Ich – und …..

meine neue Herrin (Weihnachten zartbitter)
Großvater hatte mich schon früh in unseren Unterhaltungen darüber vorbereitet, dass dieser Tag nahen könnte. Seine Skoliose machte ihn für Förster und zukünftige Käufer uninteressant, so dass er sein Gnadenbrot weiterhin im Sweetforrest erhielt. Stolz überblickte seine 3 Meter hohe Spitze die Kinder- und Enkelschar. Im Schatten seiner dichten Zweige erzählte er mir abends Gute-Nacht-Geschichten oder bereitete mich auf meine Bestimmung vor.
Der Platz links von ihm war nun leer. Anstatt meiner befand sich dort nur noch ein Loch. Unter der Aufsicht des Försters buddelte mich ein Studententrupp aus. Ich gönnte ihnen ihren Weihnachtslohn, hätte mir aber gewünscht, dass sie mich erst in ein paar Jahren markieren und ausgraben würden.
Nun stehe ich, meine Füße eingezwängt in einen schwarzen Plastiktopf, auf dem Parkplatz des Billig-Baumarktes und fühle mich alleine. Niemand spricht mit mir und der Wind pfeift mir durch die Nadeln.
Ich vermisse Großvater. Die schweigsamen Bäumchen neben mir können mir gestohlen bleiben. Wie die teilweise ausschauen: Die Spitze nackt und schief, bei einigen lichtet sich bereits das Fell. Also das Grün.
Ich schäme mich für sie mit.
Noch stehe ich gerade in meinem Plastiktopf, doch wie lange noch? Ein Mann sagt zu seinen Kindern: „Wir müssen uns heute beeilen. Nicht, dass der angekündigte Sturm die Bäume weg wehen wird.“
Ich will nicht verweht werden. Bevor das geschehen würde, würde ich den schnellen Tod in einem Kamin bevorzugen. Meine Nadeln würden sicherlich einen angenehmen Geruch verbreiten.
Plötzlich höre ich ein lautes klacken. Ein Geräusch, welches ich im Wald noch nie gehört habe. Der Ursprung ist schnell gefunden: Eine Frau in Stiefeln mit hohen Absätzen läuft zielgerichtet auf mich zu. „Du bist es. Du wirst der meine.“
Was bin ich? Wessen bin ich?
Mühselig hebt sie mich in ihren Einkaufswagen und noch viel mühseliger in den Kofferraum ihres Wagens. Ich glaube, einen leisen Fluch zu hören.
Es muss lustig ausgesehen haben: Eine 2 Meter Tanne, die in einen Mini gesteckt wurde.
Ich spüre meine Knochen. Also Zweige.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der ich dachte, mir brechen gleich alle Zweige ab, ruckelt es an mir und mit Schwung zieht sie mich aus dem Auto und trägt mich in ein Haus.
Auf einer großen, roten Decke stellt sie mich ab, wischt sich den Schweiß von der Stirn und schaut mich skeptisch an.
Mit einem Fuß fixiert sie den Plastiktopf und gibt mir mit der rechten Hand eine schallende Backpfeife an die Stelle einen halben Meter unterhalb der Spitze.
Autsch!
Hier soll ich meine Weihnachtsbaumzeit verbringen?
Von solchen Herrinnen habe ich ja schon gehört. Doch fügen sie nicht eher den Menschen gerne den Schmerz zu und nicht den unschuldigen Weihnachtsbäumen?
Großvater hätte mir vorher sagen können, dass es auch so zur Sache könnte.
Erlebt man das zur Einstimmung?
Angst macht sich in mir breit.
Ich mache mir nicht in die Hose. Hätte ich vor Angst eine schlimme Dünnpfiffattacke, so würde sich diese in spontanem Nadelabwurf bemerkbar machen.
„Ha, jetzt stehst Du endlich gerade mein hübsches Bäumchen.“
Höre ich Lob aus ihrer Stimme? Ich gebe mir Mühe und recke mich noch einen Zentimeter in die Höhe.
Wenige Minuten später geht es bereits los. „Last Christmas“, gefolgt von vielen Weihnachtsliedern des Rat Pack erklingen über Stunden aus einer großen Lautsprecherbox neben mir. So hört es sich also an, wenn sich Menschen in Weihnachtsstimmung bringen? Mit roten und weißen Kugeln werde ich behangen.  Glitzernde Strohsterne schmücken später meine Tannenenden, eine Engelsfigur meine Spitze, eine lange Lichterkette meine Äste und zum Schluss wirft sie ganz viel rotes Lametta über mich.
Ich sehe aus wie ein Mädchen. Ich bin ein Mann, ein Weihnachtsbaum und kein Tännchen, das nun einem Einhorn ähnelt.
So vergehen die Tage. Abends schaltet sie die Lichterkette an und manchmal höre ich ein leises: „Ach, wie schön Du bist“ von ihr.
Kurz nachdem sie an einem runden Ding, welches nach abgehackten Abfallprodukten von mir ausschaut, eine dicke rote Kerze anzündete, sah ich sie zum ersten Mal: Sie trägt auch Kugeln. Keine in rot oder weiß. Ohne Anhänger dran, um sie irgendwo zu befestigen. Nein, sie sind in einem dezentem beige. Nicht an Ästen aufgehängt, sondern etwas unterhalb der Stelle, aus der ihre Stimme kommt.
Mei sind die groß.Ein wenig glänzen sie. Ich kann mich nicht satt sehen.
Noch einmal möchte ich von ihr hören: „Ach, wie schön Du bist.“ Um ihr zu imponieren und um den Verlust meiner Nadeln zu verhindern, kneife ich täglich mehrmals meine Pobacken zusammen, also ich recke mich und dehne meine Äste. Alles muss frisch und kräftig bleiben, um die Zeit über Weihnachten hinaus zu überstehen. Großvater hatte mir den Rat gegeben, mich intensiv um meinen Body zu kümmern und den Haar- also Nadelverlust auf das nötigste zu minimieren. Das würde Herrinnen beeindrucken und eine gute Überlebenschance für die Zeit nach den Heiligen Drei Könige bieten.
Inzwischen ist es Heiligabend. Ich habe kaum Nadeln verloren und doch beschäftigen mich zartbittere Gedanken. Wird sie mich in den Garten umpflanzen oder mit der guten Nagelschere säuberlich zerkleinert der Biotonne zuführen?
Ich schließe die Augen und träume. Von einem Platz neben ihrem kleinen Pool rechts von der Terrasse und dem Anblick ihrer Kugeln in der Sommerzeit.

