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Lotti Huber: Diese Zitrone hat noch viel Saft

Klappentext:
Lotti Huber, am 16. Oktober 1912 als Tochter großbürgerlicher jüdischer Eltern in Kiel geboren, wollte immer zur Bühne, zum Theater. Aber die Nazis schickten sie ins KZ. Sie wurde freigekauft, ging nach Palästina und Ägypten, tanzte in Nachtklubs, heiratete einen englischen Offizier, ging dann nach Zypern, wo sie ein Restaurant eröffnete, nach 1945 mit ihrem zweiten Mann nach London und Anfang der 60er Jahre nach Berlin. Sie gab Englischunterricht, übersetzte Trivialliteratur, eröffnete eine Tanzschule, arbeitete als Filmstatistin, lernte Rosa von Praunheim kennen und wurde mit 75 Jahren zum Star. Lotti Huber starb am 31. Mai 1998 in Berlin.

Bevor ich auf das Buch eingehe möchte ich kurz beschreiben, warum ich es mir damals kaufte.
Zu Beginn der 90er Jahre erlebte ich Lotti Huber in vielen Talkshows. Dabei fand ich sie faszinierend. Diese kleine Person – mit dem Haardutt, mindestens einem dicken Ring an den Fingern, nicht zierlich, in Walla-Walla-Gewändern gekleidet – war mit ihrer exaltierten Art, ihrer Redensweise eine Bereicherung.
Daraufhin holte ich mir 1991 ihr Buch (damals bereits in der 5. Auflage) und las es mit Begeisterung. Auf einer ihrer Veranstaltungen ließ ich es mir signieren und nehme es alle Jahre wieder in die Hand, um es zu lesen. Wie momentan auch.
Apropos Veranstaltung: Während der Weihnachtszeit saß sie in einer Veranstaltung neben einem Tannenbaum an einem Tisch, las aus ihrem Buch, performte und war in ihrem Element. Aus irgendeinem Grund fiel der Tannenbaum um, die leuchtende Deko fiel auf sie und es sah aus, als würde über ihrem Kopf für einen kurzen Moment ein Heiligenschein leuchten. Ich habe noch Fotos davon.
Unvergesslich bleibt mir ihr lispelndes „Liebchen, was darf ich Dir denn in Dein Buch schreiben?“.
Dieses Buch verlieh ich später und bekam es erst 5 Jahre später zurück. Alle Einwohnermeldeämter klapperte ich damals ab, um den Umzug/Mitzug des Buches nachzuvollziehen und um es wieder in meinen Händen zu halten. Doch nun zum Buch:  “Diese Zitrone hat noch viel Saft”, stammt aus der Beschreibung über Rosa von Praunheim, von dem es hieß, er würde seine Schauspieler wie eine Zitrone auspressen. Auf ihn traf sie als sie bereits fast 70 Jahre alt war.
Kannte man sie nur aus den Medien, kam leicht der Verdacht auf, sie wäre eine oberflächliche Ulknudel. Oh nein. Ihr Leben war von Schicksalsschlägen geprägt, über die sie eher hinweg ging. Den Kampf, den Schmerz dahinter schneidet sie eher oberflächlich an.
Damals besaß ihre Familie in Kiel ein Warenhaus, sie wuchs recht betucht auf. Widmete sich anschließend ihrer Karriere als Ausdruckstänzerin. Wegen Rassenschande kam sie ins KZ, wurde freigekauft (ihr Freund erschossen) und kam über Jerusalem nach Zypern, wo sie eine Bar eröffnerte und sehr sehr bekannt war. Aufgrund der politischen Situation ging sie von dort nach London, später nach Berlin, wo sie nach dem Tod ihres Mannes, mit fast 70 Jahren verschiedene Jobs (Promoterin, Statistin, Übersetzerin von Liebesschnulzen) annahm, um finanziell zurecht zu kommen.
Mit um die 70 Jahre entdeckte wurde sie von Rosa von Praunheim entdeckt und ihre schauspielerische Karriere nahm ihren Lauf. Eine Karriere, von der ihre Mutter immer träumte.
Dies sind ihre wichtigsten Lebensstationen, die nicht ruhig waren. Die Einbrüche werden humorvoll, lakonisch beschrieben. Wie schreibt sie: „Es geht auch anders, aber so geht es auch.“
Und genauso hat sie gelebt: Ohne dabei zu verbittern, zu hadern, den Lebensmut zu verlieren.
Die Beschreibung ihres Lebens hätte viele Seiten mehr füllen können. Die knapp 150 Seiten sind mir zu wenig. In dem Buch „Jede Zeit ist meine Zeit“ (1991), welches im Interviewstil geschrieben ist, erfährt man einiges mehr über sie.
Leider wurde sie mir im Laufe der Zeit zu omnipräsent. Irgendwann kam ich in die Phase: Lotti Huber…. Ach nee, nicht schon wieder und schaltete im Programm weiter. Oder las Berichte über sie nicht mehr.

