mit dem Buch nicht abgeben. Wir fanden einfach den Mord an sich so schön.“
Aha, ein Autorenpaar, welches seine Morde mag……
In diesem Buch geht es um die Morde an Dokustars. Sie müssen einen Test ablegen, bei nicht bestehen werden sie ermordet. Der Mörder will damit anprangern, dass diese „Stars“ als Vorbild dienen könnten, aber keine sind, weil sie dumm sind. So mordet er fleißig durch die Gegend und ändert auch seine Vorgehensweise.
Die Reichsmordkommission ermittelt und Sebastian Bergmann unterstützt, wobei er sich in Lebensgefahr begibt.
Die Entwicklungen im Team bekommen im Buch ihren Raum und mit einem Cliffhanger endet das Buch und macht wieder einmal Appetit auf meeeehr. Nehme ich das aktuelle Schreibtempo der beiden Autoren als Grundlage, so freue ich mich schon auf das neue Buch im Herbst 2016.
Das Buch ist in Deutschland keine zwei Wochen auf dem Markt und ich habe es sehr sehr zügig gelesen. Die Krimihandlung ist interessant und die Handlungsstränge sind spannend. Die Entwicklungen im Team sind so das kleine Schmankerl obendrauf, die mich das Buch haben sehr schnell durchlesen lassen.
Unbedingt lesen!!!
Der Vollständigkeit halber führe ich bisherigen Sebastian Bergmann Bücher in der Reihe ihres Erscheinungsdatum auf:
Band 1:          Der Mann, der kein Mörder war (erschienen 2010)
Band 2:          Die Frauen, die er kannte
Band 3:          Die Toten, die niemand vergisst
Band 4:          Das Mädchen, das verstummte
Band 5:          Die Menschen, die es nicht verdienen

Ich – und …..

