„Read what I see:“ Das Freibad

Mohrendatsch: Ich traue meinen Augen kaum als ich es lese. Früher kaufte ich ihn, der auch als Matschbrötchen bezeichnet wurde, gerne auf dem Schulweg für 50 Pfennig, vorausgesetzt es war noch etwas vom Taschengeld übrig. Reingebissen und eine süße Zufriedenheit machte sich im Bauch breit. Schnell wurde die süße Masse, die etwas aus dem Brötchen quoll, abgeschleckt bevor hineingebissen wurde. Begleitet von einem Lächeln, dass auch die Augen erreichte. Nun stehe ich vor dem Kiosk in dem kleinen Freibad und sehe es auf der Frühstückskarte angeschlagen. Auch heute beginne ich in Erinnerung daran zu lächeln. Gut, der Preis ist mit 1,20€ wirklich ein wenig happig. Da ich weit nach der Frühstückszeit im Freibad ankam, werde ich nicht beurteilen können, ob es heute noch so schmeckt wie früher.
Betrachte ich die Umgebung, so scheint die Zeit und auch die Eintrittspreise stehen geblieben zu sein. Das Kassenhäuschen aus Holz ist in weinrot gestrichen und eine sehr freundliche Kassiererin begrüßt jeden Gast als würde er sie daheim in ihrem Wohnzimmer besuchen. Links davon ist ein weiteres Gebäude aus Holz. In hellem gelb gestrichen befinden sich dort die Behinderten WCs. Direkt daneben schließt sich der in lila gestrichene Kiosk an. Vom Kiosk her schallt laut SWR3 herüber, was nicht zu der Atmosphäre des Bades passt. Eine Slush Eisbar, daneben ein Zigarettenautomat und die Eistruhe von Langnese runden das Speiseprogramm draußen vom Kiosk ab. Die große Terrasse ist mit vielen Sonnenschirmen bestückt, die aufgrund des heutigen starken Windes zusammengeklappt sind.
Eine kleine Gruppe Männer und Frauen, die italienisch sprechen unterhält sich laut. Hände und Füße werden dazu ebenfalls eingesetzt, so dass ein unruhiger Eindruck entsteht. Allzu gerne würde ich nun einen Mohrendatsch essen und ganz in Erinnerungen eintauchen. Stattdessen höre ich unfreiwillig den Italienern zu und höre nur „Puta, Puta“.
Drei Frauen setzen sich gemeinsam in die Nähe. Jede hat einen Latte Macchiatto vor sich auf dem Tisch stehen und ein Magnum Stieleis in der Hand. Alle drei tragen einen Bikini. Und alle drei sollten besser auf einen Badeanzug umsteigen? Nicht nur wegen der integrierten Cups.
Einen Tisch weiter teilen sich drei Jungs im Alter von ca. 10 Jahren eine Portion Pommes und „streiten“ sich verbal um den Piekser aus Holz, mit dem die Pommes gegessen wird. Wer den Piekser in der Hand hält, bekommt die nächste Pommes. Der blonde Junge gewinnt die Diskussion häufiger und bekommt mehr von der Portion ab als die anderen, die es nicht zu stören scheint. Grinsend, nicht angeberisch schauend, piekst er wieder eine Pommes auf und lässt es sich schmecken.
Auf dem Weg zur Umkleidekabine überrascht mich die ansonsten leise Geräuschkulisse. Keine Jugendliche, die vom 10m Turm springen und sich dabei vor Angst die Seele aus dem Leib schreien. Es gibt keine vom Beckenrand „Ich muss etwas beweisen“ Springer, stattdessen ziehen die Schwimmer ihre Bahnen im Becken. Es würde mich nicht wundern, wenn ich noch Frauen mit Badekappe sehen würde. Badekappen mit und ohne Blumenschmuck.
Spinde sind reichlich vorhanden. In rostrot gestrichen zeugen sie von einer anderen Zeit, da sie noch mit einer DM Münze gefüttert werden. Da diese kaum noch in den Geldbörsen zu finden sind,  gibt es gegen die Hinterlegung von einem € Pfand an der Kasse eine Münze, die verwendet werden kann. Mir wäre ein DM Stück lieber gewesen.