Zwischenzeitlich finde ich dies schade, denn sie hatte viel zu sagen.

 
 

Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft: Meine Kindheit und ich

Klappentext:

Mit »Ich bin dann mal weg« hat er Millionen Leser inspiriert, persönliche Grenzen zu überschreiten. Jetzt spricht Hape Kerkeling über seine Kindheit; entwaffnend ehrlich, mit großem Humor und Ernsthaftigkeit. Über die frühen Jahre im Ruhrgebiet, Bonanza-Spiele, Gurkenschnittchen und den ersten Farbfernseher; das Auf und Ab einer dreißigjährigen, turbulenten Karriere – und darüber, warum es manchmal ein Glück ist, sich hinter Schnauzbart und Herrenhandtasche verstecken zu können. Über berührende Begegnungen und Verluste, Lebensmut und die Energie, immer wieder aufzustehen. »Was, um Himmels willen, hat mich bloß ins gleißende Scheinwerferlicht getrieben, mitten unter die Showwölfe? Eigentlich bin ich doch mehr der gemütliche, tapsige Typ und überhaupt keine Rampensau. Warum wollte ich also bereits im zarten Kindesalter mit aller Macht „berühmt werden“? Und wieso hat das dann tatsächlich geklappt? Nun, vielleicht einfach deshalb, weil ich es meiner Oma als sechsjähriger Knirps genau so versprechen musste …« Hape Kerkeling, der mit seinem Pilgerbericht »Ich bin dann mal weg« seine Fans überraschte und Leser jeden Alters begeisterte, lädt auf die Reise durch seine Memoiren ein. Sie führt nach Düsseldorf, Mosambik und in den heiligen Garten von Gethsemane; vor allem aber an die Orte von »Peterhansels« Kindheit: in Recklinghausens ländliche Vorstadtidylle und in die alte Bergarbeitersiedlung Herten-Scherlebeck. Eindringlich erzählt er von den Erfahrungen, die ihn prägen, und warum es in fünfzig Lebensjahren mehr als einmal eine schützende Hand brauchte.