meine neue Herrin (Weihnachten zartbitter)
Großvater hatte mich schon früh in unseren Unterhaltungen darüber vorbereitet, dass dieser Tag nahen könnte. Seine Skoliose machte ihn für Förster und zukünftige Käufer uninteressant, so dass er sein Gnadenbrot weiterhin im Sweetforrest erhielt. Stolz überblickte seine 3 Meter hohe Spitze die Kinder- und Enkelschar. Im Schatten seiner dichten Zweige erzählte er mir abends Gute-Nacht-Geschichten oder bereitete mich auf meine Bestimmung vor.
Der Platz links von ihm war nun leer. Anstatt meiner befand sich dort nur noch ein Loch. Unter der Aufsicht des Försters buddelte mich ein Studententrupp aus. Ich gönnte ihnen ihren Weihnachtslohn, hätte mir aber gewünscht, dass sie mich erst in ein paar Jahren markieren und ausgraben würden.
Nun stehe ich, meine Füße eingezwängt in einen schwarzen Plastiktopf, auf dem Parkplatz des Billig-Baumarktes und fühle mich alleine. Niemand spricht mit mir und der Wind pfeift mir durch die Nadeln.
Ich vermisse Großvater. Die schweigsamen Bäumchen neben mir können mir gestohlen bleiben. Wie die teilweise ausschauen: Die Spitze nackt und schief, bei einigen lichtet sich bereits das Fell. Also das Grün.
Ich schäme mich für sie mit.
Noch stehe ich gerade in meinem Plastiktopf, doch wie lange noch? Ein Mann sagt zu seinen Kindern: „Wir müssen uns heute beeilen. Nicht, dass der angekündigte Sturm die Bäume weg wehen wird.“
Ich will nicht verweht werden. Bevor das geschehen würde, würde ich den schnellen Tod in einem Kamin bevorzugen. Meine Nadeln würden sicherlich einen angenehmen Geruch verbreiten.
Plötzlich höre ich ein lautes klacken. Ein Geräusch, welches ich im Wald noch nie gehört habe. Der Ursprung ist schnell gefunden: Eine Frau in Stiefeln mit hohen Absätzen läuft zielgerichtet auf mich zu. „Du bist es. Du wirst der meine.“
Was bin ich? Wessen bin ich?
Mühselig hebt sie mich in ihren Einkaufswagen und noch viel mühseliger in den Kofferraum ihres Wagens. Ich glaube, einen leisen Fluch zu hören.
Es muss lustig ausgesehen haben: Eine 2 Meter Tanne, die in einen Mini gesteckt wurde.
Ich spüre meine Knochen. Also Zweige.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich dachte, mir brechen gleich alle Zweige ab, ruckelt es an mir und mit Schwung zieht sie mich aus dem Auto und trägt mich in ein Haus.
Auf einer großen, roten Decke stellt sie mich ab, wischt sich den Schweiß von der Stirn und schaut mich skeptisch an.
Mit einem Fuß fixiert sie den Plastiktopf und gibt mir mit der rechten Hand eine schallende Backpfeife an die Stelle einen halben Meter unterhalb der Spitze.
Autsch!
Hier soll ich meine Weihnachtsbaumzeit verbringen?
Von solchen Herrinnen habe ich ja schon gehört. Doch fügen sie nicht eher den Menschen gerne den Schmerz zu und nicht den unschuldigen Weihnachtsbäumen?
Großvater hätte mir vorher sagen können, dass es auch so zur Sache könnte.
Erlebt man das zur Einstimmung?
Angst macht sich in mir breit.
Ich mache mir nicht in die Hose. Hätte ich vor Angst eine schlimme Dünnpfiffattacke, so würde sich diese in spontanem Nadelabwurf bemerkbar machen.
„Ha, jetzt stehst Du endlich gerade mein hübsches Bäumchen.“
Höre ich Lob aus ihrer Stimme? Ich gebe mir Mühe und recke mich noch einen Zentimeter in die Höhe.
Wenige Minuten später geht es bereits los. „Last Christmas“, gefolgt von vielen Weihnachtsliedern des Rat Pack erklingen über Stunden aus einer großen Lautsprecherbox neben mir. So hört es sich also an, wenn sich Menschen in Weihnachtsstimmung bringen? Mit roten und weißen Kugeln werde ich behangen.  Glitzernde Strohsterne schmücken später meine Tannenenden, eine Engelsfigur meine Spitze, eine lange Lichterkette meine Äste und zum Schluss wirft sie ganz viel rotes Lametta über mich.
Ich sehe aus wie ein Mädchen. Ich bin ein Mann, ein Weihnachtsbaum und kein Tännchen, das nun einem Einhorn ähnelt.
So vergehen die Tage. Abends schaltet sie die Lichterkette an und manchmal höre ich ein leises: „Ach, wie schön Du bist“ von ihr.
Kurz nachdem sie an einem runden Ding, welches nach abgehackten Abfallprodukten von mir ausschaut, eine dicke rote Kerze anzündete, sah ich sie zum ersten Mal: Sie trägt auch Kugeln. Keine in rot oder weiß. Ohne Anhänger dran, um sie irgendwo zu befestigen. Nein, sie sind in einem dezentem beige. Nicht an Ästen aufgehängt, sondern etwas unterhalb der Stelle, aus der ihre Stimme kommt.
Mei sind die groß.Ein wenig glänzen sie. Ich kann mich nicht satt sehen.
Noch einmal möchte ich von ihr hören: „Ach, wie schön Du bist.“ Um ihr zu imponieren und um den Verlust meiner Nadeln zu verhindern, kneife ich täglich mehrmals meine Pobacken zusammen, also ich recke mich und dehne meine Äste. Alles muss frisch und kräftig bleiben, um die Zeit über Weihnachten hinaus zu überstehen. Großvater hatte mir den Rat gegeben, mich intensiv um meinen Body zu kümmern und den Haar- also Nadelverlust auf das nötigste zu minimieren. Das würde Herrinnen beeindrucken und eine gute Überlebenschance für die Zeit nach den Heiligen Drei Könige bieten.
Inzwischen ist es Heiligabend. Ich habe kaum Nadeln verloren und doch beschäftigen mich zartbittere Gedanken. Wird sie mich in den Garten umpflanzen oder mit der guten Nagelschere säuberlich zerkleinert der Biotonne zuführen?
Ich schließe die Augen und träume. Von einem Platz neben ihrem kleinen Pool rechts von der Terrasse und dem Anblick ihrer Kugeln in der Sommerzeit.