Sonntagabend

Sonntagabend. Statt meinem Ritual zu folgen und mich mit meiner Kuscheldecke auf dem Sofa zu verkriechen und den „Tatort“ zu schauen, vergnüge ich mich mit meiner Vorgesetzten bei einem kurzfristig angesetzten Essen in einem schwäbischen Restaurant. Wie langweilig ist doch das langsam dahin siechende Gespräch. Nein, außer einer Fußballabneigung besitzen wir beide keine Gemeinsamkeiten. Sie liebt Schweinebraten in fetter Sauce mit  Klößen und Rotkohl. Ich eher ein blutig gebratenes Steak mit Pommes und selbstgemachter Kräuterbutter.

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Kleid und High Heels

Klack, klack (Weihnachten in der Fremde)

Ich liebe meine High Heels. Im Schneegestöber auf dem Brückengeländer zu der Musik zu tanzen, die sich nur im meinem Kopf befindet. Gloria Gaynors „I will survive“ hört sich nur laut in meinem Kopf gut an. Ich singe laut mit und höre dennoch das magische klack klack der Heels auf dem Geländer. „I“ – klack- „will“- klack „survive“-klack.
Nach dem halben Song ist das Ende der Brücke erreicht. Ein aufstampfen, klack klack. Eine Umdrehung. Mein rotes Kleid dreht sich mit, mein Mantel dreht sich mit. Weiter geht es. Weiterlesen

Opel

Neuopel

Dat gibbet doch nicht. Kaum habe ich meinen Neuopel eingeparkt, nicht unbedingt in Bordsteinnähe, sondern mehr in Richtung Straßenmitte, höre ich die Tana von oben schon  brüllen. „Kindchen, wie hasse den denn zusammen gekriegt? Mann, der erste Manta in unserer Straße. Watt ein schöner Anblick.“

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