Als ich das Buch in die Hand nahm, dachte ich die Biografie eines bekannten Künstlers in den Händen zu halten. Eines Künstlers, den vermutlich jeder Deutsche mag, die meisten kennen und der uns immer prächtig amüsiert hat. Jahre zuvor sah ich ein sehr langes Interview/Talk Show mit ihm im Fernsehen und wurde damals neugierig. Wäre sie nicht weit nach Mitternacht ausgestrahlt worden, ich bereits mehr im Schlaf- als im Aufmerksamkeitsmodus, hätte ich damals bereits gemerkt, dass Hape Kerkeling nicht nur aus dem Komiker besteht. Alles andere würde mich auch wundern.
Ruckzuck waren 159 Seiten gelesen und ich dachte nur: Menno, er ist ja immer noch 8 Jahre alt. Wann wird sein Leben als Erwachsener beschrieben? Gelangweilt habe ich mich nicht, schließlich habe ich die knapp 160 Seiten an einem Tag gelesen. Erst nach diesem Gedanken schaue ich mir das Cover und sehe endlich den Satz: „Meine Kindheit und ich“. O.K. nicht ganz so groß geschrieben und dadurch schnell geeignet überlesen zu werden. Nun verstehe ich, warum immer noch wenig über Hape Kerkeling als Erwachsener zu lesen ist.
Sicherlich geschieht dies auf den ersten Seiten. Interessant zu lesen, mir aber oft zu pathetisch. beschrieben. Einige Adjektive diesbezüglich weglassend hätten mir gut gefallen.
Auch nach den ersten 160 Seiten wird von der Kindheit Hape Kerkelings erzählt.
Wunderbar beschreibt er seine Tanten und seine ihn prägenden Omas, sowie weitere Verwandte. Dies geschieht so plastisch, so gefühlvoll, dass ich manchmal das Gefühl habe: Drehe ich mich nun um, so würde ich sie hinter mir sehen können.
Das zieht sich durch das ganze Buch. In der Presse wurde sehr darauf eingegangen, dass er über den Suizid seiner Mutter schrieb. Ohne das Buch gelesen zu haben, zuvor das Interview gesehen zu haben, hinterließ diese Vorgehensweise auch einen schalen Geschmack bei mir.

Das ist falsch.

Zu seiner Kindheitsgeschichte gehören nicht nur die lustigen Beschreibungen seiner Familie, sondern auch die Beschreibung der Erkrankung seiner Mutter, die depressiv war. Diese erlebte er dermaßen hautnah mit und prägt ihn auch bis heute. Im Rahmen der chronologischen Erzählung würde es verwundern, wenn dieser Bereich ausgespart worden wäre. Hape Kerkeling erzählt brutal ehrlich aus seinem Leben. Unverblümt, offen, sehr plastisch und auch unheimlich kraftvoll. Ich las das Buch in anderthalb Tagen weg.
Ursprünglich hatte ich eine Biografie erwartet, die von seinem Aufstieg erzählt, vielleicht von schlechten Momenten oder mit Anekdötchen aufwartet.
Gut, dass er nicht ein solches Buch geschrieben hat, sondern schrieb, was er schrieb. Nein, er ist kein begnadeter Schriftsteller. Und ich bilde mir ein, die Brüche zu erkennen, als er beim schreiben lange Pausen machen musste.
Hier schrieb jemand authentisch über seine Kindheit und sein, in meinen Augen immer noch währendes Trauma über den Suizid seiner Mutter.
Dies auf eine Art, die berührt, kraftvoll ist, an seinen Gefühlen teilhaben lässt und mich als Leser mit ins Ruhrgebiet nimmt in Ecken, die auch ich noch erkenne.
Üblicherweise zitiere ich nicht aus den Büchern, die ich beschreibe. Heute mache ich eine Ausnahme.
„Ursprünglich sollte es die unterhaltsame Autobiografie eines schillernden deutschen Showstars werden. Ich wollte darüber schreiben, wie umwerfend und seligmachend das Gefühl ist, wenn man dem Publikum ein befreiendes Lachen entlockt. Darüber, dass es, aus der Künstlerperspektive betrachtet, bombastisch ist, wenn sich die Zuschauer in ihren Sitzen vor Lachen kugeln und an nichts anderes mehr denken können als daran, dass sie gerade fröhlich sind…..
Nun habe ich – und das ohne jede Absicht – die Geschichte einer verlorenen Kindheit gesagt. Es musste vielleicht einfach alles mal gesagt werden.“

Ich bin froh, dass er genau das in Form dieses Buches gesagt hat.