Thomas Melle: Die Welt im Rücken

Klappentext:
Auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2016
«Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren. Was sonst vielleicht als Gedanke kurz aufleuchtet, um sofort verworfen zu werden, wird im manischen Kurzschluss zur Tat. Jeder Mensch birgt wohl einen Abgrund in sich, in welchen er bisweilen einen Blick gewährt; eine Manie aber ist eine ganze Tour durch diesen Abgrund, und was Sie jahrelang von sich wussten, wird innerhalb kürzester Zeit ungültig. Sie fangen nicht bei null an, nein, Sie rutschen ins Minus, und nichts mehr ist mit Ihnen auf verlässliche Weise verbunden.»
Thomas Melle leidet seit vielen Jahren an der manisch-depressiven Erkrankung, auch bipolare Störung genannt. Nun erzählt er davon, erzählt von persönlichen Dramen und langsamer Besserung – und gibt einen außergewöhnlichen Einblick in das, was in einem Erkrankten so vorgeht. Die fesselnde Chronik eines zerrissenen Lebens, ein autobiografisch radikales Werk von höchster literarischer Kraft.
Von Thomas Melle las ich vor einiger Zeit „3000 Euro“, welches ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert war und fand das Buch vollkommen überbewertet. Sowohl inhaltlich als auch sprachlich.
Als er nun mit „Die Welt im Rücken“ wieder auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand, machte mich das Buch nicht neugierig. Zu dem Zeitpunkt hatte ich es noch nicht in den Händen gehalten. Als ich verstand, dass er über seine manisch-depressive Erkrankung schrieb, wurde ich nur ein klitzeklein wenig neugierig. Vor einigen Jahren war ich händeringend auf der Suche nach Büchern zu diesem Thema, um festzustellen:

  • Es gibt nur wenige Bücher zu dem Thema
  • Diese wurden meist von der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störung heraus gegeben und waren ein Sammelsurium schlechter Texte
  • Wenn es Bücher gab, erschienen sie als BoD und waren schlecht geschrieben
  • „Matze, Dein Papa hat ´ne Meise“ war OK, weckte aber nicht mein Bedürfnis wirklich mehr über das Thema lesen zu wollen.