Die großen Umkleidekabinen in Beckennähe versprühen einen leichten morbiden Charme. Shabby Schick kann man es beim besten Willen nicht nennen. Die weiße Farbe blättert ab. Der blauen Farbe, die Wellenbewegung darstellen soll, ergeht es nicht besser. Das steht im Widerspruch zum ansonsten ordentlichen, sauberen Bad.
Die in der Nähe befindliche Tischtennisplatte steht einsam und verlassen da. Das Publikum hierzu fehlt heute.
Der Charme des Bades erschließt sich anscheinend nur einer Randgruppe? Oder der starke Wind und angekündigte Regen halten heute vom Besuch ab?
Auf der Liegewiese beschäftigen sich viele Frauen mit ihren Kleinkindern. Dazu sonnen sich schwangere Frauen auf den bereit gestellten Liegen. Kleine Mädchengruppen haben sich eher in den Ecken der Liegewiese niedergelassen und lassen sich ebenfalls von der Sonne wärmen. Über die Liegewiesen sind kleine, momentan nicht genutzte, Umkleidekabinen verteilt.
Das plätschern der Erms ist zu hören und wird kurz danach von einer Kreissäge übertönt. Ich möchte das Störgeräusch eliminieren.
Ich schwimme einige Runden.
Das Wasser ist kalt, so kalt. Um mich vom Schwimmen aufzuwärmen, setze ich mich auf eine Bank gegenüber dem Kleinkinderbecken in die Sonne. Ein kleiner Junge, in eine bunte Babyschwimmwindel gepackt, bespritzt mich mit Wasser und lacht lauthals. Er kann sich kaum auf den Beinen halten und mit jedem Spritzer verliert er beinahe sein Gleichgewicht. Sein Juchzen übertönt alle anderen Kinder. Er hat einen Heidenspaß und ich bleibe sitzen, um keine Spielverderberin zu sein. Ein anderer kleiner Junge versucht Seifenblasen zu blasen. Dafür füllt wer immer wieder seinen kleinen Behälter mit Wasser aus dem Becken. Er versteht nicht, dass sich ohne Spülmittel, oder ähnlichem, keine Seifenblasen pusten lassen. Enttäuscht versucht er es immer und immer wieder. Seine Wangen scheinen zu platzen. Als Ergebnis spritzt ein kleiner Tropfen Wasser durch die Öffnung, doch keine Blase. Der kleine Sisyphos macht unerschöpflich weiter.
Neben dem Kinderbecken liegt ein Mann in einer neongelben Badehose auf dem Bauch. Er ist nicht zu übersehen. Die neongelbe Farbe ist eine der Sorte, die erst blenden und dann Augenkrebs verursachen. Die Badehose ist weit unterhalb des Ansatzes vom Po verrutscht. Sie sitzt zu eng, um sie im Liegen hoch zu schieben. Beim Aufstehen wird es ein Malheur geben. Entweder wird die Badehose weit herunterrutschen oder die Hosennaht wird hinten platzen.
Später sehe ich den Träger der Badehose erneut. Nichts von Beidem scheint geschehen zu sein. Nun läuft er und von vorne wirkt es, als könnte die Befürchtung jetzt wirklich eintreten.
Soll ich ihm schnell eine Bunderweiterung stricken?

 

Foto: Sabine Ganowiak

2 Kommentare
  1. Leahnah Joy Perlenschmuck
    Leahnah Joy Perlenschmuck says:

    deiner Beobachtung bin ich mit einem Grinsen gefolgt, und dein letzter Satz ließ mich lachen
    hatte ich doch eine Dame mit Strickwerk gesehen, inmitten der wuselnden Anverwandten, angekleidet, versorgte sie energisch die ankommende nasse Gestalt

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  2. Sabine
    Sabine says:

    Vielleicht sollte an der Kasse ein Knäuel Wolle mit Stricknadeln hinterlegt werden? Gegen Pfand kann es ausgeliehen werden, um nassen Gestalten zu helfen?

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