Stefan Krücken: Unverkäuflich

Klappentext:
Bobby Dekeyser ist fünfzehn, als er im Unterricht aufsteht und beschließt, Fußballprofi zu werden. Vier Jahre später steht er im Tor des FC Bayern München. Nachdem ihn ein Gegenspieler schwer verletzt, beginnt ein spektakuläres Abenteuer: Von einem Bauernhof in Niedersachsen aus schafft es Dekeyser, Vater von drei Kindern, ein Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitern zu erschaffen. Mit Verantwortungsbewusstsein, sozialem Engagement und gegen so ziemlich jede Regel, die es in der Welt der Wirtschaft gibt.UNVERKÄUFLICH! soll ein Handbuch der Inspiration sein. Ein Mutmacher, ein intimer Blick in die Seele eines Unternehmers. Es zeigt einen Weg zum Erfolg, der sich nicht an klassischer Schulbildung, steifer Karriereplanung und am Recht des härtesten Ellbogens orientiert. Dekeyser berichtet auch von der dunklen Seite der Verantwortung, von Einsamkeit und Zweifeln. Und von der Verzweiflung nach dem tragischen Tod seiner Frau. Vor allem aber von seinem Willen, trotz Schlägen des Schicksals niemals aufzugeben. Von Familiensinn, von Freundschaft und vor allem: einem grenzenlosen Optimismus. ANKERHERZ – Das Leben ist spannend.
Auf der Rückseite wird das Buche als ein „Handbuch der Inspirationen“ beschrieben.
Es entstand über einem Zeitraum von zweieinhalb Jahren. So liest es sich leider auch: Als eine Aneinanderreihung von Gesprächen, die in Kapitel unterteilt sind und dabei nicht flüssig geschrieben sind. Die an sich spannende Lebensgeschichte des Bobby Dekeyser wird ungelenk beschrieben. Der Enthusiasmus mit dem er seine Fußballkarriere und später sein Unternehmen aufbaute, wird glaubhaft transportiert. Die bisweilen eingeflochtenen „Weisheiten“ stören bisweilen. Die Anekdoten aus seinem Leben (Rikscha in New York) amüsieren, die Botschaften wie „Hinfallen und wieder aufstehen“ überzeugen anhand seiner Lebensgeschichte.
Diese Lebens- und Unternehmensgeschichte ist sicherlich einmalig und mehr als interessant. Weniger interessant ist, wie die Geschichte geschrieben wurde. Es ist schade, dass ein Buch, welches über einen solch langen Zeitraum entstand, so schlecht geschrieben ist. Teilweise sogar langweilig. Ich unterstelle Stefan Krücken, dass er ein guter Reporter ist, allerdings ein schlechter Buchautor.
Seine Zeitungsartikel und auch das Schlusswort sind gelungen. Ca. 8 Bücher schrieb er, das bekannteste vermutlich über „Kaptain Schwandt“. Auch hier wurde der Fehler begannen, dass aus einer guten Ausgangssituation ein enttäuschendes Buch entstand. Doch zurück zu „Unverkäuflich“. Wer ein Buch lesen möchte, in dem man zwischendurch immer einige Zeilen lesen möchte, ohne nach Wochen der Pause den Anschluss zu verlieren, ist hier gut bedient. Wer ein Buch in den Händen halten möchte, welches auf schönem Papier gedruckt wurde und welches sich daher  gut anfühlt, ist hier ebenfalls gut bedient. Wer die schönen Fotos geniessen kann, ist mit diesem Buch ebenfalls gut bedient.
Wer nachlesen möchte, wie aus einer interessanten Lebensgeschichte ein wirklich langweiliges Buch entstand, der ist mutig.

 

Paul Kalanithi: Bevor ich jetzt gehe

Klappentext:
Paul Kalanithi war Neurochirurg und Autor. Die Liebe zur Literatur und die Suche nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens führten ihn zum Studium der Biologie, Englischen Literatur, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie. Anschließend absolvierte er die Yale School of Medicine und machte seine Facharztausbildung in Stanford, wo er mit dem höchsten Nachwuchsförderpreos der American Academy of Neurological Surgery ausgezeichnet wurde. Er starb im März 2015 mit nur 37 Jahren, während der Arbeit an seinem Buch. Er hinterlässt seine Familie, seine Frau Lucy und ihre gemeinsame Tochter Elisabeth Acadia. Weiterlesen