Dann kam der Tag, an dem ich eine Leseprobe von „Die Welt im Rücken“ erhielt. Gleich der Prolog mit der Beschreibung der verlorenen Bibliothek und dem Sex mit Madonna faszinierten mich. Inhalt, angedeuteter Humor und die Sprache: Ich musste das Buch schnell haben. Das Buch über „Manie & Depression. Vom Krieg zweier Ungeheuer“
Ungeduldig las ich es quer und „peng, peng“ erwischten mich die sprachgewaltigen Sätze. Deren Energien erschlugen mich beinahe und sogen mich in den Bann. Den obigen Satz werde ich in ähnlicher Form folgend noch häufiger nutzen.
Endlich begann ich das Buch von Seite 1 an zu lesen. Und war wieder von der Schonungslosigkeit und der Energie gepackt. Ich konnte es nicht an einem Stück lesen. Zu oft schweiften meine Gedanken in Erinnerungen ab und ich reflektierte. Dieser Prozess benötigte einige Wochen. Reflektieren, ohne in Selbstmitleid zu zerfallen, kostet Zeit und verbraucht Kraft. Da ich selber manisch-depressiv bin (der Göttin sei Dank habe ich keine Psychosen) ging die Kraft des Buches, die Kraft des Themas einfach nicht an mir vorbei.
Nun war diese Phase beendet und ich konnte das Buch endlich so lesen, wie ich ein Buch lese. Von Seite 1 bis zur letzten Seite.
Die Faszination wurde nicht weniger. Wie soll ich in Worte fassen, was diese Sprachgewalt von Thomas Melle hier ausmacht? Das Buch liegt weiterhin bei mir auf dem Schreibtisch. Gespickt mit vielen verschiedenen farbigen Post Its. Wäre es mein eigenes Buch, hätte ich Notizen über Notizen hinein geschrieben. Da es nur ausgeliehen ist, behalf ich mir mit diesen Mitteln. Auch beim dritten lesen bekam ich wieder das Gefühl: „Peng, dieser Satz knallt mir ins Gehirn.“ „Peng, dieser Satz brennt sich ein. „Peng, peng, dieser Satz strotzt vor Virtuosität“
Lese ich Sätze, in denen er die Depression mit dem Kampf gegen den Selbstmord beschreibt, so ziehe ich den Hut. Zwei Absätze, die alles beschreiben. Wofür andere ein halbes Buch benötigen würden. Kann man ihm böse sein, wenn er schreibt „die Psychiatrie ist ein Sammelsurium von Fehlexemplaren, die….“? Nein, denn er beschreibt es treffend.
Hier schreibt jemand über eine Erkrankung, die irgendwo nicht greifbar ist. Auch nach lesen des Buches versteht man sie und das Handeln eines Manisch-Depressiven als solchen nicht besser.
Melle schreibt über sich: „Wenn Sie manisch-depressiv sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr.“ Über diese nicht vorhandene Kontinuität schreibt er halt. Das könnten sicherlich einige. Doch wie macht er es, dass dieses Buch mich so in den Bann gezogen hatte. Und hat?
Zum einen, indem er nichts beschönigt und radikal offen schreibt. Er beschreibt die Abgründe genauso, wie die absurden Momente. Man kann sich darüber streiten, ob es nicht ausgereicht hätte, über eine manisch-depressive Phase zu schreiben, da sich theoretisch alles wiederholt.
Nein, es hätte nicht gereicht. Wenn er über seine Leben schreibt, welches durch die Erkrankung geprägt ist, gehören für mich alle seine drei Phasen dazu. Genauso gehört für mich dazu, dass er auch ein wenig über seine Kindheit schreibt.
Mich fasziniert seine Schonungslosigkeit, wie er über sein Leben, welches inzwischen durch die Erkrankung geprägt ist, schreibt und dieses analysiert.
Natürlich bin ich auch fasziniert, weil Thomas Melle einfach schreiben kann und mich mit den „Peng, peng Momenten“ packt. Bei mir entsteht der Eindruck, dass er nicht monatelang über Sätze und Worte gebrütet hat, sondern einfach geschrieben hat.
Er kann schreiben. In einer Qualität, die der Hammer ist. Die mich beeindruckt und mich zweifeln ließ jemals selber wieder etwas zu schreiben.
Hätte er den Deutschen Buchpreis bekommen, ich hätte es mehr als O.K. gefunden.
Stattdessen scheint er der Leonardo di Caprio des Deutschen Buchpreises zu werden.
Ist es große Literatur? Ich weiß es nicht, da ich mir ein Urteil darüber nicht zutraue. Ich weiß, dass mich dieses Buch auch gepackt und fasziniert hätte, wenn ich nicht selber manisch-depressiv wäre. Im Gegenteil. Das wurde mir ja erst wieder beim ersten vollständigen Lesen richtig bewusst.
Für mich ist es leichter, schlechte Bücher zu beschreiben. Hier finde ich Ansatzpunkte. Doch wie ein, in meinen Augen, grandioses Buch beschreiben, ohne in Floskeln zu ergehen?
Ich habe es mit den obigen Zeilen versucht.
Auszug der letzten Seite aus „Die Welt im Rücken“:
„Die Welt im Rücken werde ich nicht aufgeben. Die Hoffnung heißt: nie wieder manisch werden. Aber es mag mich noch einmal umhauen und hinaustragen, dann als quallig knochenloses Etwas heranspülen. Ich werde mir die Knochen wieder erarbeiten.“
Dieser Absatz gibt Hoffnung.

Sonntagabend

Sonntagabend. Statt meinem Ritual zu folgen und mich mit meiner Kuscheldecke auf dem Sofa zu verkriechen und den „Tatort“ zu schauen, vergnüge ich mich mit meiner Vorgesetzten bei einem kurzfristig angesetzten Essen in einem schwäbischen Restaurant. Wie langweilig ist doch das langsam dahin siechende Gespräch. Nein, außer einer Fußballabneigung besitzen wir beide keine Gemeinsamkeiten. Sie liebt Schweinebraten in fetter Sauce mit  Klößen und Rotkohl. Ich eher ein blutig gebratenes Steak mit Pommes und selbstgemachter Kräuterbutter.

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Arthur Escroyne: Schüsse im Shortbread

Klappentext:

Hochzeit auf Schloss Sutherly! Doch der schönste Tag des Lebens nimmt für Arthur und Rosy eine vollkommen unschöne Wendung: Statt an der Côte d’Azur zu flittern, müssen sie eine Kollegin in den schottischen Highlands bei der Aufklärung eines Mordfalls unterstützen. Statt Antibes – Aberdeen, statt Strand und Sonne – Mord und Totschlag … Für Rosy und Arthur läuten die Hochzeitsglocken, die Stimmung ist famos, als sie in der Kathedrale von Gloucester standesgemäß vor den Erzbischof von Canterbury treten. Eigentlich waren danach Flitterwochen an der Côte d’Azur geplant. Doch Rosies Trauzeugin macht ihnen einen Strich durch die Rechnung: Sie hat den schwierigen Job des Chief Detective im schottischen Hochland ergattert und ist gleich mit ihrem ersten Fall heillos überfordert. In einem Hotel in Caithness wurde ein Blutbad angerichtet. Vier Personen, darunter ein angesehener Pianist, kamen dabei ums Leben. Unerschrocken verlegen Rosy und Arthur ihre Hochzeitsreise nach Schottland und ahnen noch nicht, dass sie dadurch das Leben der hochschwangeren Rosy aufs Spiel setzen …

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Andreas Gruber: Todesreigen

Klappentext:
Nachdem eine Reihe von Kollegen auf brutale Art Selbstmord begangen haben, wird Sabine Nemez – Kommissarin und Ausbilderin beim BKA – misstrauisch. Vieles weist auf eine jahrzehntealte Verschwörung und deren von Rache getriebenes Opfer hin. Sabine bittet ihren ehemaligen Kollegen, den vom Dienst suspendierten Profiler Maarten S. Sneijder, um Hilfe. Doch der verweigert die Zusammenarbeit, mit der dringenden Warnung, die Finger von dem Fall zu lassen. Dann verschwindet Sabine spurlos, und Sneijder greift selbst ein. Womit er nicht nur einem hasserfüllten Mörder in die Quere kommt, sondern auch seinen einstigen Freunden und Kollegen, die alles tun würden, um die Sünden ihrer Vergangenheit endgültig auszulöschen …

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Lieblingsorte

Eine jede von uns hat sicherlich Lieblingsorte. Orte, die von Erinnerungen geprägt sind, Ort an denen man sich sehr wohl fühlt, Orte die uns etwas bedeuten. Ein Ort an dem ich mich allgemein sehr wohl fühle ist ein Friseursalon: Der Geruch, das Wissen gleich wieder etwas anders auszuschauen; die Kopfmassagen, der Kaffee dazu und das Geplänkel ergeben ein Zusammenspiel, so dass ich mich dort meist entspanne. Ferner liebe ich es dort den Unterhaltungen der anderen zuzuhören.

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Paul Kalanithi: Bevor ich jetzt gehe

Klappentext:
Paul Kalanithi war Neurochirurg und Autor. Die Liebe zur Literatur und die Suche nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens führten ihn zum Studium der Biologie, Englischen Literatur, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie. Anschließend absolvierte er die Yale School of Medicine und machte seine Facharztausbildung in Stanford, wo er mit dem höchsten Nachwuchsförderpreos der American Academy of Neurological Surgery ausgezeichnet wurde. Er starb im März 2015 mit nur 37 Jahren, während der Arbeit an seinem Buch. Er hinterlässt seine Familie, seine Frau Lucy und ihre gemeinsame Tochter Elisabeth Acadia. Weiterlesen

Kleid und High Heels

Klack, klack (Weihnachten in der Fremde)

Ich liebe meine High Heels. Im Schneegestöber auf dem Brückengeländer zu der Musik zu tanzen, die sich nur im meinem Kopf befindet. Gloria Gaynors „I will survive“ hört sich nur laut in meinem Kopf gut an. Ich singe laut mit und höre dennoch das magische klack klack der Heels auf dem Geländer. „I“ – klack- „will“- klack „survive“-klack.
Nach dem halben Song ist das Ende der Brücke erreicht. Ein aufstampfen, klack klack. Eine Umdrehung. Mein rotes Kleid dreht sich mit, mein Mantel dreht sich mit. Weiter geht es. Weiterlesen